Neue Halle 2 Was zu schade ist für die Tonne, landet im Gebrauchtwarenhaus

Goran Djordjevic und Bettina Folger packen noch mit an, damit die neue Halle 2 zur Eröffnung am Freitag auch komplett eingeräumt ist.

(Foto: Johannes Simon)
  • Am Freitag eröffnet die "Halle 2", das Gebrauchtwarenkaufhaus des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebs, am neuen Standort in Pasing.
  • Bislang war das Kaufhaus in Giesing, doch die alte Halle ist marode.
  • Der Nachschub in den Regalen kommt von den Wertstoffhöfen der Stadt.
Von Christoph Koopmann

Hier ein altes gelbes U-Bahn-Stationsschild vom Stachus, da eine Holzkiste mit alten Rollstühlen, Rollatoren und Krücken. Dazwischen ein Karton mit ukrainischem Rotwein, 2006er-Jahrgang, daneben im Regal eine Olivetti-Schreibmaschine, produziert irgendwann zwischen 1929 und 1948. All das war einmal Müll. Ab Freitag sollen diese Kuriositäten einen neuen Besitzer finden. Dann eröffnet die "Halle 2", das Gebrauchtwarenkaufhaus des städtischen Abfallwirtschaftsbetriebs (AWM), um 12 Uhr an ihrem neuen Standort in Pasing.

Bis Ende Juli wurde noch in der alten Halle 2 an der Giesinger Sachsenstraße allerhand Wiederverwertbares von den Wertstoffhöfen des AWM angeboten. Doch die in den Vierzigerjahren erbaute Lagerhalle ist marode. Deswegen zieht das Gebrauchtwarenkaufhaus jetzt um in die Peter-Anders-Straße 15. Dort, im Gewerbegebiet, hat man es nun wesentlich angenehmer: Die 800 Quadratmeter große Verkaufshalle ist um ein Viertel größer als die alte, außerdem sind die Räumlichkeiten frisch saniert. "Vorher war unsere Einrichtung ein buntes Sammelsurium, jetzt ist alles schlicht und funktional", sagt Bettina Folger, Projektleiterin des Gebrauchtwarenverkaufs beim AWM.

Volk der Wegwerfer

Die Deutschen sind im Umgang mit Lebensmitteln wenig zimperlich. Im Zweifel gilt: ab in den Müll. Knapp 82 Kilogramm im Wert von einigen hundert Euro wirft jeder Bundesbürger im Schnitt weg. Es reicht schon, wenn das Mindeshaltbarkeitsdatum überschritten ist. Verbraucherschutzministerin Aigner plant eine Aufklärungsinitiative - und fordert ein Umdenken. mehr ...

Ein Architekturbüro hat die Verkaufsflächen gestaltet und strukturiert. Unter der Decke winden sich weiß gepinselte Rohre, auch die Wände sind in Weiß gehalten. Auf dem aschgrauen Betonboden der hellen Halle erstreckt sich ein Dickicht aus schnörkellosen, hellbraunen Kiefernholz-Regalen auf Paletten, in denen einstmals Weggeworfenes darauf wartet, wieder Verwendung zu finden.

Die Waren sind in kleinen Themen-Inseln sortiert. "Hinten stehen die Fahrräder. Daneben ist die Bastler-Ecke mit allem, was man so braucht: vom Parkett-Boden bis zur Bohrmaschine", erklärt Folger und deutet mit ihren orange lackierten Fingernägeln durch den Raum. Ein Kinder-Radl kostet hier acht Euro, die Heckenschere ein Regal weiter zehn.

Ganz Geschäftsfrau, spricht die 42-Jährige von den Regal-Gruppen als "Themen-Türmen", den raumlangen Aufsteller voll mit CDs, DVDs und Vinyl-Platten nennt sie "Multimedia-Theke". An der Wand hinter den CDs testet gerade ein Mitarbeiter in Fingernagel-orangenem AWM-Overall die gebrauchten Fernseher, die so gebraucht gar nicht aussehen. Überhaupt, vieles hier ist sogar noch originalverpackt.

Vieles ist noch in der Verpackung

Eine Bastmatte für zwei Euro und eine Küchenspüle für zehn Euro etwa liegen unbenutzt im Second-Hand-Regal. Die Idee hinter der Halle 2 ist, dass solche Dinge nicht einfach in der Müllpresse enden. "Wenn man sieht, was hier weggeworfen wird, dann merkt man, wie gut es dem Durchschnittsmünchner geht", sagt Folger. Alles Brauchbare von den Wertstoffhöfen wird hierher gebracht. Und am neuen Standort kann jeder auch selbst Ware anliefern.

Was auf dem Müll landet, gehört nicht zwangsläufig auch dahin. An diesem Freitag eröffnet in Pasing die neue Halle 2.

(Foto: Johannes Simon)

Doch bis der Verkauf am Freitag starten kann, ist an noch einiges zu tun. Acht bis zehn Stunden täglich räumt das zehnköpfige Team den Trödel in die Regale. Jeden Tag kommen zwei 35-Kubikmeter-Container mit neuen alten Möbeln. Zusätzlich wartet im Lager allerhand anderer Kram in knapp 40 Kisten darauf, in Regale geräumt zu werden. "Was hältst du von den Holztellern?", ruft eine Mitarbeiterin ihrem Kollegen beim Auspacken zu. Ein dumpfes Schnauben ist die Antwort. Holzteller gibt es hier wohl vorerst nicht.

