Waldbrand-Serie Schwelende Angst

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Rauchen ist im Wald natürlich verboten. Im südöstlichen Landkreis ist die Lage aber besonders brisant.

(Foto: Claus Schunk)

Neunmal hat ein Unbekannter seit Ende März Feuer im Wald gelegt. Anwohner, Spaziergänger und Einsatzkräfte im Münchner Osten sind beunruhigt. Sie fragen sich: Wann schlägt er wieder zu?

Von Michael Morosow und Martin Mühlfenzl

Wie Gerippe ragen die verkohlten Baumstämme und Büsche in den blauen Himmel. Von grünen Blättern und Gräsern keine Spur mehr. Am 30. März hat ein Feuer das Waldstück bei Keferloh vernichtet. Hannes Bußjäger, der Kommandant der Grasbrunner Feuerwehr, ist sich sicher, dass keine leichtfertig weggeworfene Zigarette die Brandursache war. "Wir haben vor zehn Jahren einmal einen Test gemacht und versucht, mit einer Zigarette trockenes Gras in Brand zu setzen. Das klappt bei 100 Versuchen vielleicht einmal", sagt der Feuerwehrmann. "Bei uns hat es gar nicht funktioniert."

Bußjägers Blick wandert von einem toten Bäumchen zum anderen. "Die Neupflanzung kostet ohne Arbeitsaufwand 8000 Euro. Der Pflegeaufwand pro Hektar kommt auf 40 000 Euro, den zahlt keine Versicherung", gibt er zu bedenken, während zwei Arbeiter in grünen Latzhosen und mit kleinen Setzlingen im Arm an ihm vorbei laufen. Hat es gebrannt, wird wieder aufgeforstet.

Jedes Mal konnte der Brandstifter unerkannt entkommen

Der Kommandant ist überzeugt, dass das Feuer absichtlich gelegt wurde, ebenso wie die mehr als 20 anderen seit dem Frühjahr 2017 im südöstlichen Landkreis München, die von einem unbekannten Zündler entfacht wurden, der keine Spuren hinterlässt und mit Polizei und Feuerwehr geradezu Katz und Maus spielt. Allein seit Ende März dieses Jahres hat er an neun Stellen Feuer gelegt. Jedes Mal konnte er unerkannt entkommen.

In einem Wald bei Keferloh wird auch auf Zetteln um Hinweise gebeten.

(Foto: Claus Schunk)

Viel Zeit für weitere Brandlegungen bleibt ihm heuer nicht mehr. Wenn frisches, saftiges Grün aus dem Waldboden sprießt, kann er mit seiner herkömmlichen Methode keinen Schaden mehr anrichten und müsste einen Brandbeschleuniger einsetzen, was das Risiko, erwischt zu werden, erhöht.

Aber noch steht das strohtrockene Reitgras zwischen den Fichten und Tannen einen Meter hoch und würde in Flammen aufgehen, falls dies jemand mit einem brennenden Streichholz oder Feuerzeug inszenieren wollte. Bußjäger kniet am Wegesrand und streicht über das Gras. "Da braucht es wirklich nicht viel, nur ein Funken", sagt er und schüttelt leicht den Kopf.

Die Leute sind sensibilisiert

Die bange Frage, die sich Waldbauern, Polizei und Feuerwehr daher stellen: Wird der Zündler abermals zuschlagen, obwohl der Fahndungsdruck auf ihn inzwischen exorbitant verstärkt worden ist? Spürhunde, berittene Polizei, Hubschrauber, Wildkameras - nichts hat ihn bislang beeindrucken können.

Was aber macht diese permanente Bedrohung, diese zuerst unsichtbare, dann sehr sichtbare Gefahr mit den Menschen im südöstlichen Landkreis? Wie sehr lassen sie sich von der Serie an Brandstiftungen beeindrucken? "Die Leute sind sensibilisiert", sagt Robert Paul, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Hohenbrunn. Wie die beiden Spaziergängerinnen, die am Donnerstag gemütlich aus dem Wald Richtung Solalinden schlendern. Die beiden sonnenbebrillten Frauen bleiben direkt neben einem Schild stehen. "Brandstiftungen - Gesamtbelohnung 5000 Euro", ist darauf zu lesen.

Die Freundinnen glauben, den Feuerteufel bereits gesehen zu haben. Am Karfreitag sei es gewesen, als es am frühen Nachmittag zuerst im Höhenkirchner Forst bei Hohenbrunn und danach in einem Waldstück bei Keferloh brannte. Ein Hubschrauber sei über sie hinweg geflogen, sagen sie und deuten mit ausgestreckten Armen in Richtung Osten. "Die suchen hundertprozentig den Feuerteufel, haben wir gesagt, und in diesem Moment ist ein aggressiver Mann mit seinem Fahrrad wie wild an uns vorbeigezischt", erinnern sie sich. "Wir mussten direkt auf die Seite springen." Erzählt haben sie es dann aber niemanden; sie wurden ja auch nicht gefragt, sagen sie.

War das der Unbekannte? Dass dieser mit dem Fahrrad zum Zündeln fährt, glaubt auch Feuerwehrkommandant Bußjäger, der sich noch gut an den 8. April 2017 erinnern kann: Damals hatte es zwei Mal in Waldperlach gebrannt und nur eine Stunde später in Grasbrunn. Er geht deshalb davon aus, dass der Brandstifter mit dem Rad unterwegs ist und sehr gute Ortskenntnisse hat. Er glaube zwar nicht, dass der Täter in diesem Jahr noch einmal Feuer im Wald legen wird, aber er und seine Männer wären darauf vorbereitet. Das Thema lässt ihm auch privat keine Ruhe mehr. Von seinem Hof am Rande Grasbrunns wandert sein Blick viel öfter als sonst zum Wald hin.

Ermittler hoffen auf einen Fehler

Ein weites Panorama in alle Himmelsrichtungen öffnet sich dort. Wenn eine weiße Rauchsäule aufsteigt, weiß Bußjäger, er kann entspannt bleiben, dann brennt ein Waldbauer kontrolliert Daxen ab. Steigt aber schwärzlicher Rauch aus dem Tann empor und unterbricht die Säule ein ums andere Mal, dann brennt das Reitgras und kann der Brandstifter nicht weit sein. Und dann dauert es nicht lang und es rücken die Feuerwehren aus der Umgebung an, zieht die Polizei einen Fahndungsring um den Brandherd, richtet Kontrollstellen an Wegen und Straßen ein, kreist mit einem Hubschrauber über dem Waldstück, durchkämmt es mit Spürhunden und Reiterstaffel, filzt Spaziergänger und Radler.

Vermutet, dass die Ursache für die Brände Brandstiftung ist: der Kommandant der Grasbrunner Feuerwehr, Hannes Bußjäger, in einem abgebrannten Wald bei Keferloh.

(Foto: Claus Schunk)

Irgendwann müsste der geheimnisvolle Brandstifter doch einen Fehler machen, hoffen die Ermittler. Diesen Gefallen hat er ihnen bis heute nicht getan. "Mit einem Benzinkanister wird er nicht durch den Wald laufen, der macht sich eine Gaudi mit der Polizei", sagt am Donnerstag ein Arbeiter auf einem Grasbrunner Pferdehof, während er den Braunen striegelt. Und wie solle man den Täter auch finden, wenn gleichzeitig tausend Leute im Wald sind. In der Tat folgt der Unbekannte oft dem gleichen Muster. Er nutzt sonnige und warme Tage, an denen viele Spaziergänger in dem Naherholungsgebiet unterwegs sind. Doch er schlägt auch nachts zu.

Die Polizei schaut ganz genau hin

An diesem sonnigen Nachmittag im Biergarten der Einkehr in Solalinden ist den Ausflüglern keine Nervosität anzumerken. Wirt Harry Rothmeyer schlendert gemütlich von Tisch zu Tisch, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden der Gäste. Gezündet werden nur ein paar flapsige Witzchen. "Aber die Brände sind schon ein Thema. Da wird auch am Stammtisch drüber gesprochen sagt", Rothmeyer.

Gerade als er wieder Richtung Wirtshaus geht, fährt am Biergarten im Schritttempo eine Streife vorbei. Die beiden Polizeibeamten schauen mit aufmerksamen Blicken ins Gartenlokal, werden aber von den Gästen kaum beachtet. Die Kontrollen gehören hier draußen auf dem Land - in Solalinden, Oedenstockach, Hohenbrunn, Keferloh oder Möschenfeld - momentan zum Alltag und sind keine Aufregung mehr wert.

