Flüchtlinge in Grünwald Plötzlich nicht mehr nobel

In der Traglufthalle in Grünwald sind Flüchtlinge untergebracht - manchen Anwohnern macht das Angst.

(Foto: Claus Schunk)

300 junge Männer in einer Traglufthalle spalten den reichen Münchner Vorort Grünwald - in solche, die Angst haben und jene, die helfen wollen.

Von Claudia Wessel

Grünwald, das ist jener Münchner Vorort, der in der öffentlichen Wahrnehmung für Promis, Protz und Prunk steht. Und jetzt das: Vor den Toren des Nobelortes sind seit kurzem 300 Flüchtlinge in einer Traglufthalle einquartiert, und es passiert genau das, was ins Klischee zu passen scheint. Einwohner sammeln Unterschriften, weil sie sich vor den Fremden fürchten, und bestätigten damit alle Vorurteile; von den Reichen, die sich hinter ihren hohen Mauern verschanzen und die Armen ausgrenzen.

Der örtliche Helferkreis, der sich um die Asylbewerber kümmert, spricht seinerseits von Hetze, die "besorgten Bürger" ihrerseits von übler Nachrede. In Leserbriefen und im Ortsblatt Isar-Anzeiger ist ein wahrer Krieg um den richtigen Umgang mit den Schutzsuchenden entbrannt und darum, wer von beiden Seiten in seiner Wahrnehmung und Beurteilung recht hat. Was ist los in der idyllischen, einst so ruhigen Isartalgemeinde? Eine Suche nach Antworten in unterschiedlichen Welten.

Die Bürger in Sorge

Katja Goetz ist wegen der Flüchtlinge in Sorge.

(Foto: Angelika Bardehle)

Ein Treffen in "Lang's Caféserie" mit Katja Goetz. Sie ist Unternehmerin in der Musikbranche und seit drei Jahren Bürgerin von Grünwald. Vorher lebte sie in der Nähe von Düsseldorf. Bei einer Tasse Kaffee erzählt sie von ihrem Erlebnis unlängst abends im Fitnessstudio, bei einem Kurs ausschließlich für Frauen. Überraschend seien zwei männliche Flüchtlinge aufgetaucht. Eine der Kursteilnehmerinnen, die Mitglied des Grünwalder Helferkreises ist, habe sie mitgebracht und die beiden jungen Männer hätten sofort Selfies gemacht. Katja Goetz und anderen Teilnehmerinnen war das unangenehm. "Da wir nur Frauen waren, trugen wir enge und knappe Sportbekleidung." Als sie die Frau, die die Männer mitgebracht hatte, darauf ansprach, habe diese naiv geantwortet: "Aber die haben doch immer so traurige Augen in der Traglufthalle."

Es folgten weitere Erlebnisse. Der Sohn einer Freundin sei von einer Gruppe auf seinem Mofa angehalten worden, Freundinnen und Bekannte erzählten, dass Männer zudringlich geworden seien. Auch sie selbst sei, als sie an einer Ampel stand, anzüglich angesprochen worden. Viele hätten daraufhin angefangen, sich Sorgen zu machen, um sich und vor allem um die Töchter.

Auch wegen der Vorfälle in Köln in der Silvesternacht. Auf jeden Fall habe man Angst vor den vielen Männern in der Traglufthalle, so Goetz. Und vor dem Sommer, in dem leicht bekleidete Frauen und Mädchen nicht nur im Sport zu sehen sein werden, sondern auch auf der Straße und vor allem an der Isar.

Anfang Februar verschickten sieben Frauen einen Brief an Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) und eine Unterschriftenliste, die sie "Bürgerbegehren" nannten und die die Forderung enthielt: für eine sichere Zukunft Grünwalds und gegen eine Verlängerung des Mietvertrags für die Traglufthalle. Gegen Flüchtlinge habe man nichts, auch nichts gegen den Helferkreis, sagt Goetz. Es ist das "Ghetto" von ausschließlich männlichen Asylbewerbern in Wörnbrunn, wie sie es nennt, das ihr und anderen Angst mache. Dass der Helferkreis ihr vorwerfe, Hetze zu betreiben, versteht sie nicht. "Ich habe nur unsere Ängste geäußert."

