Es ist eine absurde Situation: Die MVG hat neue Trambahnen gekauft - doch die stehen ungenutzt im Depot, weil die Regierung von Oberbayern bislang die Zulassung verweigert. Auch für die Fahrgäste hat das Folgen. Sie müssen ab Dezember auf einer Tram-Strecke wohl in den Ersatzbus steigen.
Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bereitet sich mit einem Notfallkonzept darauf vor, dass die neuen Trambahnen vom Typ "Variobahn" auch zum Fahrplanwechsel im Dezember noch nicht in Betrieb gehen dürfen. Das bestätigte MVG-Chef Herbert König auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung.
Bild vergrößern
Sie stehen im Straßenbahndepot, dürfen aber nicht gefahren werden: die neuen Variobahnen. (© Catherina Hess)
Anzeige
Dieser Notfallplan sieht vor, dass die MVG - anders als angekündigt - auf einigen Linien zunächst keine zusätzlichen Züge einsetzt, um dort den Takt verdichten zu können. Zudem werden die Fahrgäste auf der Linie 12 wohl über mehrere Monate auf Ersatzbusse umsteigen müssen.
Seit mehr als einem Jahr stehen die neuen Trambahnen ungenutzt im MVG-Depot. 14 Züge zu je drei Millionen Euro hat die MVG bestellt, acht sind bereits geliefert. Die Regierung von Oberbayern verweigert als Aufsichtsbehörde aber bisher die Zulassung und fordert nach Darstellung der MVG immer wieder neue Gutachten.
Unter anderem verlangte die Regierung erstmals detaillierte Statik-Berechnungen für alle von Trambahnen befahrenen Brücken und Unterführungen - dies sind stadtweit gut 50 Bauwerke. Mehrere Gutachter wurden beauftragt, bislang liegen die Expertisen aber noch nicht vor. "Es liegt an der MVG, diese Nachweise zu bringen", heißt es bei der Bezirksregierung. Aber auch zu vielen anderen Fragen habe man schon unzählige Nachweise vorgelegt, so König.
Als "besonders absurd" wertet der MVG-Chef eine weitere Forderung der Aufseher: Die Bahnen wurden 2006 bis 2009 entwickelt und gebaut - nach den damals gültigen Normen. Nun aber habe die Regierung gefordert, die MVG solle überprüfen, ob sich die Normenlage zwischenzeitlich verändert habe. So werde nur zusätzliches Papier produziert, aber nicht mehr Sicherheit, findet König: "Es geht nach meiner Einschätzung nicht wirklich um mehr Sicherheit für die Fahrgäste, sondern um die Absicherung der Behörde." Die Regierung entgegnet, die Prüfung der Normenlage sei üblich.
Der MVG-Chef benötigt die Variobahnen dringend - denn eigentlich hatte er für Mitte Dezember eine "Angebotsoffensive" angekündigt. So startet die MVG dann den Betrieb auf der neuen Strecke nach St. Emmeram. Dieser Start ist laut König nicht gefährdet. Zum anderen will er auf den Linien 15, 25 und 27 zusätzliche Züge einsetzen, auf den Linien 17 und 19 sind größere Bahnen geplant. Diese Maßnahmen könnten nun zunächst wegfallen, wenn die Variobahnen weiter ungenutzt herumstehen.
Die Bezirksregierung erklärt, eine "vorläufige Inbetriebnahme" sei bis Mitte Dezember möglich, "sofern die MVG die geforderten Nachweise vorlegt". Auf einen entsprechenden Ablauf habe man sich mit der MVG geeinigt. Doch auf diese Aussage will König nicht mehr vertrauen: Er wappnet sich für den Fall, dass die Variobahnen auch Mitte Dezember noch immer im Depot stehen.
Die MVGler müssen nämlich bereits jetzt Fahr-, Dienst- und Wagenumlaufpläne erstellen - und sie wollen sich dabei auf vage Zusagen nicht verlassen. Königs Notfallplan sieht daher vor, dass die geplanten Taktverstärkerzüge auf den Linien 15, 25 und 27 zunächst nicht kommen. Zudem müssen die Fahrgäste auf der Tramlinie 12 von Dezember an auf Busse umsteigen. Die MVG hat dort von Mitte März an ohnehin Gleisbauarbeiten vorgesehen; nun sollen die Ersatzbusse schon drei Monate früher rollen - so stehen die 12er-Züge für den Einsatz auf anderen Linien bereit.
Kuriosität am Rande: Im MVV-Fahrplanbuch, das im November erscheint, wird die MVG für die Linien 15, 25 und 27 zwei Fahrplanvarianten abdrucken - eine für den Fall, dass die Aufsicht den Einsatz der Bahnen doch noch rechtzeitig genehmigt. Und eine für den Fall, dass sich dies verzögert.
- Bauarbeiten beendet Trambahnen 18 und 19 wieder im Normalbetrieb 12.09.2011
- MVG Busse sollen schneller werden 26.06.2011
- Infoscreens in MVG-Zügen Fernsehen auf der Strecke 14.03.2011
- Christian Ude über Stadtwerke "In krassen Fällen Löhne senken" 21.01.2011
- Ende der U-Bahn-Streiks Tarifstreit im Nahverkehr beigelegt 16.11.2010
- MVG: Neue U-Bahnen Das Ende der Holzklasse 14.03.2011
(SZ vom 08.09.2011/tob)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
Die neueste Antwort
@Acronymus:
Ihre Kritik am "ruppigen Laufverhalten" der Niederflurbaureihen verstehe ich ja. Aber zu den Vorteilen der Variobahn gehört ja gerade, dass sie diese Manko (nur 1 Drehgestell mittig unter einem langen Fahrzeugteil) nicht mehr hat.