Für die Polizeibeamten ist es wie für die Feuerwehrleute derzeit ein "Schwerpunkteinsatz", sagt Robert Fritsch, der stellvertretende Leiter der Ottobrunner Polizeiinspektion. "Wir sind momentan schon verstärkt unterwegs und sprechen uns auch mit den Kollegen der anderen Inspektionen ab, wo speziell nachgeschaut gehört." Auch direkt im Wald erfolgen Kontrollen, sagt Fritsch, wenn sich etwa ein Radfahrer auffällig verhält.

Es kommen immer wieder Hinweise

Es kämen auch immer wieder Hinweise aus der Bevölkerung. "Mal gute, mal eher schlechte." Den derzeitigen Arbeitsmodus bezeichnet der Beamte als "Habachtstellung". Vorvergangene Woche erst rückten Kollegen aus, weil am Horizont eine kleine Rauchsäule zu sehen war. "Aber da hat dann doch nur ein Gartler seine Abfälle verbrannt. "Mei, aber hin müssen wir."

Die Hoffnung, den Brandstifter bald zu finden, sei natürlich immer da. Aber es braucht auch Geduld und Zeit, schon aufgrund des riesigen Gebietes, in dem der Feuerteufel wütet. "Und er hat ja nicht Brandstifter auf seinem Hemd stehen", sagt Polizist Fritsch und lacht.

Das Lachen ist auch Sandra Scholler und ihrem Vater Hans Scholler noch nicht vergangen. Die beiden wohnen direkt am Waldrand am Ortsausgang von Solalinden Richtung Oedenstockach. Sitzen sie auf der Terrasse, können sie quasi im Minutentakt Spaziergänger und Ausflügler zählen.

In einem Wald bei Keferloh wird auch auf Zetteln um Hinweise gebeten.

(Foto: Claus Schunk)

Sandra Scholler ist selbst gern im Wald unterwegs. "Klar ist man zurzeit etwas aufmerksamer, wenn man spazieren geht. Auch wenn man gar nicht weiß, auf was man schauen soll", sagt sie. Als sie im vergangenen Frühjahr mit Freunden im Garten ein Lagerfeuer angezündet hat, das sie sogar bei der Gemeinde angemeldet hatte, standen plötzlich Polizisten in Zivil in ihrem Garten. "Die wollten halt wissen, was wir hier machen. Aber das ist okay, besser so, als wenn nicht kontrolliert wird."

Im ganzen Ort, sagt Scholler, werde darüber geredet, wer hinter den geheimnisvollen Bränden stecken könnte. "Das ist Dorfgespräch Nummer eins. Aber da redest ja über ein Phantom." Ein Phantom, das selbst für manchen in Solalinden noch ein echtes Geheimnis ist. "Was, so oft hat es gebrannt?", sagt eine Spaziergängerin am Waldesrand, die gerade ihren Hund ausführt. "Aber jetzt, wo sie es sagen: Die Polizei hat meinen Sohn beim Joggen im Wald kontrolliert. Hat er erzählt."

Viel zu erzählen haben auch die Feuerwehrleute selbst. Die Feuerwehrgemeinschaft sei gewachsen, sagt Bußjäger im eng bestückten Gerätehaus in Grasbrunn. Die Kommandanten hätten inzwischen eine eigene Whatsapp-Gruppe, um sich nach einem Brand in Erwartung einer möglichen Folgetat schneller absprechen zu können. "Die Brandserie schweißt die Jäger, Bauern und die Feuerwehr zusammen", weiß der Grasbrunner Kommandant.

"Wenn's einer von uns wäre, das wäre der Super-GAU"

Die Helfer müssen auch damit leben, dass die Ermittler selbst in ihren Reihen nach dem Zündler suchen. "Wenn's einer von uns wäre, das wäre der Super-GAU", sagt Bußjäger. Er glaubt es aber nicht. Nach einer ähnlichen Brandserie im Jahr 2007, erinnert sich der Feuerwehrmann, habe die Polizei die Einsatzberichte aller Wehren angefordert und geschaut, wer alles beim Löschen dabei war. "Von uns waren drei immer dabei, die mussten sich hernach dafür rechtfertigen. Das Thema ist wirklich hochsensibel."

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