Spaß an der Bewegung Ohne Leistungsdruck

"Westend United" ist ein Fußballverein für Kinder, in dem der Spaß am Sport im Vordergrund steht. Was 2011 als Initiative zweier Väter begann, ist inzwischen eine feste Einrichtung auf der Schwanthalerhöhe

Von Andrea Schlaier, Westend

Der Mann mit dem grauen Undercut sitzt tief in der Hocke und damit auf Augenhöhe mit den Umstehenden. Die umschlingen - einer links, einer rechts - seinen Hals, die übrigen halten sich im Kreis stehend an den Schultern. Dem einen reichen die Stutzen bis hinauf zu den Oberschenkeln. Alle Blicke richten sich auf den Hockenden. Der hat heute den flachsblonden Jungen neben sich auserkoren, die entscheidende Frage zu stellen: "Wie heißt unser Team?", nuschelt das Kind und die Sportfreunde um ihn herum nuscheln zurück. "Das geht noch lauter", herrscht der Trainer die Gemeinde mit gespielter Ernsthaftigkeit an. "Wie heißt unser Team?" brüllt das Kind mit den lichthellen Haaren. Ein Chor aus Vier- bis Siebenjährigen kreischt ausgelassen zurück: "Westend United". Zufrieden grinsend richtet sich Ekkehard Kissel aus ihrer Mitte auf, streckt die langen Beine durch. Ein paar Kinder hüpfen an dem Schlacks hoch wie junge Hunde. "Tschüss, Ekki!"

Einfach nur kicken, darum geht es bei Westend United.

(Foto: Andrea Schlaier)

Jeden Freitagnachmittag spielt sich dasselbe Schlussritual an der Kazmairwiese ab. Dann treffen sich auf dem Gelände an der Ridlerstraße über zwei Stunden verteilt an die 100 Kinder, um im einzigen Fußballclub des Viertels unter sportlicher und freundschaftlicher Anleitung zu bolzen. Einfach nur kicken. "Wir haben gesagt, wir machen hier überhaupt keinen Leistungsdruck, keine Liga, jeder darf mitmachen, egal wie gut er ist." Die Resonanz, die Ekkehard "Ekki" Kissel und Stephan Bernreiter inzwischen haben, ist gewaltig. Kissel grinst. "Freitags ist das Viertel immer grün." So wie die Trikotfarben von Westend United. Aus allen Ecken des Westends pilgern dann Jungs und Mädchen auf Rollern, Rädern, an der Hand von Vätern, Müttern und Großeltern in voller Vereinsmontur zur Kazmairwiese. Vereinigt nicht nur durch die Lust aufs Fußballspielen, sondern durchs Leben im Quartier.

Vier bis sieben Jahre alt sind die Nachwuchs-Kicker.

(Foto: Tina Engel)

Den Vätern Kissel und Bernreiter geht es wie vielen Eltern. Sie freuen sich über den Ballsport-Enthusiasmus ihrer Töchter und Söhne, sind gleichzeitig aber nicht sonderlich scharf auf den gängigen Vereinsrhythmus von wegen zweimal die Woche Training und samstags ein Spiel. Inklusive oft angekoppelter Leistungsstruktur. 2011 haben die beiden deshalb mit den eigenen und andern Kindern der Grundschule an der Bergmannstraße ein wöchentliches Fußballtraining im Bavariapark angeleiert. Ruckzuck wurden aus zehn 20 junge Kicker. Kissel erinnert sich: "Wir dachten dann, au weia, jetzt kommt der Winter und wir wollen weitermachen." Machten sie. In der Halle der Grundschule Bergmannstraße. Mit der Zahl der Freizeitsportler stieg auch die der Eltern, die sich mitengagierten. Tobias Bauer zählt dazu, Psychologe und Leiter eines integrativen Kinderhauses. Einen Mann vom Fach kann man bei der pädagogischen Arbeit brauchen. Nachdem der Andrang zu groß geworden war, war es auch Bauer, der geraten hatte, einen Verein zu gründen, "falls mal was passiert". 2014 war das. Das Team trat gleich auch dem Bayerischen Sportbund bei und war damit versichert. 40 Euro beträgt seither der Jahresbeitrag. Wer sich den nicht leisten kann, darf auch so mittrainieren.

Trainer Ekkehard Kissel gibt seinen Spielern im Training Tipps.

(Foto: Andrea Schlaier)

Ohnehin, sagt der gelernte Diplom-Kaufmann Kissel, habe man festgestellt, "dass es hier im Westend finanziell ne recht große Spanne gibt". Es kamen Kinder, die in Winterstiefeln mitbolzten, andere liefen in "Vollmontur Bundesliga-Outfit" auf. Deshalb habe man sich dazu entschlossen, eigene Trikots auszugeben. Passenderweise sponsert sie die "Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung" (GST), die auch Kinder- und Jugendtherapeuten ausbilden. Kissel kennt den Leiter und zieht ihn zuweilen zurate. "Der gibt mir auch mal andere Ansatzwege."

Die ersten Jungs bauen bereits Tore auf, stellen Hütchen und Stangen zum Dribbel-Slalom bereit. Heute wird in drei Gruppen Technik trainiert. "Ich find's einfach schön hier", sagt Jakob, zehn Jahre. "Man lernt keine Fouls. Cool, oder?" Das hören die Coaches gern, zu denen auch "Alex, Chrissi, Stefano und Steffo" gehören. "Uns geht es um den Spaß beim Sport", sagt Bauer, "gerade auch bei Kindergartenkindern". Jeder dürfe mitmachen. "Bei Vereinen wirst du teilweise ja rausgekickt oder nicht aufgestellt, wenn du nicht gut genug bist." Bei Westend United gehe es um mehr. "Die Kinder lernen sich im Verein kennen und wenn sie dann in die Grundschule kommen, kennen sie schon die Größeren und die halten zusammen, das ist ganz toll."

René Heckmann ist einer der Eltern, die an diesem Nachmittag am Spielfeldrand zuschauen, mit hoch zufriedener Miene: "Das ist mehr als nur rumkicken, hier lernen sie Fair Play und ein Miteinander. Es gibt keinen der sagt, du bist nur mittelbegabt und wirst nicht eingesetzt." Außerdem treffe man hier das halbe Viertel.

Über 100 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren machen inzwischen mit, inklusive eigener Mädchenriege, die von "Bianca, Luisa, Nicole und Stefanie", also durchweg Trainerinnen gecoacht wird. Er läppert sich gewaltig, der ehrenamtliche Einsatz. Das Team um den 47 Jahre alten Kissel, der unter www.westend-united.de auch eine Homepage eingerichtet hat, muss wie viele andere Vereine auch einige Energie aufbringen, um für den Winter überhaupt ein trockenes Trainingsplätzchen zu ergattern. Inzwischen kann man die Hallen der Mittelschule Schrobenhausener Straße und des Theresiengymnasiums nutzen. Auch die Trainingszeiten auf dem städtischen Grund an der Kazmairwiese würde man gern ausweiten. Tobias Bauer zuckt mit den Schulter: "Leider alles ausgebucht." Man versteht den Coach kaum: Der gesammelte "Westend United" donnert gerade über den Platz.