Münchner Ärztin leistet Hilfe in Krisengebieten Botox und Bomben

Luitgard Wiest lebt in zwei Welten: In Somalia, Mosambik oder Tschetschenien behandelt sie Kriegsverletzungen, daheim in München betreibt sie eine Praxis, die sich auf Faltenbehandlung spezialisiert hat. Ärztin wollte sie ursprünglich nicht werden, doch ihre Erfahrungen in Äthiopien ließen sie nicht mehr los.

Von Yvonne Poppek

Es ist wie eine Fahrt durch die Hölle, und die Kamera fährt mit. Eine armselige Hütte reiht sich an die andere, endlos. Provisorien sind es, aus Ästen, Plastik- und Stofffetzen. Tausende Flüchtlinge leben in diesen windigen Unterkünften am Rande von Mogadischu. Der Blick auf die schäbigen Notquartiere ist von einem Team der ARD aus dem fahrenden Auto aufgenommen worden. Auf der Rückbank des Wagens sitzt die Ärztin Luitgard Wiest; sie hat ein weißes Tuch über das Haar gelegt, trägt eine leichte, beigefarbene Jacke, darunter ein T-Shirt der Hilfsorganisation "Cap Anamur". Angesichts der zerstörten Stadt, des Elends überall und der allgegenwärtigen Waffen ist sie fassungslos, findet auf die Fragen der Reporter kaum Worte.

Diese Aufnahmen stammen von Mitte August. Zwei Wochen lang arbeitete Luitgard Wiest in der Hauptstadt Somalias. Für "Cap Anamur" war sie im Banaadir-Krankenhaus, um dort die medizinische Situation einzuschätzen, die Anzahl der Patienten, die benötigten Medikamente. Und natürlich, um als Ärztin Notfälle zu behandeln. Hundert bis zweihundert Kinder kämen jeden Tag dorthin, erzählt Wiest. Sie half dort der einzigen Kinderärztin. "Da schuftet man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, einfach weil die Zeit so knapp ist", sagt sie. Die Situation in Mogadischu ist so gefährlich, dass sie bei der Arbeit ständig beschützt werden musste. "Soldaten mit Kalaschnikows zwischen den Kindern" - dieses Bild schießt Luitgard Wiest plötzlich in ihre Erinnerung, einen Moment lang trübt sich ihr Blick.

Während Luitgard Wiest von ihrem Einsatz in Mogadischu erzählt, sitzt sie in ihrem Garten mit idyllischem Seerosenteich in Harlaching. Ihre Kurzhaarfrisur ist perfekt gelegt, das Make-up fein aufgetragen. Sie trägt ein beigefarbenes Sommerkleid mit braunem Fleckenmuster und dezenten Schmuck. Luitgard Wiest ist eine aparte Erscheinung, man sieht ihr nicht an, dass sie 1939 geboren wurde. Und wenn sie von ihren Einsätzen für "Cap Anamur" spricht und von ihrem Leben in Deutschland, prallen schier unvereinbare Gegensätze aufeinander. Sie nennt das knapp "zwei Welten".

Wie groß die Distanz zwischen diesen beiden Welten ist, wird deutlich, wenn Wiest von ihrer Arbeit als Ärztin in München erzählt. 1977 hat sie eine Praxis in der Residenzstraße eröffnet - als Hautärztin. Speziell in der ästhetischen Dermatologie hat sie sich einen Namen gemacht. "Die Haut ist ein wunderbares Organ", sagt sie. Als eine der ersten Hautärzte in Deutschland habe sie begonnen, Botox zur Faltenbehandlung anzuwenden, erzählt sie. Einige ihrer Patienten hätten kosmetische Probleme gehabt. Sie habe diese Probleme lösen wollen, sagt Luitgard Wiest.

Auf der einen Seite ästhetische Korrekturen, auf der anderen Kriegsverletzungen, Notfall-Entbindungen, Cholera-Kranke. Auf der einen der Wohlstand rund um die Residenzstraße, auf der anderen die Armut von Mogadischu. Diese "zwei Welten" zu vereinbaren, gelingt Wiest, indem sie die eine in die andere nicht reinlässt. "Meine Strategie ist, dass man die Schublade zumacht", sagt sie und fügt hinzu: "Ich habe nur zu schätzen gelernt, dass ich hier an meinem italienischen Teich sitzen kann, ohne fürchten zu müssen, dass jemand mit der Kalaschnikow um die Ecke kommt."

Das ist ein Satz, der aus einem Action-Film stammen könnte, gesprochen mit gehörigem Pathos. Luitgard Wiest sagt das so, wie sie auch über Botox und Faltenbehandlung redet. Ruhig und abwägend spricht sie. Wie jene Menschen, die mittlerweile ein so großes Repertoire an erlebten Geschichten parat haben, dass sie sich beherrschen müssen, um nicht von einer zur anderen zu springen, nicht hier noch einen Seitenstrang zu erwähnen und dort einen Verweis einzuflechten. Aber dieses Repertoire schwingt immer mit. Und wenn Luitgard Wiest erzählt, ist klar, dass sie einen Großteil weglassen muss, damit sie überhaupt ein Erlebnis zu Ende erzählen kann.