Kurz darauf dröhnt die Intro-Melodie irgendeines Hollywood-Blockbusters durch den Verkaufsraum. Der Fernseher-Test ist noch nicht vorbei. "Alle Elektrogeräte werden nochmals geprüft, ob sie funktionsfähig und sicher sind", sagt Kaufhaus-Chef Goran Djordjevic. Das erledigen drei gemeinnützige Organisationen, die arbeitslose Elektriker beschäftigen, um sie wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

Djordjevic ist schon seit der Eröffnung des ersten Kaufhauses in Giesing vor 15 Jahren dabei. Als Leiter der Halle 2 hat er dieser Tage viel zu tun. Unablässig läuft der Mann mit Stoppelfrisur zwischen den Regalen herum und weist seine Mitarbeiter an: "Preist das hier mal aus!" Immer wieder begutachtet er den Grundriss, der ausgebreitet auf einer Vitrine liegt. Am Freitag soll hier schließlich alles an der richtigen Stelle stehen. Djordjevic ist gespannt, wie es am neuen Standort läuft: "In Giesing war die Lage sehr günstig, da hatten wir viel Laufkundschaft", sagt er.

Ikea will weg vom Wegwerf-Image

Nach zwei Umzügen sind viele Ikea-Möbel reif für den Sperrmüll. Damit soll Schluss sein, verspricht der Chef - und will so vor allem ältere Kunden gewinnen. mehr ...

Bisher kauften durchschnittlich 45 000 Leute jährlich in der Halle 2 ein. "Da war alles dabei: Studenten, Flohmarkthändler, Jäger und Sammler", sagt Djordjevic. Er hoffe, dass der Kundenstrom trotz der etwas abseitigeren Lage im Pasinger Gewerbegebiet nicht abreißt. Statt bisher 1000 Tonnen Second-Hand-Ware im Jahr soll bald das Doppelte verkauft werden, auch der Erlös von bislang knapp einer halben Million Euro jährlich soll verdoppelt werden. Die Einnahmen wandern direkt in den AWM-Haushalt und sollen so helfen, die Müllgebühren stabil zu halten.

Damit der Umsatz steigt, hat die neue Halle dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr statt wie bisher von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Samstag ist von 9 bis 14 Uhr Betrieb. Mehrmals im Jahr finden "Repair Cafés" statt, bei denen jeder Kaputtgegangenes unter Anleitung von Profis reparieren kann. Jeden Samstag werden zudem ausgewählte Stücke versteigert. Ein ausgestopfter Kugelfisch, ein wertvoller Konzertflügel und ein Segelboot hätten so in der Vergangenheit schon neue Verwendung gefunden, erzählt Djordjevic. Jetzt müsse er aber langsam weiter arbeiten, der Eröffnungstermin naht. Vor dem Lager wartet schon der nächste Container.

Die Halle 2 ist nicht das einzige Gebrauchtwarenhaus in München. An der Dachauer Straße 192 betreibt die Diakonia ein Kaufhaus, in dem Langzeitarbeitslose beschäftigt werden. Das Caritas-Unternehmen Weißer Rabe unterhält zwei Gebrauchtwarenhäuser, in Sendling an der Bavariastraße 30-36 sowie im Westend an der Landsberger Straße 146.

Schmutzige Geschäfte

Am Freitag wird die Halle 2 nicht zum ersten Mal neu eröffnet. Bereits im Januar des vergangenen Jahres gab es einen Neustart, nachdem die Halle neun Monate lang ge-schlossen bleiben musste. Im Frühjahr 2014 war bekannt geworden, dass mehrere Mitarbeiter der Wertstoffhöfe des Münchner Abfallwirtschaftsbetriebs (AWM) illegal mit Waren gehandelt hatten, die eigentlich für die Halle 2 bestimmt waren.

Von Dezember 2012 bis März 2014 sollen 28 AWM-Mitarbeiter von den Gebrauchtwarenhändlern Mehmet B. und Salih Z. Geld dafür kassiert haben, dass sie auf den Wertstoffhöfen wertvolle Stücke für sie zur Seite legen, die eigentlich für den Second-Hand-Verkauf im Gebrauchtwarenkaufhaus Halle 2 vorgesehen waren. Die Polizei fand mehr als 370 Gegenstände, die nachweislich von den Wertstoffhöfen stammten, als sie das Lager der Hehler im April 2014 durchsuchte. Seit drei Wochen müssen sich Mehmet B. und Salih Z. wegen gewerbsmäßiger Bestechung in 576 Fällen vor Gericht verantworten. Die korrupten Wertstoffhof-Mitarbeiter erhielten laut Anklage der Staatsanwaltschaft 250 Euro pro Lieferung. Gegen sie wird gesondert ermittelt. Die Stadt hatte nach Bekanntwerden des Skandals 18 Mitarbeiter sofort vom Dienst freigestellt, andere gingen mehr oder minder freiwillig.

"Damit so etwas nie wieder passieren kann, überwachen wir den Betrieb an den Wertstoffhöfen jetzt mit Videoanlagen", sagt Bettina Folger, Projektleiterin der Halle 2. Die Höfe wie auch das neue Gebrauchtwarenkaufhaus seien nun mit Schließanlagen geschützt, an denen sich jeder Mitarbeiter identifizieren muss. "Außerdem werden die Kisten mit den Gebrauchtwaren verschweißt und ihr Inhalt auf einem Lieferschein festgehalten", sagt sie. chrk