Job für Asylbewerber Ein Nichtschwimmer wird Bademeister

Vor zwei Jahren wäre Ali Ahrar im Starnberger See beinahe untergegangen, heute arbeitet er im Schwimmbad.

(Foto: Angelika Bardehle)

Ali Ahrar möchte nach seiner Flucht aus Afghanistan als Bademeister arbeiten. Vor Beginn seiner Ausbildung musste er aber erst einmal schwimmen lernen - und sich an die "Halbnackten" gewöhnen.

Von Laura Borchardt, Haar

Groß gewachsen, schlanke Statur, moderner Haarschnitt - in kurzer Hose, Shirt und Flip-Flops steht Ali Ahrar, 20, am Beckenrand im Hallenbad der Gemeinde Haar. Das 25 Meter lange Becken wird gerade noch von einer Maschine gereinigt. Gleich kommt die nächste Schulklasse. Vor zwei Jahren wäre der Flüchtling aus Afghanistan im Starnberger See beinahe untergegangen. Heute kann er selbst schwimmen. Und demnächst möchte er auch anderen Menschen das Leben retten können.

Seit einem halben Jahr macht Ahrar bei der Gemeinde Haar eine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe - der erste Schritt auf dem Weg zum Bademeister. Die Ausbildung mache viel Spaß, sagt er. An seinem Job im Schwimmbad gefalle ihm die Mischung aus Sport, Technik und der Kontakt zu den Gästen. "Ich arbeite für meine Zukunft, damit ich hier mal gut leben kann", sagt der Auszubildende. Sein altes Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul musste er hinter sich lassen.

Vor zweieinhalb Jahren kam Ali Ahrar mit seinem Vater, Mutter und zwei jüngeren Brüdern nach Deutschland. Als der Vater nicht mit den Taliban zusammenarbeiten wollte, hat die Terrormiliz seinen älteren Bruder enthauptet. Nach der Ermordung des Bruders sei das ganze "Leben auf einmal kaputt" gewesen. "Das Leben ist ein Geschenk von Gott - ich verstehe nicht, wie man das einfach so nehmen kann", sagt er. Wenn Ahrar von Afghanistan erzählt, merkt man, dass er das Erlebte und die Grausamkeiten ganz fest in seinem Gedächtnis verankert hat: "Das sind Sachen, die kann ich einfach nicht vergessen."

Wie Ali Ahrar nach Deutschland kam

Zunächst hat sich die Familie mehrere Monate lang bei Bekannten vor den Taliban versteckt. Die Fenster verhängt, damit keiner sie finden konnte. Das Haus, die Autos und andere Besitztümer verkauft. So schnell wie möglich wollte die Familie Afghanistan verlassen. Weg von dem Ort, an dem sie nicht mehr sicher gewesen sind. Das Ziel: die Niederlande, wo eine Verwandte lebte. Mit dem Flugzeug, Auto und der Bahn seien sie unterwegs gewesen -"es war gefährlich für uns", erzählt Ahrar. An die genauen Stationen erinnert er sich nicht mehr. Bei einer Kontrolle im Zug nahe München habe die Polizei sie aufgegriffen.

Die ersten drei Wochen war die Familie in der Bayernkaserne untergebracht. Wegen Überfüllung der Erstaufnahmeeinrichtung wurden sie nach Unterschleißheim in ein Hotelzimmer verlegt. Seit Anfang 2013 wohnt die Familie nun in einer Zweizimmerwohnung in Haar. Ungefähr 20 000 Euro habe die Flucht aus Afghanistan für jeden gekostet, rechnet Ahrar vor. Keine geringe Summe bei einer fünfköpfigen Familie. "Was hilft mir Geld, wenn ich nicht leben kann?", fragt der 20-Jährige.

Ahrar hatte Angst vor Wasser

In Haar wollte man dem jungen Mann "eine Chance" auf ein neues Leben geben, erklärt die Personalleiterin Heidi Hüneburg. Eine kleine Premiere: Zum ersten Mal begann ein Asylbewerber bei der Gemeinde eine Ausbildung - gleichzeitig konnte die Kommune ein Personalproblem in ihren Bädern lösen, zuvor veranstaltete sie sogar eine kleine Werbetour an den örtlichen Schulen.

Als sich dann Ali Ahrar im Sommer auf die freie Stelle bewarb, war die Freude bei der Verwaltung groß. Das Vorstellungsgespräch lief gut, die Sprache stellte keine Probleme dar und die formalen Bedingungen waren soweit erfüllt. Nur eine Hürde gab es noch: Ahrar konnte damals noch nicht schwimmen, hatte sogar Angst vor Wasser.