Nachdem die gleichen Variobahn Fahrzeuge in Nürnberg schon seit langem in Betrieb sind, und es dort genauso übergangslose S-Kurven gibt, wie in München (z.B. in der Plärrer-Schleife), glaube ich die Beteuerungen von Hernn Schuster - man wolle die "Variobahn aufs Gleis" bkommen - nicht.
Das primäre Ziel der Regierung von Oberbayern ist meines Erachtens, die verhasste Trambahn im roten München so weit wie möglich zu behindern.
@ Velti:
Mein Hintergrundwissen ist technischer Natur, ich sitze weder im Landtag noch im Stadtrat. Schon bei Anschaffung der (dreigliedrigen) Niederflur-Trams der ersten Generation (ab 1994) gab es Kritik aus der "technischen Ecke", warum man angesichts der vorhandenen Gleisanlagen keine Drehgestell-Lösung gewählt hat. Die Kritiker hatten insofern Recht, als dass sich das Laufverhalten als sehr ruppig herausgestellt hat und der Schienenverschleiß durch die auftretenden Hebel- und Trägheitskräfte sehr hoch ist (die ca. 8 m langen Wagenkästen ruhen auf einem Zweiachs-Fahrwerk, der Zug bildet bei Kurven-Ein- und Ausfahrten ein 'Zickzack' - kann hier nur verkürzt erklärt werden; Google weiß mehr).
Die Gründe waren: 1. gemeinsamer Einkauf mit den Nürnbergern (wirtschaftlich sinnvoll, allerdings mussten die Fahrzeuge für München modifiziert werden) - 2. die Forderung der entscheidungsträger "100 Prozent Niederflur" (im Prinzip 'state of the art'; die Probleme, die diese Bauart mit sich bringt, wurden damals mangels Erfahrung unterschätzt).
Erst als es massive Probleme mit dem "Combino" gab (2004, Risse in der Struktur), entstanden erste Gutachten zu solchen Gliederzügen, bei denen u.a. festgestellt wurde, dass die Mehrfachpendel-Effekte zum verkehrsgefährdenden Problem werden können (die Züge schaukeln sich horizontal auf, verlassen eventuell die 'Hüllkurve', müssen entsprechend bedämpft werden).
Herkömmliche Konstruktionen, bei denen jeder Wagenkasten auf zwei Fahrgestellen ruht (wobei ein solches auch zwei Wagenenden tragen kann), haben solche Probleme nicht. Allerdings gibt es erst seit kurzem Züge, die konventionelle Fahrwerke mit 100 % Niederflur vereinigen.
Lösungen mit 70 % NF gibt es, sie laufen problemlos auch auf alten / schlechten Schienen. Man muss halt zwischen Einstiegsbereich und Sitzplatzbereichen eine Stufe in Kauf nehmen - Fahrgäste mit Kinderwagen oder Rollstuhl finden im niederflurigen Einstiegsbereich Platz (passen sowieso nicht zwischen den Sitzreihen durch).
Es bleibt also der Vorwurf an die städtischen Entscheidungsträger, auf Warnungen aus der 'technischen Ecke' nicht hinreichend gehört zu haben. Spätestens bei Anschaffung der Varios hätte man die 100 % NF als Vorgabe fallen lassen und mehr Wert auf Fahreigenschaften und Schienenverschleiß legen müssen. Genau diese Vorgaben sind gemeint, wen ich von politischen Gründen spreche. Mit Filz, Parteien-Streit usw. hat das nichts zu tun.
falls sie wirklich Insider sind. Velti01 ist hier bei den Kommentaren bekannt für seine konservativen Ansichten. Wenn der Pissed Off ist, wegen so was dann sollten bei ihnen die Alarmglocken läuten und sie sich ganz schnell um eine Lösung mit dem Roten Rathaus kümmern.
@Akronymus
Ich vermute einmal, daß Sie ein Insider der Materie aus der Landesregierung sind, denn Ihr Hintergrundwissen ist zu vielfältig.
Interessant ist aber dabei vor allem folgendes Zitat:".... die dafür bestens geeignet werden, aber die will die Stadt aus politischen Gründen nicht."
Obwohl ich kein Freund von Verschwörungstheorien bin, zeigt diese Zitat doch deutlich, worum es hier geht. Der Freistaat hat andere politische Interessen als die Stadt, wie sollte es bei 2 unterschiedlichen Parteien auch anders sein. Der Freistaat sitzt nun am längeren Hebel und läßt die rote Stadt schmoren.
Dabei wird aber mal wieder völlig übersehen, auf wessen Rücken dieses pubertäre Machtspielchen ausgetragen wird, auf dem Rücken der Fahrgäste!! Und dann wundert man sich, wie die Roten zu recht die Fahrgäste mobilisieren. Selbst als Konservativer muß man sagen, guter Schachzug, läßt die Landesregierung wieder mal langsam aussehen.
Die Regierung von Oberbayern braucht mehr als 5 Jahre um den Genehmigunsprozess durchzuführen?
Ganz egal ob dieses Fahrzeug verkehrstauglich ist oder nicht. Wenn die Prüfung 5 Jahre dauert, dann taugt die prüfende Behörde nichts.
Paging