Migration "Andere deutsche Universitätsstädte haben Integrationskonzepte"

Der Astrophysiker Claudio Cumani arbeitet bei der Europäischen Südsternwarte in Garching.

(Foto: Robert Haas)

Claudio Cumani steht dem Beirat vor, der sich für die Belange von Migranten in Garching einsetzt. Er sieht noch viel Verbesserungs­bedarf

Interview von Gudrun Passarge, Garching

- Seit 2005 gibt es in der Universitätsstadt Garching einen Integrationsbeirat, der sich für die Belange von Bürgern einsetzt, die aus anderen Staaten stammen, und das Zusammenleben in der Stadt fördert. Der gebürtige Italiener Claudio Cumani engagiert sich seit 2009 in diesem Gremium, das er inzwischen auch leitet. Der Astrophysiker arbeitet als Ingenieur bei der Europäischen Südsternwarte (Eso) in Garching. Cumani, der auch im Vorstand der Garchinger SPD mitarbeitet, empfindet Vielfalt als Bereicherung und Chance für eine Gesellschaft.

SZ: Wie hat der Bayerische Integrationspreis 2016 die Arbeit in Garching beeinflusst?

Claudio Cumani: Unser Projekt "Meine neue Heimat - Spurensuche der bayerischen Kultur in der Natur" hat uns viele Türen geöffnet. Dank des Preises konnten wir eine interkulturelle Wanderung mit Hüttenübernachtung für eine große Gruppe von Garchingern mit und ohne Migrationsgeschichte und Flüchtlingen finanzieren. Zudem sind wir als Integrationsbeirat mehr Bürgern bekannt und von den Einrichtungen und Vereinen mehr wahrgenommen worden.

Nach dem Preis werden Sie von anderen Integrationsbeiräten kontaktiert. Was können Sie Ihnen mitgeben?

Wir sind 2017 als Experten auf Konferenzen und Fachtagungen eingeladen worden. Wir haben dort Ehrenamtliche und Hauptamtliche informiert und ermutigt, Flüchtlingen ihre neue Heimat mit Wanderungen zu zeigen und zu erklären. Über die Natur haben wir die Kultur und Geschichte Bayerns erfahrbar gemacht.

Sie selbst kommen aus Italien, arbeiten bei der Eso in einem internationalen Haus und leben in Garching. Haben Sie schon mal Vorbehalte gegen Ihre Person zu spüren bekommen?

Ab und zu wird mir zu spüren gegeben, dass ich nicht zu diesem Land gehöre. Die klassische Frage lautet: "Wenn Sie in die Rente gehen, ziehen Sie dann zurück nach Hause?" Das änderte sich auch nicht, als ich deutscher Staatsbürger geworden bin.

Wie steht es um ausländische Mitbürger in Garching. Welche Klagen hören Sie da?

In Garching leben Menschen aus 120 Nationen. Die Bedürfnisse sind sehr vielseitig, ich nenne nur einige Beispiele: Wissenschaftler, deren Lebenspartner hier auch beruflich ankommen wollen, Flüchtlinge, ohne jegliche Ausbildung sowie hoch qualifizierte Personen, ehemalige sogenannte Gastarbeiter, deren Familienmittelpunkt endgültig Garching ist, qualifizierte Nicht-EU-Bürger, deren Abschlüsse nicht anerkannt sind und die neben der Familie einen neuen Bildungsweg von Anfang an gehen müssen.

Sie sprachen in Ihrem Bericht auch von besonderen Problemen muslimischer Garchinger.

Ja. In Deutschland fühlen sich Muslime, besonders die Türkisch-Deutschen immer weniger wohl, weil sich Deutsche von ihnen abwenden. "Wir sind nicht mehr willkommen", sagen sie. Das geschieht leider auch in Garching. Dieses Gefühl, nicht anerkannt zu sein, erschwert zudem die Probleme, die sich alle örtlichen Vereine teilen, wie zum Beispiel die Suche nach Räumlichkeiten für die Vereinsinitiativen. So sucht die muslimische Gemeinde schon lange nach größeren Gebetsräumen und der türkische Fußballverein wünscht sich ein Vereinsheim. Am besten gelingt es Familien mit Kindern, sich als Teil des gesellschaftlichen Lebens in Garching zu fühlen.

Wie könnte die Stadt die Integrationsbemühungen besser unterstützen?

Die Stadt kann dazu beitragen, dass Zugezogenen gleichberechtigt, aktiv am gesamten politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft teilhaben können. Die Internetseite und alle Publikationen, außer der Mülltrennung sind in deutscher Sprache. Garching ist eine internationale Universitätsstadt und sollte die Informationen zumindest auch auf Englisch anbieten. Beispiel: Wenn Sie einen Kindergartenplatz auf der Webseite der Stadt Garching suchen, müssen Sie die deutsche Sprache können. Die Stadt kann auch eine interkulturelle Öffnung in der Verwaltung, Vereinen, Institutionen fördern und unterstützen, zum Beispiel mit regelmäßigen interkulturellen Trainings.

Gibt es dafür anderswo Vorbilder?

Ja, andere deutsche Universitätsstädte haben Integrationskonzepte entwickelt. Es sind Handlungsfelder zu definieren, von der Bildung bis zur Arbeit, über Flüchtlinge, Gesundheit und Senioren, Sport und Freizeit, Sprachförderung, kulturelle Vielfalt und interreligiösen Dialog bis zur Antidiskriminierung. Für diese Handlungsfelder sind Ziele, Maßnahmen, Akteure sowie der zeitliche Rahmen zu definieren und die konkrete Umsetzung zu überprüfen. Ein Gesamtkonzept würde die vielen einzelnen Bemühungen in unserer Stadt besser zum Tragen bringen. Und wahrscheinlich wären auch verschiedene Institute an diesem Gesamtkonzept interessiert. Ein mehrsprachiger Wegweiser für neu Zugewanderte wäre sehr hilfreich. Eine weitere Möglichkeit wäre, alle Informationen in leichter Sprache zu verfassen. Davon würden viel mehr Bürger profitieren.

Sie sprechen auch von einem Problem mancher Migranten im Alter.

Ich beschreibe Ihnen ein Beispiel. Ein Rentnerehepaar mit Migrationshintergrund benötigt in absehbarer Zeit Pflegehilfe. Der Ehemann kann recht gut Deutsch, weil er hier Jahrzehnte als einfacher Arbeiter gearbeitet hat. Die Ehefrau war zu Hause, hat die Kinder groß gezogen, sie spricht nicht so gut deutsch. Ihre Schnittmenge mit dem Stadtleben ist klein. Sie bekommen finanzielle Unterstützung als "Aufstocker". Ihnen ist grundsätzlich nicht angenehm, vom Sozialsystem Hilfe zu benötigen und sie möchten möglichst um wenig bitten. Die Hürden sind also hoch, dass sie die sehr guten Angebote, die es in Garching gibt, in Anspruch nehmen werden. Das wird ein großes Thema in den nächsten Jahren werden.

Wie könnte man das ändern?

Die Pflege- und Betreuungsangebote für Senioren müssten auch auf die speziellen Bedürfnisse von Migranten ausgerichtet werden. Nötig wäre eine interkulturelle Öffnung der Träger und Einrichtungen der Altenhilfe und Altenpflege zum Beispiel durch Ausrichtung ihrer Konzepte und Angebote nach den Bedürfnissen dieser Zielgruppe. Auch die Infomaterialien müssen in verschiedenen Sprachen bereitgestellt werden. Hier bedarf es einer engen Abstimmung mit der Umsetzung des Seniorenkonzeptes.