Oktoberfestattentat Neue Zeugen nach 34 Jahren

Das Mahnmal zum Gedenken an die Bomben-Opfer am Wiesn-Eingang.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Fünf bislang unbekannte Zeugen bieten ihre Aussagen zum Oktoberfestattentat von 1980 an.
  • Einer von ihnen will sich sogar Splitter der Bombe aus dem Körper operieren lassen - als mögliche Beweismittel.
  • Die Aussagen neuer Zeugen sollen die Einzeltäterthese widerlegen. Der Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich hat dazu vor Kurzem einen Wiederaufnahmeantrag bei der Bundesanwaltschaft gestellt, seinen dritten.
Von Katja Riedel

Die Splitter der Bombe stecken noch in seiner Schulter, ein Stück in der Hüfte, und "zwei kleine metalldichte Fremdkörper in den rechten Unterschenkelweichteilen haben wir belassen", schreiben die Ärzte, als sie den Mann nach drei Monaten Klinik nach Hause entlassen. Die Splitter hätten ihm keine Schmerzen mehr bereitet, anders als die psychischen Folgen, die er nach dem 26. September 1980, dem Oktoberfestattentat, davongetragen hat. Jetzt bietet der Mann der Bundesanwaltschaft an, sich die Metallsplitter herausoperieren zu lassen, als mögliches Beweismittel. Denn Karlsruhe prüft die Wiederaufnahme des 1982 eingestellten Ermittlungsverfahrens - und hat selbst teils direkt nach dem Anschlag, zuletzt 1997, wichtige Asservate vernichten lassen.

Der ehemalige Beamte hat sich nun an den Münchner Rechtsanwalt Werner Dietrich gewendet, der zahlreiche Opfer des schwersten Anschlags in der Geschichte der Bundesrepublik vertritt und seit 32 Jahren um die Wiederaufnahme des Verfahrens kämpft.

Zuletzt hat er im September einen Wiederaufnahmeantrag bei der Bundesanwaltschaft gestellt, seinen dritten. Diese prüft derzeit noch, ob sie die Ermittlungen offiziell wieder aufnimmt. Dietrich hat darin eine neue Zeugin benannt, die einen möglichen Mittäter namentlich benennt und die bereits vernommen wurde. Sollte ihre Aussage stichhaltig sein, könnte sie zur Grundlage neuer Ermittlungen werden.

Worum es dem Anwalt geht

Anwalt Dietrich geht es vor allem darum, dass nach möglichen Mittätern Köhlers gefahndet wird. Denn Köhler unterhielt Kontakte innerhalb der rechten Szene, sowohl zur Wehrsportgruppe Hoffmann als auch zur Wiking Jugend und zum rechtsextremen Hochschulring Tübinger Studenten. Er selbst war seit frühester Jugend stramm rechts eingestellt. Dennoch gingen die Ermittler bei der Einstellung von einem vorwiegend persönlichen Tatmotiv aus.

Rechtsextremismus statt Liebeskummer

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Mehr noch als die Metallsplitter interessiert Rechtsanwalt Dietrich an der Aussage des neuen Mandanten eine weitere Aussage: Der Mann beschreibt, wie er den Attentäter Gundolf Köhler unmittelbar vor dem Anschlag länger beobachtet habe. Die Gruppe, mit welcher der Beamte die Wiesn gemeinsam besucht hatte, stand nämlich direkt vor der Detonation eine Zeitlang am Ausgang des Oktoberfestes.

Was der Zeuge gesehen hat

Der Beamte beobachtete währenddessen einen jungen Mann, der zunächst zu einem schwarzen Auto gegangen sei, das am Bavariaring geparkt war. Darin sollen vorne zwei, hinten mindestens eine Person gesessen haben. Mit diesen habe er durch das heruntergekurbelte Fenster gesprochen. Dann sei der Mann, den er bis heute sicher für Gundolf Köhler hält, zu jenem Papierkorb gegangen, in dem dieser den Ermittlungen zufolge die Bombe zündete.

Nach der Detonation war der Beamte kurz bewusstlos. Überlebt habe er nur, weil ein vor ihm Stehender auf ihn gefallen sei und ihn so schützte, der Andere starb an seinen schwersten Verletzungen. Seine Beobachtungen habe er auch der Polizei beschrieben, sagt er. In den Hauptakten findet sich die Aussage des Mannes laut Dietrich nicht.

Welche Folgen das Attentat für den Zeugen hatte

Er hat den Mann und auch seine damaligen Begleiter in den Verletztenlisten identifiziert, hat inzwischen alle angesprochen und durch diese Recherchen insgesamt sogar fünf Zeugen ausfindig gemacht, die sich nun von ihm vertreten lassen und die alle aussagen möchten. Sie alle waren nur wenige Meter vom Explosionsort entfernt.

Lange hat der ehemalige Beamte nicht über den Tag sprechen können, der sein Leben veränderte. Die Zeit danach bestand aus Vermeidungsstrategien: Seinen Beamtenberuf gab er auf, um nicht mehr nach München fahren zu müssen, nachts quälten ihn Grübeleien, er hatte Albträume, Kopfschmerzen, Ängste. Silvester verbrachte er stets allein, nahm Schlaftabletten, um die Feuerwerksraketen nicht hören und riechen zu müssen. Doch jetzt will er sich mit dem Vergangenen auseinander setzen - damit den 13 Toten und 211 Verletzten des Anschlags mit einer neuen Suche nach den Hintergründen der Tat Gerechtigkeit widerfahren kann.

Ermittler befassen sich wieder mit Wiesn-Attentat

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