Sozialreferat Sozialarbeiter dürfen nicht mehr allein in Unterkünfte

  • Weil Sozialarbeiter der Stadt immer öfter bedroht werden, sollen sie in Unterkünften und Heimen nur noch arbeiten, wenn Sicherheitskräfte sie begleiten.
  • Menschen, die die Unterstützung von Sozialarbeitern benötigen, müssen nun von sich aus in die Behörden gehen.
  • Sozialexperten befürchten, dass das neue Vorgehen im Sozialreferat Aggressionen bei Hilfsbedürftigen erst hervorrufen könnte.
Von Thomas Anlauf

Das Sozialreferat hat offiziell die Beratung und Hilfe in Notunterkünften eingestellt, in denen es kein Sicherheitspersonal gibt. Auch aus Häusern, in denen bislang Erzieherinnen und Erzieher in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt worden sind, wurden diese abgezogen - aus Sicherheitsgründen. Menschen, die die Unterstützung von Sozialarbeitern benötigen, müssen deshalb nun von sich aus in die Behörden gehen. Die Weisung an die Mitarbeiter im Fachbereich Pädagogik, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, gilt seit dem 7. November. Nun warten Sozialarbeiter in ihren Büros darauf, dass Hilfsbedürftige zu ihnen kommen - nach SZ-Informationen sind das nur wenige Betroffene.

In dem Schreiben an die Mitarbeiter heißt es: "Zunehmend erleben Sie neben der psychischen Belastungssituation auch verbale Aggressionen, unangepasstes Sozialverhalten oder Drohungen von Seiten der Kundinnen und Kunden." Mit der seit geraumer Zeit wachsenden Aggression frustrierter Menschen, die dringend auf eine Unterkunft oder auf Geld warten, sind aber nicht nur die Sozialarbeiter konfrontiert, die in Notquartieren Betreuung anbieten.

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Im Amt für Wohnen und Migration an der Franziskanerstraße, wo der Andrang mit bis zu 1500 Hilfsbedürftigen täglich besonders groß ist, sind wegen der angespannten Sicherheitslage bereits jetzt 25 Sicherheitsleute im Einsatz. Doch dass das Referat nun den Außeneinsatz von Sozialarbeitern zum Teil komplett einstellt, ist eine neue Eskalationsstufe im Sicherheitskonzept der Behörde. Und das stößt durchaus auf Unverständnis.

Als "gefährliches Exempel" bezeichnet Andrea Betz den Schritt des Sozialreferats, nur noch mit Sicherheitsleuten aufsuchende Sozialarbeit zu betreiben. Die Leiterin der Abteilung Hilfen für Flüchtlinge, Migration und Integration bei der Inneren Mission München ist sich sicher, dass mit dem Einsatz von Security bei Sozialarbeitern auch erst Ängste geschürt werden, dass ihr Außeneinsatz gefährlich sein könnte. Auch für die betreuten Menschen sei das ein bedrückendes und womöglich sogar bedrohliches Gefühl, wenn Sicherheitsleute bei Beratungsgesprächen anwesend seien.

"Da ändert sich die Atmosphäre sofort", sagt Betz. "Sozialarbeit ist für mich, auf Menschen zuzugehen und ihnen einen Vertrauensvorschuss zu geben", sagt sie. Mit dem grundsätzlichen Einsatz von Security würden Menschen unter Generalverdacht gestellt, gewalttätig zu sein. Die Vorortbetreuung dort einzustellen, wo kein Sicherheitspersonal vorhanden ist, hält sie für den falschen Weg: "Sozialarbeit sollte da sein, wo die Menschen sind, die Hilfe brauchen. Sicherheitsmaßnahmen müssen im Einzelfall geprüft werden."

Auch andere Sozialexperten halten das neue Vorgehen im Sozialreferat für ein "gefährliches Signal", das sogar Aggressionen bei Hilfsbedürftigen erst hervorrufen könnte. So gibt es bei Unterkünften, die nicht von der Stadt betrieben werden, nur in Ausnahmefällen Sicherheitsleute, etwa bei der Bahnhofsmission. Dort ist aber die Situation deutlich angespannter als etwa in einer Familienunterkunft. Kinder würden mitunter verängstigt reagieren, wenn neben dem Sozialarbeiter ein Uniformierter in der Wohnung auftaucht.

"Die Kolleginnen arbeiten alle unter hohem Druck"

Christian Müller, Sozialexperte der SPD im Stadtrat, ist nicht sehr glücklich mit dem neuen Papier aus dem Sozialreferat. Damit sei man übers Ziel hinausgeschossen. Es habe sich damit "verabsolutiert, dass man nicht mehr nach außen geht", sagt Müller. Nach dem Gespräch mit der SZ rief der SPD-Politiker bei Rudolf Stummvoll, dem Leiter des Amts für Wohnen und Migration, an, um über die neue Weisung aus dem Sozialreferat zu sprechen. Das Ergebnis soll gewesen sein, dass die Weisung nun modifiziert wird.

Wenn kein Sicherheitsdienst in den Unterkünften zur Verfügung stehe, könnten nun zwei Sozialarbeiter gemeinsam die Beratung oder Betreuung übernehmen, damit die städtische Sozialarbeit vor Ort auch künftig gewährleistet ist. Bei einem großen Teil der Hilfsbedürftigen sei es unwahrscheinlich, dass sie aggressiv oder ausfallend werden - etwa Familien mit Kindern oder alleinerziehenden Müttern. Dennoch hält Müller es durchaus für sinnvoll, wenn bei Außendienstberatungen auch Security dabei ist, eine "Amtsperson" würde so anders wahrgenommen werden.

In einer Personalversammlung des Sozialreferats sollen kürzlich die betroffenen Sozialarbeiter darum gebeten haben, ihre Ängste und Sorgen auch ernst zu nehmen. "Die Kolleginnen arbeiten alle unter hohem Druck", sagt Müller. Letztlich sei die zum Teil aggressive Stimmung unter den Hilfsbedürftigen ein Ausdruck dessen, wie angespannt die Lage vor allem im Wohnungsbereich sei. Denn mittlerweile warten mehr als 13 000 Haushalte mit der höchsten Dringlichkeitsstufe auf Sozialwohnungen, vergeben werden können jährlich aber nur 3000 Appartements.

Dass die Vorort-Betreuung nun zum Teil eingestellt worden ist, soll keine dauerhafte Lösung bleiben, teilte das Sozialreferat am Mittwochabend mit. Im kommenden Jahr soll schrittweise ein Sicherheitskonzept umgesetzt werden, bei dem auch für die Außendienstmitarbeiter in "ausreichender Quantität" Security eingesetzt wird. Bis dahin gelte die "organisatorische Maßnahme" im Amt zu bleiben, um die Mitarbeiter vor Übergriffen zu schützen.

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