Kampf gegen Schädlinge Sauna für Bienen

Florian Deising mit dem Modell einer Bienensauna in München.

(Foto: Johannes Simon)

Hohe Temperaturen statt chemischer Keule: Eine neue Apparatur soll dabei helfen, Bienen vor tödlichen Milben zu schützen. In München planen die Erfinder einen Feldversuch.

Von Stephan Handel

Das Monster ist gerade mal einen Millimeter groß, aber es ist tödlich. Die Varroamilbe, mit asiatischem Migrationshintergrund, hockt sich auf Honigbienen, saugt ihr Blut aus und ihr Leben. Bislang gibt es gegen den Schmarotzer nur Keulen, und zwar chemische: Ameisensäure zum Beispiel tötet zwar die Milbe. Sie schwächt aber auch die Bienen, und sie kann sich im Honig ansammeln, sodass sie später der Mensch auf der Frühstückssemmel hat. Doch nun ist angeblich ein Mittel gefunden, das der Milbe schadet und die Biene stärkt. Erfunden haben es Richard Rossa und Florian Deising. Sie schicken die Bienen in die Sauna.

Dass Hyperthermie, also die Behandlung mit erhöhten Temperaturen, einen positiven Effekt bei Varroa-Befall hat, ist schon seit längerem bewiesen. Doch die Anwendung war bislang recht unpraktisch: Die Brut musste aus den Bienenstöcken herausgenommen werden, die Geräte waren so groß wie Kühlschränke oder größer, und jene Bienen, die in Erfüllung ihrer Bestäubungspflichten gerade unterwegs waren, wurden überhaupt nicht erreicht.

Winzig aber tödlich

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Alle diese Nachteile haben Rossa und Deising mit ihrer Bienensauna nun überwunden, sagen sie: Wenn es nämlich umständlich ist, die Bienen in die Sauna zu bringen, so die Überlegung, dann muss eben die Sauna zu den Bienen kommen. Zu diesem Zweck hat Rossa - er ist der Erfinder, studierter Ingenieur und Hobby-Imker - eine Art Schublade konstruiert, die alle notwendigen Gerätschaften, die Steuerungselektronik, Heizelemente und diverses andere beinhaltet. Diese Schublade wird in einen Fuß geschoben, auf dem der Bienenstock sitzt. Wenn das Gerät eingeschaltet wird, erwärmt es die Luft im Bienenstock auf 40 bis 42 Grad Celsius - ganz langsam, damit die Milbe nicht Lunte riecht und die Bienen nicht unruhig werden.

Innerliches Verbrutzeln oder Stromschlag

Was Temperaturen anbelangt, so besteht der Unterschied zwischen der Biene und der Milbe darin, dass erstere Wärme bis zu 45 Grad ohne weiteres ertragen kann. Dass aber Varroa schon bei 38 Grad beginnt, innerlich sozusagen zu verbrutzeln: Ein bestimmtes Eiweiß im Körper des Tieres bildet sich um, und die Milben sterben.

Falls einige von ihnen doch merken, was da mit ihnen geschehen soll, so haben sie keine andere Wahl, als nach unten zu fliehen, denn oben im Bienenstock ist es ja noch wärmer. Unten aber wartet ein Netz auf sie, das unter Strom steht und somit wirkt wie die elektrischen Insektenvernichter, die sommers auf zahlreichen Terrassen bläulich leuchten und durch regelmäßiges Knacken bekanntgeben, dass wieder einer der Sauger den Weg alles Irdischen gegangen ist.

Für die Bienen hat die Sauna laut Florian Deising nur Vorteile: Die Behandlung mit Ameisensäure hat bei ihnen den gleichen Effekt wie eine Chemotherapie beim Krebspatienten - mag sein, dass der Krebs beziehungsweise die Milbe hinterher weg ist, aber der Patient und die Biene sind extrem geschwächt, was beim Tier Auswirkungen auf das Fortpflanzungsverhalten, die Widerstandskraft gegen andere Krankheiten und den Honigertrag hat. Die Sauna hingegen entlässt nach zweistündiger Behandlungsdauer die Bienen gestärkt - nicht nur die Milbe wird getötet, sondern auch andere Schädlinge und Krankheitserreger.

"Im Moment zahlen wir bei jedem Exemplar 500 Euro drauf"

Richard Rossa lebt in Schweden in einem kleinen Dörfchen und arbeitet daran, das Gerät zu optimieren und es serienreif zu machen, Florian Deising ist in München dafür zuständig, es an den Mann zu bringen. Derzeit sind sie noch in einer Testphase, was auch bedeutet, dass die Sauna nicht zu einem annehmbaren Preis produziert werden kann: "Im Moment zahlen wir bei jedem Exemplar 500 Euro drauf", sagt Deising.

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Um zunächst mal 40 Geräte produzieren zu können, setzen sie auf die Macht der Menge: "Crowdfunding" heißt die Online-Methode, bei der Erfinder und Ideenhaber Menschen suchen, die bereit sind, für die Erfindung und die Idee Geld zu geben. "wir-retten-bienen.org" heißt die Site der beiden, dort ist eine Gabe - ein Geschenk, eine Investition - ebenso möglich wie auf diversen Crowdfunding-Plattformen.

Bei 19 000 Euro steht der Zähler im Moment, genug, um den ersten Teil des Feldversuchs im kommenden Frühjahr zu starten, mit zunächst 20 Geräten. Wenn sie ebenso viele Imker finden würden, dann würde schon einmal eine annehmbare Datenmenge für eine wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung stehen: 90 000 Imker gibt es in Deutschland, jeder kümmert sich im Durchschnitt um sieben Völker.

Bislang gab es nur einzelne Versuche, die aber, so Florian Deising, alle einen positiven Effekt zeigten. Dennoch, das muss er zugeben, ist im streng wissenschaftlichen Sinn noch nicht bewiesen, dass die Sauna besser arbeitet und bessere Ergebnisse liefert als die bisherige Methode mit Ameisensäure und anderen Chemikalien. "Wir suchen", sagt Deising, "für den Feldversuch die wagemutigen Imker."

Wenn das gelingen sollte, dann könnte das Gerät in Serie gehen; dann sollte es auch deutlich unter 1000 Euro kosten. Für die Erfinder steht jetzt schon fest: "Das wird jeder Imker weltweit brauchen."

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