Sicherheit von Minderjährigen Fremde, die Kinder ansprechen? Polizei warnt vor übertriebener Sorge

  • Gerüchte kursieren derzeit in München, dass angeblich Fremde Kinder ansprechen und versuchen die Kleinen zu entführen.
  • Die Polizei geht den Hinweisen nach, sieht jedoch keine besonders hohe Gefahr.
  • Elternbriefe, Warnungen via Internet-Community und Mundpropaganda würden die Polizeiarbeit nur erschweren, da dort oftmals die Geschehnisse aufgebauscht würden.
Von Susi Wimmer

Es soll eine alte Frau gewesen sein, die versucht hat, ein Kind mitzunehmen. Und ein Mann, der vor der Schule ein kleines Mädchen fragte, ob es mit ihm kommen wolle: Zur Zeit kursieren wieder wilde Geschichten über so genannte Ansprecher, wie es im Polizeijargon heißt, vor allem in der Au und in Haidhausen. "Wir gehen wirklich jedem einzelnen Fall nach", sagt Rainer Samietz, Leiter des Kommissariats zur Bekämpfung von Sexualdelikten. Doch die Fälle der jüngsten Zeit hätten sich alle als harmlos herausgestellt.

Seit zwölf Jahren ist Samietz in dem Kommissariat - "und bislang ist mir noch nie ein Fall untergekommen, bei dem ein Kind angesprochen und verschleppt wurde". Trotzdem kommt sein Kommissariat auf jährlich 200 bis 400 Fälle von so genannten Kinder-Ansprechern. "Jeder Fall geht über meinen Schreibtisch. Ich will wissen: Stimmt das und wer hat das Kind angesprochen", sagt er. "Wenn's sein muss, laufen wir mit vollem Programm auf: Fingerabdrücke, DNA-Test, Lichtbildsuche, alles was geht." Meist stellt sich der Verdacht aber als falsch heraus.

Wie die Polizei auf die Hinweise reagiert

Vor kurzem wurden die Beamten von einer besorgten Mutter angerufen. Sie habe auf einem Spielplatz in Haidhausen ihre sechsjährige Tochter kurz alleine gelassen, um ihr Fahrrad zu holen. Als sie wiederkam, habe ihre Tochter erzählt, sie sei von einem Fremden angesprochen worden. Er habe ihr etwas von einem kleinen Kätzchen erzählt, sie solle doch mitkommen. Samietz Leute übernahmen den Fall. Die Ermittler fahren entweder zu den Kindern in die Wohnung oder in die Schule, bei schlimmeren Fällen werden sie in einem eigens eingerichteten Spielzimmer mit versteckten Videokameras befragt.

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"Unsere Leute spielen mit den Kindern, versuchen einen Zugang zu finden", erzählt Samietz. Und meist kommt dann schnell die Wahrheit ans Licht. "Wir sagen den Kindern auch, dass alles nicht schlimm ist, Hauptsache, es ist nichts passiert." In dem Fall hatte die Mutter dem Mädchen kurz zuvor eingebläut, sie solle sich nicht von fremden Männern ansprechen lassen. Daraufhin wollte die Tochter austesten, wie die Mutter reagiert, wenn sie behauptet, es habe sich ihr jemand genähert.

"Bitte keine Panik schüren"

Auch Christina Warta, Sprecherin des Schulamtes der Stadt München, kennt die Fälle von angesprochenen Kindern. "Natürlich gibt es Leitfäden für die Kinder, die unsere Horte besuchen", sagt sie. Die Buben und Mädchen sollten einfach weitergehen und dann den Erziehern oder Eltern Bescheid geben. Und die sollten, das wünscht sich Rainer Samietz, die Polizei verständigen und sie ermitteln lassen. "Und bitte keine Panik schüren."

Denn Elternbriefe, Warnungen via Internet-Community und Mundpropaganda würden die Polizeiarbeit nur erschweren. Die Geschichten werden in abgewandelter Form weitergegeben und aufgebauscht. Wie etwa von der alten Frau, die Kinder verschleppt. Die Polizei ging dem Fall nach und stieß auf eine Seniorin, die in der Cosimastraße einem Kind zwei Zirkuskarten für einen kleinen Wanderzirkus, der in der Gegend gastierte, schenken wollte.

Das Thema ist sensibel, sagt Samietz. Und natürlich gebe es Fälle, wo ein polizeibekannter Mann ein Kind anspricht. "Da handeln wir dann entsprechend." Sollte wirklich der Hauch einer Gefährdung für die Kinder bestehen, "dann schreiben wir Briefe an die Schule oder die Eltern, da können sie sicher sein."