Schwanthalerhöhe Feinstaub und Frittierfett

Auf der Schwanthalerhöhe gibt es nach wie vor viele Probleme, vor allem eine hohe Verkehrsbelastung. Wie die Bürgerversammlung in Münchens kleinstem Stadtbezirk zeigt, wollen aber viele Anwohner an einer Lösung mitwirken

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

"Servus, Nachbarn!" Die junge Frau mit dem blonden Undercut grinst selbstbewusst in die Tiefe des prächtigen, getäfelten Wirtshaussaales. Gut 120 Leute nicken ihr entgegen, dorthin, wo sie sich an einem Holzpult gerade das Mikro auf Mundhöhe zurecht gerückt hat. Am Dienstagabend klappert's vom voll besetzten Biergarten am Bavariapark vor der Tür zu den Fenstern herein. Und trotzdem drängen sich drinnen im Saal erstaunlich viele Menschen, junge wie ältere, weil sie erkennbar das Bedürfnis haben, das Leben in ihrem sehr familiären Viertel mitzugestalten. Das geht von Lösungsansätzen oft benannter Verkehrsprobleme bis zu leidenschaftlichen politischen Appellen, gemeinsam für das Überleben des hier noch existierenden linken Arbeitermilieus im Haus mit der Roten Fahne zu kämpfen oder gegen das Polizeiaufgabengesetz ("Der Bezirksausschuss soll sich dagegen einsetzen, dass bei uns im Viertel keine dauerhafte Videoüberwachung eingesetzt wird!"). Sie gießen ihre Wünsche im kleinsten Stadtbezirk Münchens zwei Stunden lang in sagenhafte 33 Anträge und 28 Wortbeiträge.

Hübsch, aber empfindlich: Der Belag des Schneckenplatzes auf der Schwanthalerhöhe soll schmutzabweisender werden.

(Foto: Florian Peljak)

Und das, obwohl zuvor Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD), Bezirksausschuss-Chefin Sibylle Stöhr (Grüne) und Polizeidirektor Hans Reisbeck von der Beethovenwache schon eine Stunde lang Zahlen und Fakten übers Viertel referiert haben. Die Gegend, die mit 35 Prozent Fußgängeranteil einen Rekord in der Stadt aufstellt und dessen Bewohner "nur" zu 21 Prozent selbst motorisiert sind, wie Zahlen des Planungsreferats belegen, ächzt dennoch unter den Lasten des sie umspülenden Verkehrs. Die meisten Antragsteller, die am Holzpult vor der Versammlung Stellung beziehen, suchen nach Lösungen, auch der immensen Feinstaub-Belastung vor allem an den "Dreck-Schleusen" Landsberger Straße im Kreuzungsbereich zur Donnersbergerbrücke, zu entkommen. Bloß wie? Ein Durchgangsverbot durchs Quartier für Diesel-Fahrzeuge unter der Euronorm-Klasse 6 und für Benziner unter der Klasse 5 schlägt eine Frau vor. Ein anderer beantragt, für die nördliche Einfahrt des Trappentreutunnels eine begrünte Lärmschutzwand zu bauen.

Den Erhalt des Hauses mit der Roten Fahne als Kulturort und Refugium des linken Arbeitermilieus forderten die Bewohner der Schwanthalerhöhe bei ihrer Bürgerversammlung.

(Foto: Florian Peljak)

Für einen Nachbarn, der auf der Schwanthalerhöhe aufgewachsen ist, als die noch ein "Ruaßloch war, weil hier alle mit Kohle heizten", ging es auch eine Nummer kleiner: "Dort, wo Bäume im Viertel gefällt werden, soll für Nachpflanzungen gesorgt werden." Fanden fast alle ausgezeichnet. Ein anderer wurde von der Versammlung in seinem Antrag unterstützt, die Barthstraße doch verkehrsberuhigen zu lassen. Und natürlich kommt auch der sogenannte Stöpsel an der Trappentreustraße zum Aufruf; die gefährliche Engstelle am westlichen Gollierplatz, die viele Kinder passieren, aber eben widerrechtlich auch Autos und Lkw. Ein um den anderen Entlastungsvorschlag aus dem Bezirksausschuss hat das Kreisverwaltungsreferat in der Vergangenheit abgelehnt. Deshalb schlägt nun ein Bürger vor: "Die Verwaltung soll jetzt geeignete Lösungsmaßnahmen entwickeln." Während der Wiesn, das wünscht sich die Mehrheit der Besucher auch, sollen Fahrzeuge, die auf Bewohnerparkplätzen und vor Hofeinfahrten abgestellt werden, vermehrt abgeschleppt werden. Mehr Kontrollen wünschen sich viele der Bewohner von der Polizei, sei es bei nächtlichen Autorennen im Bereich Westend-/Ganghofer-/Tulbeck- und Bergmannstraße oder den Falschparkern unter den sonntäglichen Kirchenbesuchern. Außerdem votiert die Mehrheit für einen Antrag, der eine Planung fordert, damit nicht immer mehr Berufspendler die Straßen verstopfen. Ein Rollstuhlfahrer fordert eine behindertengerechte Toilette am Bavariapark und gelbe Rampen an der ersten Zugtür der U-Bahn-Stationen Heimeranplatz und Schwanthalerhöhe.

Es mangelt auch an einer Lösung für die gefährliche Engstelle.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eine Antwort auf den Wunsch nach einer Entlastung der beengten Verhältnisse an der Carl- von- Linde und der Ridlerschule gibt Versammlungsleiterin Strobl aus dem Stand. Auf dem Grundstück an der Ganghoferstraße, im Verwaltungsjargon ist vom "MK 2" die Rede, sei eine Machbarkeitsstudie in Arbeit. Vorgesehen sei eine vierzügige Mittelschule samt Zweifach-Sporthalle und Freiflächen, zusätzlich Wohnungen für städtische Beschäftigte. "Wir wollen", sagt die Bürgermeisterin, "auf dem Grundstück das Baurecht so gut wie möglich ausschöpfen".

Zwei mehrheitlich unterstützten Anträgen auf die Schaffung einer umzäunten Hundewiese im Bavariapark stellt Stöhr sogleich die ablehnende Haltung ihres Gremiums entgegen: "Wir sehen das kritisch und setzen andere Prioritäten." Für den Antrag der jungen Frau mit dem blonden Undercut, die am Rednerpult für einen besseren Bodenbelag am Schneckenplatz wirbt ("der versteht sich nicht mit Rotwein und Frittierfett"), attestiert Stöhr Sanierungsbedürftigkeit. Der empfindliche Kalkstein sei für die Feierfläche ungeeignet.

Ein "Puh" ist von der Bürgermeisterin nach drei prallvollen Stunden nicht zu hören. Stattdessen holt sie zum Lob aus: "So viele Anträge gibt es nicht oft, und auch nicht, dass alle bis zum Schluss bleiben. Ich danke ihnen für dieses außerordentliche bürgerschaftliche Engagement!"