Kinder trainieren Courage Lässig, stark, selbstbewusst

Die Hände vorstrecken und laut "Stoooooop!" brüllen: Der frühere Manager Matthias Hummel bringt Schulkindern bei, wie sie Provokationen couragiert begegnen und damit Gewalt verhindern können. Sein Ziel: Aus Duckmäusern "Cool Strong Kids" zu machen.

Von Renate Winkler-Schlang

Den "inneren Gorilla" aufpumpen: Hände vor und "Stooooop!" schreien.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

Das Schlüsselwort ist "Stopp". Die Kinder der Klasse 1a der Giesinger Ichoschule sitzen in der Turnhalle im Kreis, vor sich rot-grün-gestreifte Bilder von Kinderkörpern. Die Farben haben sie selbst in die Umrisse gemalt. Diese Hausaufgabe hat Trainer Thorsten Schlieper ihnen gegeben.

Sie sollten farblich darstellen, an welchen Stellen ein anderer sie anfassen darf - und an welchen nicht. Grün sind bei den meisten die Schultern gemalt oder die Arme. Manche haben das Gesicht rot gefärbt, die Brust. Den Bereich, "wo die Unterhose ist", wie einer der Buben es ausdrückt, haben alle rot angemalt. Versucht jemand, diese Stellen zu berühren, ist ein lautes "Stopp" fällig, begleitet von einer eindeutigen Geste. Das trainieren sie mit Freude. Der erste Schritt, um eines der "Cool Strong Kids" zu werden.

"Ich bin unschlagbar" ist das Motto von Cool Strong Kids, einem Gewaltpräventionsprojekt für Schulen. Der 45-jährige Ramersdorfer Matthias Hummel hat es ausgetüftelt und aufgebaut. Dabei ist Hummel kein Sozialpädagoge oder Psychologe. Der Vater von zwei Kindern, war im Vorstand einer Aktiengesellschaft. Er arbeitete viel und sah seine Kinder selten: "Die kannten mich nicht wirklich." Als es der Firma schlecht ging, nutzte er das für einen Neuanfang.

Bewusst stieg der Mann aus, wurde zunächst hauptberuflich Vater, ehrenamtlich Vorstand eines Elterninitiativ-Kindergartens. Als er erfuhr, dass die Ichoschule nach einem wirklich guten, brauchbaren Ansatz in der Gewaltprävention suchte, bot der erfahrene Kung-Fu-Lehrer spontan seine Hilfe an. Sein Ansatz: "Was erwarte ich als Vater?" Sein Werkzeug: Lebenserfahrung und gesunder Menschenverstand und die Fähigkeit, sich in eine Aufgabe so richtig reinzuknien.

Er habe drei Monate lang versucht, den Bereich der Gewaltprävention zu verstehen und gute Ansätze entdeckt, doch meist eher "wie Inseln": Der eine kümmere sich nur um Mobbing, der andere Anbieter um Missbrauch, der nächste nur um Kleinkinder. Schnell sei ihm klar geworden, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, sagt Hummel: "Gefühle. Sie erkennen, sie artikulieren und entsprechend zu handeln". Auf dieser Grundlage entwickelte der Autodidakt umfassende Module. "Wie funktioniert meine innere Alarmanlage? Wie gehe ich mit Geheimnissen um?" Solche Fragen verwandelte er in Lerneinheiten, in Spiele, Hausaufgaben für Kinder und Eltern, Infos für Lehrer und Schulleiter. Acht Stunden in jeder Grundschul-Jahrgangsstufe sind inzwischen vorgesehen.

Das Programm, das Hummel immer weiter verbessert hat und für das er mittlerweile einen zwölfköpfigen Trainerstab aus- und weiterbildet, geht bereits in die sechste Generation, immer mehr Schulen auch außerhalb Münchens zeigten Interesse. "Das ist genau, was ich immer gesucht habe", hat neulich ein Schulleiter zu ihm gesagt. Doch Hummel war nicht sofort zufrieden: Dass nur die Kinder kommen sollten, deren Eltern die moderate Kursgebühr tragen können, gefiel ihm nicht.