Neue Heimat Der Teufel tippt bei den Sportwetten mit

Zettel, mit denen Träume wahr werden können: ein Tippschein für Sportwetten.

(Foto: dpa)

Sportwetten sind in der nigerianischen Heimat unseres Autoren nicht sonderlich beliebt. Auch in München sind ihm die Wettbüros suspekt - er geht lieber in eine Fußballkneipe.

Kolumne von Olaleye Akintola

Der Raum hat Drehstühle und Wandbemalung. Ein Mann im roten Outfit ist dort zu sehen, Müller steht auf seinem Rücken. Überall Bildschirme, wo Männer einem Ball nachlaufen, aus den Lautsprechern schallen aufgeregte Stimmen, die immer schneller und lauter werden. Ansonsten sieht es hier fast aus wie an einer Hotelbar.

Nur, dass man am Eingang nicht begrüßt wird - und kein lächelnder Kellner Bestellungen entgegennimmt. Und dass die Menschen hier mucksmäuschenstill sind. Es sprechen nur die Fernsehreporter, die Gäste sind in sich gekehrt. Den Blick starr auf einen Papierzettel gerichtet, oder auf ein Mobiltelefon. Jeder ist für sich selbst.

Wie man in Deutschland der Zeit ein Schnippchen schlägt

In München rast jeder von einem Termin zum nächsten. Und nun raubt die Zeitumstellung auch noch eine Stunde - ein Konzept, das unser Autor aus seiner Heimat Nigeria nicht kennt. Kolumne von Olaleye Akintola mehr ...

Münchens Wettbüros sind Orte, in denen es um Mannschaftssport geht, trotzdem begegnen sich hier Einzelkämpfer. Und ihre Gegner sind die Buchmacher der großen weiten Welt. Es sieht so aus, als ginge es um Sport, eigentlich geht es aber um etwas anderes. Es ist eine europäische Fußballnacht, Champions League, zwei große englische Klubs spielen, Tags darauf greift der Münchner Vertreter ein. Weiß der Teufel, wie diese Spiele ausgehen werden. Doch die Spieler im Raum haben sich dem ausgesetzt. Für die kommenden 90 Minuten ist ihr Geld in den Klauen des Löwen, und vielleicht landet es in seinem Schlund.

Sehr abenteuerlich, so ein Wettlokal. Wo ich herkomme, sind Sportwetten nicht sonderlich beliebt. Wettlokale wie in München gibt es praktisch kaum, die Menschen in Nigeria lieben Fußball und sind auch für Glücksspiel nicht generell abgeneigt, allerdings setzen sie ihr Geld nicht so gerne auf Fußballspiele. Das liegt vielleicht auch daran, dass man dort im Fernsehen recht wenig Sport gezeigt bekommt. Und wer setzt schon sein Geld auf ein Spiel, bei dem man nicht überprüfen kann, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

In München sind sie in diesen Wochen ganz wild auf Fußball. Weil ihr Vorzeigeverein Pokale gewinnen kann, von denen sie erst ein paar Dutzend in den Vitrinen stehen haben. In diesen Tagen sind die Wettbüros oft gut gefüllt, auch unter der Woche. Am Anfang sieht man den meisten Hoffnung in ihren Augen an. Am Ende des Abends trotten aber viele allein und traurig zur Tür hinaus.

In Nigeria spricht man dann davon, dass jemand sowohl den Fisch als auch den Köder verloren hat. Man sagt das jungen Leuten nach, die keine Arbeit haben und auf der Suche nach einem Ausweg der Spielsucht verfallen sind. Das kommt bei der angespannten wirtschaftlichen Lage im Land nicht selten vor. Anders ist das bei Lotto - und das ist eine große Gemeinsamkeit mit Deutschland: Lotto wird in Nigeria als seriös angesehen, als eine Art spiritueller Beistand. Die berühmteste nigerianische Lotterie nennt sich "Baba Ijebu". Sie wird durch einen knauserigen alten Mann dargestellt, der sein Geld nie mit anderen teilt, sondern im Portemonnaie hortet. Wann immer er mit den richtigen Zahlen besiegt wird, ist das Anlass für eine große Party.

Für mich ist Glücksspiel wie die Eidechse auf der Stirn eines Teufels. Haut man drauf, wird der Teufel aggressiv, lässt man die Eidechse sitzen, empört sich der Teufel auch. Deutlich näher sind mir da die Fußballkneipen, wo es nicht um Geld geht, sondern um Emotionen. Wenn die Leute rot gekleidet sind und ausflippen, wenn der Mann mit der Nummer 25 einen Ball zwischen zwei Pfosten befördert.

Neue Heimat - Der andere Blick auf München
Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Der Autor: Olaleye Akintola stammt aus Nigeria. Bis zu seiner Flucht 2014 arbeitete er dort für eine überregionale Tageszeitung. Nun lebt er in Ebersberg.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Akintola für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite. Hintergründe zu unseren Kolumnisten finden Sie hier.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger