Müllerstraße 6 Stadt prüft Sanierung des Abrisshauses

Was wird aus dem Abrisshaus an der Müllerstraße 6? Nach der Renovierung einer Wohnung durch prominente Aktivisten prüft die Stadt, ob das Ensemble erhalten werden kann. Für Eltern in der Nachbarschaft wäre das eine gute Nachricht.

Von Thomas Anlauf

Der Tonfall des Oberbürgermeisters ist ungewöhnlich scharf und deutlich: "Unverzüglich" sollen die leer stehenden Wohnungen in dem städtischen Mietshaus an der Müllerstraße 6 saniert werden, teilt er der Öffentlichkeit mit, und zwar nach dem Vorbild der Immobilien-Aktivisten von "Goldgrund". Die Gruppe um den Schwabinger Kulturmanager Till Hofmann hatte in einer Guerilla-Aktion medienwirksam eine der heruntergekommenen Wohnungen für 2500 Euro ansehnlich hergerichtet und so die Stadt blamiert. Die hatte nämlich das Haus verkommen lassen, weshalb Ude seiner eigenen Verwaltung jetzt schlicht "jahrelange Untätigkeit" vorwirft. Kommunalreferent Axel Markwardt bekannte deshalb in einer Podiumsdiskussion am Mittwochabend, "dass sich die Stadtverwaltung nicht mit Ruhm bekleckert hat".

Über Jahre hinweg hatten die verschiedenen städtischen Referate die Frage vor sich hergeschoben, was mit den drei städtischen Gebäuden an der Müllerstraße mit den Hausnummern 2, 4 und 6, die an das Bürgerhaus Glockenbachwerkstatt grenzen, geschehen soll. Zwar stehen sie nach Angaben von Bezirksausschuss-Chef Wolfgang Püschel unter Ensembleschutz, doch insbesondere das mehr als hundert Jahre alte Gebäude mit der Hausnummer 4 gilt im Kommunalreferat als nicht mehr sanierungsfähig.

Alle drei Häuser, auch das aus den fünfziger Jahren stammende Haus Nummer 6, standen auf dem Prüfstand - "einen Konsens für den Abriss gab es bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Verantwortung übernommen habe, jedoch nicht", sagte Markwardt am Mittwoch vor mehr als einhundert Anwohnern in der Glockenbachwerkstatt. Er sei es gewesen, der nach seinem Amtsantritt als Kommunalreferent im Juli vergangenen Jahres die innerbehördliche Diskussion auf die politische Ebene gehoben habe. Im Oktober hatte daraufhin der Stadtrat beschlossen, sämtliche Varianten für das städtische Grundstück zu prüfen: Zur Disposition standen laut Markwardt verschiedene Überlegungen für einen Neubau für städtische Wohnungen. Bis vergangene Woche. Da wurde plötzlich eine siebte Variante eingeführt: die Sanierung von Haus Nummer 6.

Eine merkwürdige Koinzidenz: Vor einer Woche begannen die als Gorillas verkleideten Aktivisten von Goldgrund, eine Wohnung im fünften Stock des Hauses zu sanieren - und OB Ude zeigte sich bei einer spontanen Besichtigung angetan von der Arbeit, die die prominenten Guerilla-Sanierer Hofmann, Marcus H. Rosenmüller, Dieter Hildebrandt, Mehmet Scholl, Sportfreunde Stiller, Luise Kinseher und andere geleistet hatten. Sie wollten mit ihrer Aktion zeigen, dass das Haus nicht abrissreif, sondern durchaus erhaltenswert sei und sogar unter Denkmalschutz gestellt werden sollte.

Das soll nun auch das von der Stadt beauftragte Architekturbüro untersuchen. Eine Rettung des Hauses würde indes viele Eltern der Umgebung beruhigen: Denn dann müsste kein neuer Standort für den Bolzplatz der Glockenbachwerkstatt gesucht werden. Kinder und Erwachsene waren im Herbst auf die Straße gegangen, nachdem die Pläne bekannt wurden, auf dem Gelände der Müllerstraße 2 - 6 ein neues großes Mietshaus zu bauen. Mehrere Planungsvarianten sehen dabei vor, dass dafür der Bolzplatz weichen müsste.

Zwar sollte er nach dem Willen des Stadtrats dann an anderer Stelle neu entstehen, doch dafür gibt es laut Wolfgang Püschel vom Bezirksausschuss Altstadt-Lehel keine Garantie: "Bei einem Abriss gäbe es überhaupt keinen Anspruch auf einen neuen Bolzplatz", sagte Püschel in der Podiumsdiskussion. Anwohner könnten einen neuen Bolzplatz "laut Bundesrecht" problemlos verhindern. Das sei "tatsächlich ein kritischer Punkt", sagte auch Hans-Otto Kraus, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgenossenschaft GWG, die für die drei Gebäude in der Müllerstraße zuständig ist.

Doch die unsichere Zukunft des Bolzplatzes ist es gerade, was Jürgen Vorlaufer, den zweiten Vorsitzenden der Glockenbachwerkstatt, so "nervös macht": Sollte der Bolzplatz als einer der "letzten Spiel- und Tobeplätze der Innenstadt" verschwinden, fürchtet er auch um das pädagogische Konzept des ältesten Bürgerhauses der Stadt. Denn die Spielfläche auf dem Grund der Glockenbachwerkstatt wird laut Vorlaufer nicht nur für Sommerfeste und Flohmärkte genutzt, sondern auch von zwei Kleinkindergruppen, einem Hort und einem Kindergarten, außerdem von Hunderten Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die sich dort austoben können. Ohne Bolzplatz, befürchtet Vorlaufer, seien auch die Kinderbetreuungseinrichtung der Glockenbachwerkstatt bedroht.

Axel Markwardt warnt jedoch vor Panikmache. Noch sei nichts beschlossen. Und vor der Kommunalwahl 2014, so mutmaßt OB Ude, werde es das auch nicht.