Rechte Gruppierung Rassistische Bürgerwehr in Pasing

Als "Odinssoldaten" sind sechs Männer und eine Frau unter anderem durch den Pasinger Bahnhof gezogen. Bei einem lugte unter der Jacke ein Holster hervor.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Die "Soldiers of Odin" agieren europaweit. Nun sind sie erstmals in München in Erscheinung getreten. Die Gruppierung gibt sich harmlos, weist aber viele Verbindungen zur rechten Szene auf.

Von Martin Bernstein

Eine rechte Bürgerwehr ist am Freitag voriger Woche bei Rundgängen durch Pasing und durch die Innenstadt beobachtet worden. Die Gruppierung, die ursprünglich aus Skandinavien stammt, nennt sich "Soldiers of Odin". Ihr deutscher Ableger stellt sich als "Nachbarschaftshilfe" dar und das martialische Auftreten auf der Straße als "Spaziergang". Doch zahlreiche Verbindungen weisen in die rechte Szene, auch in München. Der bayerische Verfassungsschutz hat die Gruppierung deswegen im Auge und prüft, ob es Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen gibt.

Sechs Männer und eine Frau waren vom Pasinger Bahnhof zur Landsberger Straße unterwegs und später in der Fußgängerzone. "Soldiers of Odin Germany" war auf ihren schwarzen Jacken zu lesen. Dazu das Logo der Gruppierung: ein Wikingerkopf und darunter ein Halstuch in den jeweiligen Nationalfarben. Beobachtern aus der antifaschistischen Szene und etlichen Jugendlichen fiel der Auftritt auf; sonst ließ der Bummel des Septetts die Münchner kalt. Besorgte Anrufe oder gar Einsätze habe es keine gegeben, berichtet ein Polizeisprecher. Und das, obwohl einer der Männer laut Augenzeugen ein Holster unter der Jacke trug.

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"Guten Morgen, Rudel"

Auf ihren zahlreichen Facebook-Seiten zeigen sich die Odinssoldaten so: Man trägt gehörnte Helme und vorzugsweise lange Bärte, trinkt Met und lauscht brachialer Musik, man grüßt sich mit "Guten Morgen, Rudel" oder "Heil Odin". Für ihre Facebook-Pseudonyme plündern die rechten Wikinger mehr schlecht als recht den Namensfundus der nordischen Mythologie. Ihr bayerischer Vize-Chef, ein gewichtiger Lastwagenfahrer aus Würzburg, firmiert mal als "Allvater", mal als "Göttervater Odin".

Das alles ist aber mehr als nur eine Normannen-Gaudi. Der "Göttervater" wirbt auf Facebook für die rechtsextremistische Kameradschaft Unterfranken, ein "Netzwerk Gleichgesinnter", wie er schreibt. Über sie steht im Verfassungsschutzbericht: Ziel der Kameradschaft sei es, "eine Schnittstelle zwischen rechtsextremistischen Parteien und der Neonaziszene zu bilden". In einem von den "Soldiers" veröffentlichten Video wird vor dem angeblichen "Volkstod" gewarnt, basierend auf der völkisch-biologistischen Ideologie des Rechtsextremismus. "Volkszugehörigkeit wird dabei festgemacht an genetischen Merkmalen", so der Verfassungsschutz.

Selbst ernannte Sicherheitswächter

Die "Soldiers of Odin" sind nicht die einzige rechte Gruppierung, die mit angeblichen Patrouillengängen zu suggerieren versucht, dass die Polizei Hilfe brauche, um die Sicherheit in München aufrechtzuerhalten. Hilfe, die die Polizei empört zurückweist. "Wozu auch?", fragt ein Sprecher. Parallel-Exekutiven würden nicht geduldet, was man auch 2016 dem Gründer einer angeblichen "Bürgerwehr" deutlich gemacht habe. Nach den Silvester-Übergriffen von Köln und dem Terroralarm an zwei Münchner Bahnhöfen in derselben Nacht hatten damals gleich zwei Gruppen versucht, als "Bürgerwehr München" aufzutreten. Zu einem ersten Treffen kamen damals nach Erkenntnissen der Fachinformationsstelle Firm neun Teilnehmer, 176 Mitglieder hatte die Facebook-Gruppe. Auch damals waren Neonazis vom "Dritten Weg", rechte Löwen-Hooligans der "Brigade Giesing" und Pegida-Unterstützer dabei. Auf die angekündigten "Spaziergänge" verzichtete die Truppe.

