Kicken ohne Ergebnisdruck Tricks fürs Leben

Kondition bolzen war gestern: Die Münchner Fußball-Schule versteht sich nicht nur als zusätzliches Trainingsangebot. Mit einer eigenen Philosophie will sie Nachwuchstalenten spielerisch Spaß und Selbstbewusstsein vermitteln

Von Stefan Galler, Planegg

Im Sitzen über Training, Bewegung, Fußball zu sprechen, fällt nicht jedem leicht. Der eine fuchtelt mit den Händen, der andere zappelt auf seinem Sessel umher. David Niedermeier springt alle paar Minuten auf. Beim ersten Mal fragt er: "Wo ist denn eine Nudel?" Damit meint er nichts anderes als einen Ball, und davon liegen einige herum im Büro der Münchner Fußball-Schule (MFS) im Planegger Ortsteil Martinsried. Und dann füllt er seine Erläuterungen über Technik- und Tricktraining mit Leben. Entweder er kickt die Kugel gegen die Wand, oder er zeigt genau, wie und wo man die modernen Bälle treffen muss, damit sie dem gegnerischen Torwart die größten Probleme bereiten.

David Niedermeier, 36, in München geborener Sohn einer Australierin und eines Schweizers, führt zusammen mit dem Oberpfälzer Michael Schuppke die Geschäfte der MFS. Sie wurde 1998 gegründet, um fußballbegeisterten Kindern die Möglichkeit zu geben, ihren Sport auch in der trainingsfreien Zeit im Rahmen von Feriencamps auszuüben. Diplom-Volkswirt Niedermeier und Diplom-Sportwissenschaftler Schuppke lernten sich dort als Praktikanten kennen.

2003 übernahmen sie die Fußballschule und weiteten das Angebot aus: Sie starteten Fußballkindergärten, um Koordinations- und Beweglichkeitsdefizite bereits von Vierjährigen auszugleichen, sie boten Einzel- und Fördertrainings an und Workshops für Trainer. Mittlerweile veranstaltet die MFS pro Jahr 60 Feriencamps an 25 Standorten. "Wir sehen uns als ergänzende Institution, um Vereine und Nachwuchsspieler zu unterstützen", erklärt Niedermeier. Mehr als 40 Partnervereine rund um München vermieten der Fußballschule Plätze und nutzen im Gegenzug deren Angebote, um Talente zu fördern. Unter anderem arbeitet die MFS mit Philipp Lahms Stammverein FT Gern zusammen, mit der DJK Würmtal, dem SV Straßlach, FC Teutonia, TSV Solln, 1. SC Gröbenzell und dem TSV Herrsching.

Das Runde muss ins Eckige? Kinder und Jugendliche wie Felix sollen aus der Münchner Fußball-Schule mehr mitnehmen als reines Ergebnisdenken.

(Foto: Claus Schunk)

Dritter Mann in der Geschäftsleitung ist der ehemalige litauische Nationalspieler Gediminas Sugzda, einst Profi in Jena und Erfurt und seit vergangener Woche Trainer beim Landesligisten Holzkirchen. Zum Team gehören neben 40 freiberuflichen Trainern mittlerweile zehn Lizenznehmer. Sie nennen sich "Trainer der Münchner Fußball-Schule", nutzen deren Datenbanken und Kontakte; dafür beteiligen sie im Gegenzug die MFS an ihren Honoraren. Alles in allem macht die Fußballschule eine Million Euro Umsatz im Jahr; bevor Niedermeier und Schuppke die Leitung übernahmen, waren es 20 000 Mark.

Den Kindern wird dafür mehr geboten als ein paar zusätzliche Übungseinheiten. Die Coaches haben eine eigene Philosophie entwickelt, um die Begeisterung für ihre Sportart weiterzugeben, sie haben sie bereits auf DVDs, einem Internetportal (www.mfsfussballtraining.tv) und in einer App veröffentlicht - und nun in einem Buch mit dem Titel "Einfach besser Fußball spielen", erschienen im Riva-Verlag. Ihre Trainingslehre fußt auf zwei Säulen: Auf einer eigens entwickelten "Trickphilosophie" und auf anspruchsvollen Koordinations- und Schnelligkeitsübungen. Konditionstraining ohne Ball ist verpönt, die körperliche, taktische und technische Entwicklung der Kinder soll sich vor allem durch Spaß am Wettkampf einstellen. Allerdings ohne den Druck des Gewinnenmüssens, der schon in jüngsten Jahren auf die Buben und Mädchen ausgeübt wird - es gehe darum, Kindern Selbstvertrauen zu vermitteln.

Ihr Konzept haben die MFS-Cheftrainer Michael Schuppke, links, und David Niedermeier in einem Buch zusammengefasst: "Einfach besser Fußball spielen".

(Foto: Oh)

Bis zur D-Jugend sollen sie möglichst wenig Wettkampf- und Auslesedruck erfahren. "Der Motor der Motivation ist die Anerkennung", sagt Niedermeier. In kleinen Kadern sollen daher alle zum Einsatz kommen, und zwar auf allen Positionen - nicht einmal einen festen Torwart gibt es. Stattdessen wird Wert auf das nimmermüde Einstudieren von Tricks gelegt: Bis zu 100 Varianten, eingeordnet in die verschiedensten Spielsituationen, haben die Trainer im Repertoire. "Viele glauben, wir erziehen die Kinder zu Egoisten. Aber jeder soll bei uns beides lernen, Einzelaktionen und Passspiel", sagt Niedermeier. "Die Balance ist allerdings schwierig", gibt er zu.

Es gibt für diese Ansätze viel Anerkennung, aber durchaus auch Kritik. Manche Nachwuchstrainer stellen fest, dass es Spielern, die die MFS besucht haben, an Wettkampfhärte fehle, an Siegermentalität; dass es ihnen schwerfalle zu entscheiden, wann Tricks sinnvoll sind und wann nicht. Für den Ausbilder Niedermeier gilt das nicht: Er hat früher in der Bayern- und in der Landesliga gespielt, für Eching und den Post SV Regensburg. Von seiner Fähigkeit, Spieler auszubilden, ist der 1,90-Meter-Mann, den sie "Faxe" rufen, überzeugt. Darum hat er auch für die ganz Großen noch Ratschläge: "Wäre Arjen Robben beidfüßig, er wäre vielleicht der beste Fußballer der Welt." An der MFS wird größter Wert auf die Schulung beider Füße gelegt.

Auch das psychologische Rüstzeug versuchen die Trainer ihren Spielern mit auf den Weg zu geben: "Mannschaftssport ist eine perfekte Schule für das Leben", sagt Niedermeier. "Du lernst Disziplin dir selbst und anderen gegenüber, du lernst, Autoritäten anzuerkennen, und entwickelst eine soziale Intelligenz."

Vor kurzem hat Niedermeier die Verantwortung für die U11 des FC Bayern übernommen. Dort ist man auf seine Philosophie aufmerksam geworden. Er weiß um das Selbstverständnis des Klubs und um dessen berüchtigte Siegermentalität ("Bayern-Gen"). Dennoch versichert er: "Bei mir dürfen Kinder auch Fehler machen. Ich bestärke sie darin, ihre Tricks immer wieder zu probieren. Bis sie klappen." Vielleicht schaut Arjen Robben ja auch mal vorbei.