Sendling:"Das ist eine Finte"

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In der Auseinandersetzung um bedrohte Parzellen der Kleingartenanlage Südwest 24 vermuten Lokalpolitiker, dass die Bauvoranfrage für eine Flüchtlingsunterkunft einen negativen Bescheid der Stadt aushebeln soll

Von Birgit Lotze, Sendling

Der Sendlinger Bezirksausschuss (BA) hat die Stadt München aufgefordert, die aktuelle Bauvoranfrage für eine Unterkunft für Flüchtlinge und Wohnungslose nahe des Heizkraftwerkes Süd an der Schäftlarnstraße 124 abzulehnen. In der Sitzung hatten sowohl die SPD als auch die CSU Anträge formuliert, die in allen Punkten einhellig unterstützt wurden. Die Stadt soll nun mit dem Grundstückseigentümer Verhandlungen aufnehmen, das Areal kaufen oder gegen eine andere Fläche tauschen. Die bedrohte Kleingartenanlage namens Südwest 24 (SW 24), die sich hinter der Adresse verbirgt, soll dauerhaft von einer Zeitkleingartenanlage in eine Daueranlage umgewidmet werden. Falls die städtische Lokalbaukommission dies ablehnen sollte, fordern die Sendlinger Stadtteilvertreter die Stellungnahme eines Vertreters im Ausschuss.

Zehn der insgesamt 64 Kleingartenparzellen, etwa ein Viertel der Fläche, würden durch eine Bebauung zerstört. Und die Pächter jener Gärten, die an die eventuell entstehenden Gebäude angrenzen würden, haben bereits klargemacht, dass sie durch Verschattung ebenfalls betroffen wären. In der BA-Sitzung machte Alex Pürkner, als Vorsitzender des Verbandes Münchner Kleingärtner zuständig für 85 Anlagen und 11 000 Mitglieder, darauf aufmerksam, dass der Bedarf an Kleingärten in München enorm ist: "Wir kämpfen um jeden einzelnen Platz, wir verdichten und teilen, um einigermaßen die Nachfrage zu stillen." In der Sendlinger Anlage, die liebevoll gehegt und gepflegt wird und beinahe hundert Jahre alt ist, müssen Mitglieder offenbar eine Wartezeit von bis zu sechs Jahre in Kauf nehmen, bis sie eine freie Parzelle erhalten. Pürkner, der schon seit geraumer Zeit wegen einer Umwidmung der SW 24 in eine Daueranlage im Gespräch mit der Stadt ist, erinnerte daran, dass Dieter Reiter (SPD) im Wahlkampf angekündigt hat, keinen Kleingartenplatz zu vernichten, solange er Stadtoberhaupt sei: "Bislang hat Reiter Wort gehalten."

Sie fürchtet um ihr blühendes Idyll: Regina Semler hat ihren Kleingarten vor nunmehr 58 Jahren von ihren Eltern übernommen. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Vorsitzende des SW 24, Norbert Wagner, sagte in der Sitzung, der private Investor, der vor einigen Jahren den fast 2600 Quadratmeter großen Teil des Kleingartenareals von der Deutschen Bahn gekauft hat, halte sich im Hintergrund. Die Kleingärtner hätten keinen Kontakt zum Antragsteller, sie seien nicht einmal über einen Eigentümerwechsel informiert worden. Und die Pacht werde nach wie vor auf ein seit Längerem bestehendes Konto gebucht. SPD-Fraktionssprecher Ernst Dill stellte Ungereimtheiten in der Bauvoranfrage fest. Der Antragsteller habe explizit darauf verwiesen, dass die Stadt und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seinen Antrag unterstütze. "Nichts davon ist wahr."

Wie berichtet, vermuten die Lokalpolitiker und ihr Vorsitzender Markus Lutz (SPD) eine "Finte". Der Antrag habe wohl kaum zum Ziel, tatsächlich Wohnraum für Flüchtlinge zu schaffen. Vielmehr geht es in den Augen des Gremiums darum, die derzeit erleichterten Bedingungen für den Bau von Flüchtlingsunterkünften auszunutzen, um das Gelände dann letztendlich für eine andere Nutzung zu bebauen. Der Antragsteller hatte bereits vor vier Jahren eine Bauvoranfrage für Wohnungen gestellt, die Lokalbaukommission hatte den Antrag abgelehnt. Denn das Gartenareal ist im Flächennutzungsplan als Teil eines überregionalen Grünzuges ausgewiesen - eine Frischluftschneise von der Isar über den Flaucher und die Neuhofener Anlagen bis zum Südpark.

Gemütliche Adresse: das Schild der Gartenanlage an der Schäftlarnstraße 12. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Regina Semler sieht durch den Antrag ein Paradies bedroht. Die 91-Jährige liebt nicht nur ihre Parzelle, sondern wohnt auch gleich um die Ecke mit Gartenblick. Für sie ist der Kleingarten "ein Halt" - ihr geht es um die Idylle, die nette Nachbarschaft, ihr Häuschen, um ihren besonders schönen Sonnenhut, um Blühen und Wachsen. Vor beinahe 60 Jahren hat sie den Garten von ihren Eltern übernommen. Wird gebaut, wird alles zerstört, sagt sie - egal, ob man Pächter der zehn betroffenen oder der angrenzenden Gärten ist: "Das hier ist alles sehr wichtig für uns."

© SZ vom 08.09.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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