Messestadt Riem Italienische Momente

Utopie und Denkanstoß: Thomas Gerstmeir und Siniša Inić haben markante Hochhäuser aus der ganzen Welt in die Messestadt Riem projiziert.

(Foto: privat)

Für die Architekten Thomas Gerstmeir und Siniša Inić ist die Messestadt "weder Dorf noch Stadt". Mit einer auf den ersten Blick skurrilen Postkarte skizzieren sie ihre Ideen, wie mehr Wohnraum geschaffen werden kann

Von Renate Winkler-Schlang, Messestadt Riem/Au

San Gimignano, das Mittelalter-Städtchen mit den Türmen, kennt der Toskana-Fan. Ein Ort, so attraktiv, dass man von dort Postkarten verschickt. Gibt es eine Messestadt Riem-Postkarte? Wohl eher nicht, auch wenn die Bewohner ihr Viertel lieben und immer wieder Architektur-Studenten durch das Areal pilgern. Das Architekturbüro von Thomas Gerstmeir und Siniša Inić - beide auch Hochschullehrer - hat jetzt auf spielerische Weise das Toskana-Örtchen und die Messestadt auf einer beeindruckend bunten Postkarte zusammengebracht: "Saluti da San Riemigliano". Bekannte Türme haben sie in die Ansicht von Riem hineingeschmuggelt, Architektur-Highlights aus aller Welt wie das Münchner Sternhochhaus von Steidle, den torförmigen CCTV-Tower aus Peking oder das Pirelli-Hochhaus aus Mailand. 14 Hochpunkte bekannter Architekten, diesmal mit Blick auf die Alpen und den Buga-See, den die beiden kurzerhand in "Lago di Riemigliano" umgetauft haben. Spaß mit ernstem Hintergrund.

Der Münchner Werkbund lädt zu einer Ausstellung in die Architekturgalerie, die an diesem Mittwoch, 9. März, unter dem Titel "Wir machen das" beginnt. Sie zeigt unter dem Motto "Wohnraum für alle" gesammelte Konzepte, die auch gemeinsam mit der Hochschulinitiative "Home not Shelter" entstanden sind. Am 12. März dann trifft sich die Netzwerk-Initiative des Werkbundes in der Hochschule an der Karlstraße 8 für einen "Markt der Möglichkeiten". Das zeigt: Viele suchen nach Ideen, wie man schnell guten Wohnraum schaffen kann, für Flüchtlinge und alle anderen, die dafür sorgen, dass München wächst und wächst.

Gerstmeir und Inić haben kein ausgefeiltes Konzept und auch nicht noch eine Variante von schnell zusammensetzbaren Holzhäusern eingereicht, nur ihre Postkarte - und die Jury hat sie deshalb auch nicht berücksichtigt. Einen ernst gemeinten, pragmatischen Denkanstoß wollten sie trotz aller Provokation mit ihrer erstmals im Münchner Feuilleton veröffentlichten Idee aber doch geben. Die Messestadt kennen beide gut und aus eigenem Erleben - der eine, weil Freunde von ihm dort glücklich leben; der andere, weil Freunde von ihm dort schnell wieder weg in eine urbanere Gegend umgezogen sind. Die beiden Architekten haben sich in der Messestadt umgesehen und finden, dass dieser Stadtteil weder Dorf noch Stadt ist, sondern ein Kompromiss mit zu wenigen Wohnungen auf zu viel Raum. Wozu, fragen sie, soll es gut sein, dass die "Grünfinger" vom Park in die Siedlung hineinreichen. Sie sehen in diesen freien Zonen, wenigstens theoretisch, ein Reservoir von immer rarer werdendem Bauland.

Thomas Gerstmeir wüsste auch schon, wo er auf seiner Postkarte gerne wohnen wollen würde - ganz oben natürlich, mit bestem Alpenblick. Erreichen würde er sein Domizil mit der U-Bahn, unter ihm befände sich vielleicht ein Discounter, im nächsten Stock eine Kita, darüber eine Ballettschule, womöglich eine Schreinerei, viele Appartements, ein paar Ateliers. Erholen könnte er sich wie alle anderen auch im Park und am See.

Es sei einfach wichtig, nicht weiter "klein, klein" zu denken - mit Baugenehmigungsverfahren, die immer länger werden, wenn immer mehr Politiker antreten, um sie zu straffen. Schnell, viel und gut müsse gebaut werden. Und das auch mal mit einer etwas kleineren Abstandsfläche, die Regelungen dafür seien sowieso in jedem Bundesland anders, so der Appell der Architekten, die sonst eigentlich auf das Füllen kleiner Baulücken, das Entwerfen schöner Bauernhäuser oder das Sanieren bestehender Altenheime spezialisiert sind.

Dass die Messestädter froh sind, wenn endlich der letzte Baukran verschwunden ist und wahrscheinlich keine Lust haben auf den Schatten, den ein Wolkenkratzer wirft, das könne man schon verstehen. Dennoch sei der Druck da, München müsse zusammenrücken: "Und in der Höhe ist Platz." Wollte man etwa in der Messestadt die Dichte der Innenstadt erreichen, müsste man die neben der Messe entstandenen Wohnbauten elf Mal aufeinander stapeln - das haben sie nicht nur errechnet, sondern in einer skurrilen Simulation auch dargestellt. Die Trambahnen müssten dann alle zweistöckig sein und die Wiesenzelte ebenso, lacht Inić.

Als einen Beitrag zur Diskussion sehen sie ihre Postkarte allemal. Und allen, nicht nur den Messestädtern, gibt Gerstmeir augenzwinkernd den Satz mit auf den Weg: "Das ganze Leben ist eine Baustelle. Der Zustand des Bauens ist immerwährend."