Eine zweite Gruppe, die sich in "Zivilcourage München" umbenannte, behauptete im Netz noch bis Ende 2016, sie sei aktiv und "unterwegs, um die Straßen sicherer zu machen". Markus Schäfert vom Landesamt für Verfassungsschutz hingegen sagt: So wolle man den Eindruck vermitteln, "staatliche Strukturen seien nicht in der Lage, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Staatsverdruss bis hin zur Staatsablehnung kann die Folge sein." Viermal zogen zudem Neonazis der Gruppe "Der Dritte Weg" als so genannte "nationale Streifen" durch München. Zweimal waren auch Anhänger der griechischen Neonazi-Partei Chrysi Avgi beteiligt. (Martin Bernstein)

Für Nachwuchs-Wikinger gibt es eine eigene Bewerberseite

Die Soldiers of Odin treten seit 2015 in Erscheinung, gegründet wurden sie von einem finnischen Rechtsextremisten. Vor etwa einem Jahr entstand ein Ableger in Deutschland. Auf dessen Internet-Seiten überall dasselbe Bild: Hetze gegen Migranten, nur notdürftig garniert mit Hilfsaktionen für ausgesetzte Tiere und kranke Kinder. "Eine rassistische Bürgerwehr", urteilt der Extremismus-Experte Matthias Quent. Der deutsche Ableger nimmt für sich in Anspruch, "zum Schutz unserer Bürger und Sicherheit auf unseren Straßen" zu marschieren; die so durchwanderten Gebiete werden dann zum "Schutzgebiet" erklärt. Öffentlich in Erscheinung getreten ist er in Deutschland erst einmal: in Würzburg. Und nun eben in München.

Für Nachwuchs-Wikinger gibt es eine eigene Bewerberseite. Darauf finden sich auch etliche Mitglieder aus München und Oberbayern, darunter die ehemalige Münchner Pegida-Chefin Birgit W. "München ist zur Zeit einfach verloren", raunt sie in einem Kommentar. "Da müssen andere Lösungen gefunden werden." Viele Odinsjünger präsentieren sich als Anhänger von AfD oder NPD. Verbindungen werden sichtbar ins Lager rechter 1860-Ultras ebenso wie in die Neonazi-Szene.

Wollen sie damit einschüchtern?

Auf ihrer eigenen Seite veröffentlicht die "bayerische Division" der wie ein Rockerclub aufgebauten Gruppierung ein Foto mit der Odalrune - einem Symbol, das auch die in Deutschland verbotene Wiking-Jugend verwendet hatte. Der Verfassungsschutz sieht es als "wahrscheinlich an, dass Soldiers of Odin in München und Umland über Anhänger verfügt, darunter auch Personen, die in der Vergangenheit bereits im Zusammenhang mit rechtsextremistischen Strukturen aufgefallen sind".

Neonazis vom "Dritten Weg" tragen ebenso wie Odins-Soldaten bedruckte Jacken bei ihren Streifzügen. Die Frage ist: Wollen sie damit einschüchtern? Dann nämlich wäre das nach dem Versammlungsgesetz verboten. Nicht verboten seien lediglich "gleichartige Kleidungsstücke, die keinen militanten und unfriedlichen sowie bedrohlich-einschüchternden Eindruck verbreiten", hat das Innenministerium dem SPD-Angeordneten Florian Ritter geschrieben. Ritter jedoch sagt, die einheitliche Kleidung beim "Dritten Weg" (Aufschrift: "National Revolutionär Sozialistisch") verstärke die beabsichtigte einschüchternde Wirkung. Es sei eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, "wenn sich Neonazis zusammenrotten und sich auf die Suche nach Migranten und politischen Gegnern begeben, in der Hoffnung, straflos gegen diese Personen Gewalt ausüben zu können".

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