Von Bernd Kastner

Auch nach dem Gewaltakt von Solln ist die Sicherheit an den Münchner Bahnhöfen nicht gewährleistet. Die defekten Notrufsäulen sind noch immer nicht repariert.

Am S-Bahnhof Donnersbergerbrücke steht ein merkwürdiges Ding auf dem Bahnsteig. Zwei Meter hoch ist es etwa und blau, genauer gesagt: in einen blauen Müllsack eingewickelt, der unten mit einem Klebeband fixiert ist. Ganz unten, dort, wohin der Müllsack nicht mehr reicht, erkennt man die eigentlichen Farben dieses Dings: rot und blau.

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Müllbeutel verhüllen defekte Notrufsäulen an Münchner Bahnhöfen. (© Foto: Haas)

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Es ist, das wissen regelmäßige S-Bahnfahrgäste, eine Notrufsäule. Eine jener Säulen, auf denen SOS steht und die vor gut vier Wochen plötzlich für große Aufregung sorgten - weil sie nicht funktionieren, und das seit fünf Jahren schon. Nun will die Bahn ganz neue Säulen installieren - und das bis Ende November.

Defekte Säule auch in Solln

Nachdem Mitte September der Geschäftsmann Dominik Brunner am Bahnhof Solln zu Tode getreten worden war und wieder einmal eine Diskussion über Sicherheit in den Bahnen entbrannt war, interessierte sich plötzlich sogar der bayerische Verkehrsminister für die Säulen. Schließlich steht auch wenige Meter neben dem Tatort am Sollner Bahnhof so eine Säule, versehen mit dem Aufkleber "außer Betrieb".

Minister Martin Zeil (FDP), die Deutsche Bahn (DB) und die Bayerische Oberlandbahn (BOB) versprachen daraufhin, "umgehend für eine Inbetriebnahme zu sorgen". Allein, auch vier Wochen später stehen die Säulen da, schamvoll eingewickelt - und außer Betrieb. Und das nicht nur an der Donnersbergerbrücke, jener Station, wo die verhängnisvolle Auseinandersetzung begann, der Brunner zum Opfer fiel, sondern an rund 20 Stationen im S-Bahnbereich.

Es sind jene Bahnhöfe, die auch die Bayerische Oberlandbahn (BOB) auf dem Weg in die Berge anfährt. Die Privatbahn war es, die 2004 die Säulen aufstellte. So sei es in den Verträgen festgeschrieben gewesen, betont BOB-Chef Heino Seeger. Dann habe man die SOS-Säulen an die Bahn übergeben, die aber habe sie nie angeschlossen. Statt dessen erzürnte sich die DB im September, als die Sache publik wurde, dass die BOB "schwarz gebaut" habe.

Die beiden Bahnen zeigten mit dem Finger auf den anderen: Der ist schuld! "Wenn es nach uns ginge, wären sie schon seit Jahren im Einsatz", erklärte BOB-Chef Seeger. Und ein DB-Sprecher polterte zurück: Ein "untauglicher Versuch" sei das, von den BOB-Versäumnissen abzulenken. Wer hat Recht? Wären die Säulen derzeit nicht verhüllt, würde man sehen, dass auf ihnen zwei Logos prangen: das der DB und das der BOB.

Druck aus dem Ministerium

Am 17. September zitierte der Minister Vertreter der streitenden Unternehmen zu sich ins Büro. "Völlig unakzeptabel" sei das alles, empörte sich Zeil, die Säulen seien "unverzüglich" in Betrieb zu nehmen. Die Causa SOS war und ist auch für die Staatsregierung überaus peinlich, ist es doch der Freistaat, der den Nahverkehr bestellt und bezahlt und auch Dinge wie die Notrufsäulen bezuschusst, wie man im Ministerium kleinlaut einräumt. An jenem Tag versprachen die Streithähne auch, "in den kommenden Tagen" bekannt zu geben, wann die Säulen ihren Dienst tun. Allein, seither herrscht Schweigen.

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