Die Polizei

Grünwald, zur Flüchtlingskrise, Carsten Lindemann, stellv. Leiter der Polizei, Grünwald, zur Flüchtlingskrise, Carsten Lindemann, stellv. Leiter der Polizei, Foto: Angelika Bardehle

(Foto: Angelika Bardehle)

Als Polizist ist Carsten Lindemann, stellvertretender Leiter der Inspektion Grünwald, von Berufs wegen neutral. Und zur Zeit sichtlich auch ein wenig hilflos. Denn er spürt die Flut der Emotionen, die durch den Ort brandet, muss sich aber auf die Aufgabe der Polizei konzentrieren: Kriminalität bekämpfen, Fälle aufklären. Wer auf die Hausmauer von Katja Goetz die Worte "Hier ficki ficki" gesprüht hat, hätte man womöglich herausgefunden, wenn die Grünwalderin die Sache nicht gleich öffentlich gemacht hätte, sagt er.

Auch weitere Vorfälle machen ihn ratlos. So gut und wünschenswert es sei, dass sich Menschen an die Polizei wenden, wenn sie Angst haben, so wenig wissen die Beamten, was sie tun sollen, wenn etwa eine Mutter berichtet, dass sie mit ihrer Tochter einer Gruppe Flüchtlinge begegnet sei, die Gruppe sich "geöffnet" habe und sie mit ihrer Tochter habe durchgehen müssen. Ist denn etwas passiert? Wurde sie angefasst, bedrängt? Nein. "Es gab nichts Strafrelevantes", sagt der Polizist.

Dann ist da ein Vater, der auf die Inspektion kam und mitteilte, seine volljährige Tochter sei in der Trambahn angesprochen worden. Auf Englisch. Von einem Flüchtling. Ja, und sei noch etwas vorgefallen? Nein. Nur das.

Carsten Lindemann kennt die Ängste von Menschen. Er versteht, dass Köln einiges auslöst. "Auch wenn ein Verkehrsunfall zweimal an derselben Stelle stattfindet, haben die Menschen Angst." Das Sicherheitsempfinden sei nun mal subjektiv. Natürlich könne manches als Beleidigung gelten. Aber das gebe es auch an Fasching und auf der Wiesn.

Auch an der S-Bahnhaltestelle Solln hätten viele Bürger nach dem Tod von Dominik Brunner Angst gehabt, obwohl vorher und nachher alles friedlich war. Was tun mit solcher Angst, die ins Irrationale driftet? "Aufklärung", rät Lindemann. Dass diese wirkt, kann man dann wohl nur hoffen.

Der Bürgermeister

Anders ergeht es auch Bürgermeister Neusiedl nicht. Der CSU-Politiker hat die "Bürger in Sorge" zu sich ins Rathaus eingeladen. All ihre Missverständnisse über Quoten und Zuständigkeiten und die Zuteilung von männlichen oder anderen Flüchtlingen aufgeklärt.

Es hat nichts genützt. Sie waren während der Sitzung des Gemeinderates am vergangenen Dienstag, in der ein "Sachstandsbericht zum Thema Flüchtlinge" auf der Tagesordnung stand, oben auf der Empore. Doch sie wurden durch die erneuten Erklärungen Neusiedls, die wohl vor allem an ihre und ihresgleichen Adresse ging, wieder nicht beruhigt.

Nach der Sitzung waren alle weiterhin furchtbar aufgeregt und hatten immer noch viele Fragen: Warum kommen in ein Haus an der Laufzorner Straße wieder nur Männer und keine Familien? Warum in eine Villa an der Gabriel-von-Seidl-Straße ebenfalls? Warum gibt es in Gräfelfing, wo der Landrat lebt, Familien und nicht nur Männer? Warum will der Bürgermeister keine neue Informationsveranstaltung?

Dass es Neusiedl langsam ein wenig mulmig zumute wird angesichts der Entwicklung, merkt man ihm an. Im Gemeinderat hatte er vor dem heiklen Tagesordnungspunkt kurzzeitig den Saal verlassen und seinem Stellvertreter Stephan Weidenbach die Sitzungsleitung übertragen. "Ich musste mich noch ein wenig frisch machen", erklärte Neusiedl.

Der Helferkreis

Gefährlich? Die Jungs? Wer am Treffen des Helferkreises um Ingrid Reinhart im evangelischen Gemeindezentrum an der Wörnbrunner Straße teilnimmt, muss fast lachen angesichts dieser Vorstellung. Hier kommen die "Jungs" aus der Traglufthalle eher wie kleine, aber durchweg nette Rabauken rüber. Wenn überhaupt. Klar, man muss sie schon erziehen.

Das erzählt vor allem Klaus aus der Deutschkurs-Gruppe. "In der Halle ist alles Friede, Freude, Eierkuchen", berichtet er dem Kreis von 50 Anwesenden, die teilweise die Großeltern der Jungs sein könnten. "Es gibt keine Probleme mit niemandem." Und das sei quasi ein erster Erziehungserfolg, sagt Klaus ein bisschen stolz. Jeder der Flüchtlinge habe jetzt ein Namensschild, das er immer tragen müsse. "Wenn sie es nicht dabei haben, kommen sie nicht in den Container."

