Krähenangriffe in München Wie bei Hitchcock

Offenbar war es eine Rabenkrähe (Aaskrähe, Corvus corone) wie diese, die die Menschen in einer Münchner Wohnanlage angegriffen hat.

(Foto: Johannes Simon)

"Es besteht Gefahr für Leib und Leben": Krähen haben in einer Wohnanlage in München-Sendling Menschen angegriffen und verletzt, nun schlägt die Stadt Alarm. Ein Jäger soll prüfen, ob die Vögel abgeschossen werden müssen. Doch eigentlich sind die Tiere während der Brutzeit streng geschützt.

Von Thomas Anlauf

Nach mehreren gefährlichen Attacken von Krähen in einem Münchner Wohnblock schlägt das Kreisverwaltungsreferat (KVR) Alarm. "Es besteht Gefahr für Leib und Leben", sagte KVR-Sprecherin Kristin Nettelnbrecher auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung. Noch an diesem Dienstag soll ein Jäger die Situation in dem Sendlinger Wohnblock begutachten und dann entscheiden, ob die Tiere abgeschossen werden müssen.

Am Montagvormittag war ein Mann in der Wohnanlage von mindestens zwei Krähenvögeln angegriffen worden, nach eigenen Angaben trug er zwei Platzwunden am Kopf davon und musste ambulant behandelt werden. Auch Kinder sind in den vergangenen Tagen nach Aussage von mehreren Zeugen attackiert worden.

Was Richard Ebert am Montagvormittag in dem Sendlinger Wohnblock erlebt hat, klingt nach Hitchcocks Thriller "Die Vögel". Er überquerte gerade den Spielplatz im Innenhof des Wohnblocks, um zur Busstation zu laufen, als er plötzlich einen großen Vogel bemerkte, der angeflogen kam. "Ich bin stehen geblieben - und dann kam ein zweiter Vogel, der hat mich erwischt und hat zugehackt."

Kurz darauf sei ein dritter Vogel dazugeflogen und habe noch einmal mit dem Schnabel auf seinen Kopf eingehackt. Als Richard Ebert wenig später von Anwohnern am blutenden Kopf verarztet wurde, habe erneut einer der aggressiven Krähen eine Attacke aus der Luft gestartet.

Bevölkerung soll Bereich meiden

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Bereits am Vortag soll es in dem Wohnblock, der von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG verwaltet wird, zu einem ähnlichen Vorfall mit den Krähen gekommen sein, die in alten Bäumen in dem begrünten Innenhof brüten und nun offenbar Jungvögel haben. Die Polizei kann zumindest den Vorfall am Montag bestätigen. Eine Streife sei gegen 12 Uhr alarmiert worden, dass Krähen an der Kraelerstraße Menschen anfallen, sagte am Abend ein Polizeisprecher der SZ. "Nach Rücksprache mit dem KVR wurde die Jagdbehörde informiert", so die Polizei. Außerdem sei die Bevölkerung aufgefordert worden, den Bereich, in dem sich die Vögel aufhalten, zu meiden.

Nach Angaben von KVR-Sprecherin Nettelnbrecher steht ihr Referat in engem Kontakt mit der Hauseigentümerin GWG, die für diesen Dienstag einen Jäger in den Wohnblock einbestellt hat. In diesem speziellen Fall gehe die Sicherheit der Anwohner vor dem Naturschutz. "Wir wollen uns nicht vorstellen, dass dort ein Kind zu Schaden kommt", sagte die Sprecherin. Der Spielplatz der Wohnanlage befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Bäumen, in denen die Krähen ihre Nester haben.

Dort spielen laut Krähen-Opfer Richard Ebert täglich Dutzende Kinder, auch seine eigene Enkeltochter. "Mir fehlt da jedes Verständnis", sagte Ebert. Die Hausverwaltung dürfe nicht einmal die Nester der Vögel entfernen. Ein Feuerwehrmann, der nach der Attacke ebenfalls am Einsatzort war, soll empfohlen haben, ein Netz über den Spielplatz zu spannen, als Schutz vor den aggressiven Krähen.

Tiere sind streng geschützt

Denn eigentlich sind die Tiere während der Brutzeit streng geschützt. Doch dieser Fall, der nach Angaben eines GWG-Mitarbeiters in der Wohnanlage schon häufiger vorgekommen sei, lässt die Sicherheitsbehörde zu der ungewöhnlichen Maßnahme greifen. Matthias Luy, Leiter des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) in Oberbayern, ist überrascht von der Attacke. "So etwas kommt sehr selten vor", sagt der Diplom-Biologe.

Er geht davon aus, dass es sich bei den aggressiven Vögeln um Rabenkrähen handelt. "Alle zwei bis drei Jahre bekommen wir eine Nachricht über eine Attacke", sagt Luy. Das sei eine vergleichsweise geringe Zahl an Fällen. Denn in München leben die Rabenkrähen nach Angaben des Vogelschützers überall dort, wo es hohe ältere Bäume gibt. Luy schätzt die Zahl der Rabenkrähenpaare im Stadtgebiet auf 20 pro Quadratkilometer.

Ob die Krähen in dem Münchner Wohnblock, die sich offenbar bei ihrer Brutpflege von den dort wohnenden Menschen gestört fühlten, überhaupt geschossen werden, ist indes noch gar nicht sicher. Möglicherweise werden sie auch vom Jäger lediglich vergrämt. Doch getan werden muss etwas, findet Richard Ebert. "Das wird jetzt ein Politikum", sagt das Opfer der Sendlinger Krähen-Attacke.