Islam Die Kraft der Dattel

Beim gemeinsamen Fastenbrechen in Garching betonen Veranstalter und Gäste ihre Verbundenheit. Muslime und Christen essen zusammen und sprechen über ihre jeweiligen Traditionen und Bräuche

Von Nadja Tausche, Garching

Selten hat man Menschen so bedächtig essen sehen wie hier. Der eine fängt mit einem Schluck Wasser an, der andere mit der Suppe. Der Tradition nach isst man beim Fastenbrechen zuerst eine einzelne Dattel, wie Melik Sirmakesler erklärt - das habe der Prophet Mohammed so festgelegt. Außerdem enthalte die Dattel Vitamine und Zucker und gebe dem Körper nach einem Tag ohne Essen und Trinken erst einmal Kraft. Von der Hauptspeise könne er trotz des langen Fastens gar nicht so viel essen, sagt Celal Ünal: Während des Ramadans werde der Magen kleiner, nach der Hälfte der Portion Reis mit Fleisch und Salat sei er eigentlich schon satt.

Den Nicht-Muslimen solche Bräuche zu zeigen, das ist eines der Ziele an diesem Abend. "Wir wollen alle Garchinger zusammenbringen", sagt Claudio Cumani vom Integrationsbeirat der Stadt. Auch Vorurteile sollen abgebaut werden, fügt Jan Stepputtis vom Kreisjugendring München-Land (KJR) hinzu. Dazu haben fünf Vereine zum gemeinsamen Fastenbrechen in die Mensa des Werner-Heisenberg-Gymnasiums eingeladen. Neben dem Integrationsbeirat und dem KJR gehören zu den Organisatoren der FC Türk Sport, der Hochbrücker Frauenfreundschaftsverein und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib Garching). Eingeladen sind die Muslime der Stadt, Flüchtlinge sowie die größten Vereine Garchings. Man hätte die Veranstaltung gerne öffentlich gemacht, aber man rechne so schon mit mehr als 200 Menschen, sagt Stepputtis. Vor zwei Jahren hat bereits ein Fastenbrechen in Garching stattgefunden, wie Cumani erzählt. Und weil man auch die christlichen Traditionen miteinander teilen wollte, gab es im Winter darauf eine Adventsfeier: "Einige der Flüchtlinge haben deutsche Weihnachtslieder gesungen, es war ein sehr guter Austausch", sagt er.

Endlich wird geschlemmt: beim Fastenbrechen mit mehr als 200 Gästen in der Mensa des Gymnasiums.

(Foto: Nadja Tausche)

Dieser Austausch der Kulturen und Religionen macht sich bei der Begrüßung zum Fastenbrechen bemerkbar. Es gibt Reden auf Deutsch, Türkisch und Arabisch, der Vertreter des Türkischen Generalkonsulats München, Mustafa Çakır, hält eine kurze Ansprache, der katholische Pfarrer Michael Ljubisik redet über die Fastenzeit bei den Christen. Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) sieht seine Einladung "als deutliches Zeichen, dass Sie zur Garchinger Gesellschaft dazugehören und wollen, dass wir zu Ihnen gehören."

Die Ansprache von Imam Yildiz muss auf nach dem Essen verschoben werden. Ismet Ünal zeigt, warum: Er hat einen Kalender auf dem Handy, für jeden Tag ist die genaue Uhrzeit des Sonnenuntergangs eingetragen. Für diesen Abend: 21.18 Uhr. Wer am Ramadan teilnimmt, darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Das Fastenbrechen am Abend beginnt auf die Minute genau. Ünal findet es eine gute Idee, die Feier gemeinsam zu begehen. Man gehöre zusammen, sagt er, "wir müssen miteinander reden, auch wenn wir anderer Meinung sind".

Im Gespräch: Hasan Celik, Bürgermeister Dietmar Gruchmann, Jan Stepputtis, Claudio Cumani, Muzaffer und Selma Binay (v.l.).

(Foto: Nadja Tausche)

Anderer Meinung, das war vor der Veranstaltung die örtliche CSU. Die hatte ihre Teilnahme abgesagt, wegen der Teilnahme des Vereins Ditib. Der gehöre zur türkischen Religionsbehörde Diyanet und ist laut Partei damit "direkter Teil des Machtapparats des türkischen Staatschefs Erdoğan". Selma Binay, Vorsitzende des Ditib-Vereins in Garching, sieht nicht unbedingt eine Verbindung. An diesem Abend wolle sie gar nicht über das Thema reden, sagt sie: Es gehe um Religion, nicht um Politik.