Ingrid Reinhart (Mitte) kümmert sich um die Geflüchteten.

(Foto: Angelika Bardehle)

Dort finden die Deutschkurse statt. Auch ihr Vokabelheft müssen sie dabei haben. "Ein Lob auf die Erziehung", wiederholt Klaus mehrmals. Die funktioniert offenbar prima. "Manche sind inzwischen ununterbrochen am Lernen", verkündet Klaus. Und auch die Pünktlichkeit, die habe man ihnen beigebracht. In den Container gingen sie jetzt alle ganz geordnet. "Das ist so ähnlich wie bei Schäfchen, die zum Scheren gehen."

Auch die Vertreter anderer Gruppen haben ausschließlich gute Nachrichten. Es gibt die Kochgruppe, die Schwimmgruppe, den Spieleabend, einen Kleider-Flohmarkt und vieles mehr. Und eine ganze Reihe von Jungs, die jetzt schon Jobs haben: bei McDonald's, bei der Geothermie, im Augustinum. Einer macht beim Bäcker eine Ausbildung, einer ein Praktikum als Zimmermann.

Und eine Dame berichtet, dass die Jungs sich sogar für klassische Musik interessierten. So seien mehr als 50 von ihnen zu einem klassischen Konzert mit internationalen Musikern gekommen. Es ist eine einzige große Freude im Helferkreis darüber, wie gut sich ihre Schützlinge benehmen und integrieren. Klaus gibt ihnen übrigens für ihre Ausflüge aus der Halle nach Grünwald mit auf den Weg: "Lächelt die Leute freundlich an und sagt Hallo. Ihr seid keine Verbrecher."

Der Pfarrer

Christian Stalter, Pfarrer der evangelischen Thomasgemeinde, ist Gastgeber des Helferkreises und zahlreicher Gruppentreffen von Flüchtlingen, die im Gemeindezentrum stattfinden. Er schaut sehr besorgt angesichts der Stimmung mancher Bürger. "Ich verstehe solche Ängste", sagt er, "wünsche mir aber trotzdem, dass die innere Haltung gefunden wird, sich für den Dialog zu öffnen".

Er sorgt sich um den Zusammenhalt am Ort und den Ruf der Gemeinde. Die Idee der "Bürger in Sorge", gemeinsam mit dem Helferkreis eine Informationsveranstaltung zu machen, gefällt ihm daher. "Dialog wäre fantastisch. Es ist ja ein Prozess, den wir alle durchlaufen", sagt er über die aktuelle Situation. "Ich bin gesprächsbereit und gehe gerne auf die Bürger zu. Man muss alle Menschen ernst nehmen."

Der Gewerbeverband

Einer, der beide Seiten irgendwie verstehen kann, ist Michael Bayer, Vorsitzender des Gewerbeverbands. "Ich bin voll gegen die Unterschriftenliste", sagt er. "Die Asylbewerber sind genauso Grünwalder Bürger wie alle anderen auch. Wir müssen das Beste daraus machen."

Ein Ladeninhaber habe sich anfangs einmal beschwert, weil sich die jungen Männer immer auf die Stufen vor seinem Geschäft gesetzt hätten und sich Kunden nicht mehr hinein trauten. Das habe man aber den Flüchtlingen einfach gesagt. Seither gebe es keine Probleme mehr.

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Andererseits: Die Ängste kann Bayer schon auch verstehen. Er wohnt in der Nähe der Wörnbrunner Straße und dort kommen morgens immer Busse von der Traglufthalle an, aus denen dann rund hundert Männer aussteigen, die zur Trambahn wollen. "Ich bin ein Mann, aber für ein Mädchen kann das schon ein komisches Gefühl sein", sagt er.

Allerdings gibt es auch die netten, amüsanten Begegnungen: Täglich kämen zwei bis drei Flüchtlinge in seinen Laden an der Emil-Geis-Straße - versehentlich, weil sie denken, er sei der Zahnarzt, der tatsächlich oben drüber seine Praxis hat. Mit diesen Besuchern habe er immer viel Spaß. Da rede man mit Händen und Füßen. "Schaun's", sagt Bayer und zeigt auf die Straße. "Da steht wieder einer."

Dann lacht er: "Na wenigstens sieht man, dass es kein Preuße ist." Ja, es sei eine Herausforderung, aber für alle. "Nur weil wir in Grünwald sitzen, können wir nicht sagen, bei uns gibt's das nicht." Was kann man tun? "Immer wieder über das Thema reden", sagt er. "Da hat der eine recht und der andere."

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