Schwerkranker Angeklagter vor Gericht Dachauer Todesschütze legt Geständnis ab

"Ich habe den Staatsanwalt erschossen": Überraschend gesteht der Dachauer Todesschütze vor Gericht in München seine Tat - und räumt ein, dass er auch den Richter töten wollte. Als es um sein Motiv geht, wird der schwerkranke Angeklagte auf seinem Krankenbett laut.

Ist am Dienstag überraschend vor Gericht erschienen: Der Angeklagte Rudolf U.

(Foto: dapd)

Als die Zuhörer in den Gerichtssaal eingelassen werden, liegt der schwerkranke Angeklagte bereits in einem Krankenbett neben den Richtertisch. Weitgehend regungslos lässt Rudolf U. das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. "Gut", antwortet er, als Pflichtverteidiger Wilfried Eysell ihn nach seinem Befinden befragt. Dann legt der Angeklagte ein Geständnis ab.

"Ich habe den Staatsanwalt erschossen und den Richter wollte ich erschießen, aber bin nicht mehr dazu gekommen", sagt der 55-Jährige am Dienstagnachmittag vor dem Landgericht München aus. Die Anklage wirft dem Dachauer Todesschützen Mord und dreifachen versuchten Mord vor. Demnach habe der Mann nicht nur versucht, den Richter zu töten, sondern wollte auch seine eigene Rechtsanwältin und den Protokollführer erschießen. Dem widersprach der Angeklagte nun jedoch.

Gefragt nach dem Motiv verwies Rudolf U. auf die angeblich ungerechte Behandlung bei vorausgegangenen Gerichtsprozessen. "Ich bin 19 Mal verurteilt worden, das war nicht rechtens", sagte er. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Martin Rieder, ob dies rechtfertige, andere Menschen umzubringen, entgegnete der Angeklagte erregt: "Sie haben zwei Instanzen und verlieren - was machen's dann? Sie verlieren 150.000 Euro und nehmen's einfach hin?"

Der Vorsitzende Richter hatte am Morgen das persönliche Erscheinen des Angeklagten angeordnet. Zum Prozessauftakt am Montag hatte ein Gutachter noch erklärt, der schwerkranke Dachauer Todesschütze sei derzeit verhandlungsunfähig - und könne deshalb zunächst nicht am Prozess teilnehmen.

Rudolf U. leidet unter einer schweren Diabetes. Nach der Amputation eines Beines verweigerte er trotz einer Blutvergiftung zunächst jede weitere ärztliche Behandlung. "Er will sterben", teilte sein Wahlverteidiger damals mit. Ein erster Prozesstermin Ende Oktober platzte. Dann stimmte der Mann der Amputation seines zweiten Beines zu. Zuletzt hatte der Angeklagte sich nur noch von Chips, Schokolade und Erdnussflips ernährt und den Wechsel von Verbänden im Gefängnis verweigert. Deshalb musste er am Montag erneut operiert werden.

Das Landgericht hatte deshalb entschieden, notfalls auch ohne den Mann weiter zu verhandeln. "Der Angeklagte hat seine Verhandlungsunfähigkeit vorsätzlich und schuldhaft herbeigeführt", sagte der Vorsitzende Richter zur Begründung. Gegen den Beschluss legte der Wahlverteidiger am Montag Beschwerde ein. Nun muss das Oberlandesgericht entscheiden, ob das geht.

"So macht ihr weiter und weiter"

Knapp zehn Monate ist es her, dass Rudolf U. im Dachauer Amtsgericht plötzlich um sich schoss. Wegen nicht gezahlter Sozialversicherungsbeiträge war er im Januar 2012 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Während der Urteilsverkündung zog der Transportunternehmer aus seiner Jacke eine Pistole und feuerte um sich.

Der 31-jährige Staatsanwalt wurde tödlich getroffen. Auch auf den Richtertisch soll Rudolf U. geschossen haben - dort hatten sich der Richter, die Anwältin und der Protokollführer verschanzt.

Der Protokollführer, der Rudolf U. schon vom ersten Arbeitsgerichtstermin her kannte, sagt an diesem Dienstag aus, dass der Angeklagte sehr unkooperativ und aggressiv gewesen sei. Er habe Todesängste in seinem Versteck hinter dem Richtertisch ausgestanden. "Er war mir unsympathisch." Dann kniete er neben Staatsanwalt Tilman T. "Er war noch ansprechbar", erzählt er. "Mir ist kalt", soll er gesagt haben "und dass ihm irgendwas wehtat".

Er habe nichts gemacht, sagt Rudolf U. über die Anklage wegen Sozialversicherungsbetrugs. Auf die wiederholte Nachfrage des Richters, ob dies das Töten von Menschen rechtfertige, wird er laut und unterbricht den Richter schließlich: "Ich habe die 150.000 Euro einfach abgenommen bekommen - warum, warum?", ruft er. "So macht ihr weiter und weiter, das ist genau der Stil, den ich mir vorgestellt habe."