Sendling Endlich ein Zuhause

Unter einem Dach leben: Wohnkonzepte, die auf die Bedürfnisse von Homosexuellen abgestimmt sind, sucht man in München derzeit noch vergebens.

(Foto: Bockwoldt/dpa)

In den Neubauten auf dem Herzog-Ernst-Platz wird Platz sein für Lesben, Schwule, Klienten der Aids-Hilfe und alleinstehende Frauen mit Kindern - Menschen, die sonst nur geringe Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben

Von Birgit Lotze, Sendling

Wenn die städtische Wohngesellschaft GWG die Sendlinger Wüste bebaut, entstehen nur vier Blocks entfernt von der Theresienwiese 10 000 Quadratmeter Wohnfläche. Die Frage lautet: Wer zieht an den Herzog-Ernst-Platz? Rund 4000 Quadratmeter werden auf dem freien Mietmarkt und nach dem München Modell vergeben. Der Rest ist bereits verplant: In einige Wohnungen sollen ältere Menschen aus der LGBT-Szene - so werden parallel zum englischen Sprachraum Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender übergreifend abgekürzt - einziehen. Die Münchner Aids-Hilfe hat Bedarf für 30 Apartments für Alleinstehende und Paare angemeldet. Der größere Teil, 2500 Quadratmeter, wird vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) übergangsweise an Frauen vergeben, die keine Wohnung haben: 20 Apartments für alleinstehende Frauen, 25 für Frauen mit mehreren Kindern, von denen mindestens eines bereits älter ist.

Wohnkonzepte, die auf die Bedürfnisse von Homosexuellen abgestimmt sind, sucht man noch vergebens in München. Es gibt lediglich ein Wohngemeinschaftsprojekt, speziell für HIV-Infizierte. Das integrative Projekt am Herzog-Ernst-Platz soll das erste in München werden, das auch im Alter weiterhin ein offenes Leben ermöglicht, sagt Thomas Niederbühl, der Geschäftsführer der Aids-Hilfe: "Schwule, Lesben und Transgender hat die Altenhilfe nicht so im Blick."

Auch das Wohnkonzept für Frauen mit mehreren, darunter auch älteren Kindern, ist neu für München. Für diese Gruppe gebe es bislang kein adäquates Angebot, sagt Simone Ortner, Bereichsleiterin für Wohnungslosen- und Straffälligenhilfe beim SkF, die Räume für Akut-Unterbringungen seien in der Regel sehr klein. Man setze in der Wohnungslosenhilfe auf Behelfsmäßigkeit, wolle Anreize vermeiden, die weitere Wohnungssuche verhindern. Doch das Zusammenleben könne problematisch werden mit pubertierenden Kindern, die keinen Platz für einen Schreibtisch hätten, keine Möglichkeit zum Rückzug. Auch sollten getrennte Schlafzimmer möglich sein. Die geplanten Apartments am Herzog-Ernst-Platz sollen für solche Fälle flexibel sein: Besteht Bedarf nach einem Spiel-, Arbeits- oder Schlafzimmer, wird es an ein Apartment angegliedert, sagt Ortler. Falls nicht, wird es beispielsweise als Einzelapartment vergeben.

Die Wohnungslosenhilfe stellt die Stadt derzeit vor große Herausforderungen, die Prognosen sind alarmierend: 5450 Menschen litten Ende des Jahres 2015 nach den Zahlen des Wohnungsamtes unter akuter Wohnungslosigkeit, davon 1500 Kinder. Binnen eines Jahres sollen diese Zahlen laut Ortner um mehr als hundert Prozent steigen. Das heißt: Ende dieses Jahres haben voraussichtlich 12 000 Menschen in München - alteingesessene und neue mit Migrationshintergrund - keine Möglichkeit, in einer eigenen Wohnung zu sein.

Um die wenigen, bezahlbaren Wohnungen konkurrieren die Wohnungslosen auf dem Markt mit Geringverdienern, mit Menschen mit mittleren Einkommen und mit Studenten. Dass sie deshalb nicht, wie geplant, "zügig" in den Wohnungsmarkt integriert werden könnten, verschärfe das Problem, sagt Simone Ortner: "Zurzeit sind die Systeme verstopft." Übergangseinrichtungen, wie sie die Wohnungslosenhilfe vorsieht, seien eigentlich auf ein halbes Jahr angelegt. Seit zwei Jahren steige die Dauer jedoch konstant stark an. Inzwischen sei es fast normal, eineinhalb Jahre in einer Übergangseinrichtung zu leben.

721 wohnungslose Familien mit ein oder mehreren Kindern zählte die Stadt Ende 2015 in ihren Unterkünften und denen der Wohlfahrtsträger. Außerdem haben 330 Alleinerziehende mit Kindern und 326 alleinstehende Frauen keine Wohnung. Die Zahlen belegen, dass weit mehr wohnungslose Männer als Frauen in München leben. Laut Ortner liegt das auch daran, dass Frauen Wohnungslosigkeit als unangenehmer empfinden als Männer und das, solange es gehe, vermeiden. Selbst in gewalttätigen Beziehungen hielten sie lange aus, und wenn sie ihre Wohnung verlören, nutzen sie meist zunächst Kontakte zu Familie und Freunden. Frauen würden ihre Wohnungslosigkeit oft geschickt verbergen, hat Ortner beobachtet. Wie eine ältere Dame: Sie sitzt tagsüber auf Bänken in U-Bahnhöfen und steigt nie ein. Einen Schlafplatz hat sie, dort kann sie jeweils nur ein paar Stunden bleiben. Sie ist sehr ordentlich gekleidet, hat nur eine kleine Tasche dabei. Sie wolle keinesfalls durch Taschen und Tüten auffallen, sagt sie: "Ich wirke wie eine ganz normale Reisende."