Jugendstil in München Knospen, Blüten und andere Skandale

Rundgang durch die Stadt

Skandalös und revolutionär: Der Jugendstil war um die Jahrhundertwende weit mehr als nur dekorativ. Auf den Spuren des Jugendstils in München. mehr...

Ein neues Buch stellt den Jugendstil in München vor. Was heute als dekorativ und schmuck empfunden wird, war um die Jahrhundertwende geradezu revolutionär.

Von Anne Goebel

Jugendstil heißt jede Tapete, jeder Krawattenstoff, jeder Kattun, dessen Muster halb scheußlich, halb japanisch ist." Der Münchner Dichter Hanns von Gumppenberg schrieb den bösen Satz im Jahr 1903, aber wenn man bedenkt, dass Gumppenberg unter dem Pseudonym Professor Tiefbohrer für seine galligen Parodien berühmt war, sollte man die Worte vielleicht nicht übermäßig ernst nehmen. Noch dazu war der gebürtige Landshuter ja Mitglied der Münchner Zeitschrift Jugend, welche die nach ihr benannte Kunstrichtung prägte - Gumppenberg nahm also eine Mode aufs Korn, der er selbst nicht gerade fernstand.

Dennoch dürfte die Äußerung Beifall gefunden haben; die neue Art des Dekorativen, all die Wellenlinien und Blütenranken stießen durchaus auf Widerstand im eher behäbigen München. Und paradoxerweise kann man das gerade auf dem Titel eines neuen Buchs nachvollziehen, das den Jugendstil in all seiner Vielfalt und Schönheit würdigt. Der kunsthistorische Band von Bernd Mollenhauer zeigt auf dem Cover eine Aufnahme des damals legendären Fotostudios Elvira mit seinem bizarren Fassadenschmuck eines züngelnden Drachentiers. Korallenroter und gelber Stuck, absinthgrüner Hintergrund: Das Wandbild sieht grandios aus - aber eine Kunst für die breite Masse war das nicht.

Neues Buch über den Jugendstil in München

Bernd Mollenhauer liefert in seinem schön aufgemachten Buch "Jugendstil in München" einen äußerst dichten Abriss der Epoche an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Allerdings ist der broschierte Band nicht nur regelrecht vollgepackt mit Informationen, auch drucktechnisch hat man offenbar möglichst viel Stoff pro Seite unterbringen wollen: Das kompakte Schriftbild ist nicht unbedingt leserfreundlich, trotz der Hervorhebung von Eigennamen zur besseren Orientierung. Inhaltlich hat sich der Autor für eine Mischung aus personen- und sachbezogenen Kapiteln entschieden, Abschnitte über die Villa Stuck oder die Architektur der Kammerspiele wechseln sich ab mit der Darstellung wichtiger Künstler wie Richard Riemerschmid oder Hermann Obrist.

Das macht die Lektüre abwechslungsreich - und außerdem ist ein Zugang von verschiedenen Seiten wohl der beste Weg, sich einem schwer zu fassenden Phänomen zu nähern: Unter dem Begriff Jugendstil verbinden sich die verschiedensten künstlerischen Programme und Manifeste, denen eines gemeinsam ist - dass sie den Historismus ablehnen, die Nachahmung überlieferter Formvorbilder. Stattdessen wollte man moderne Kunst kreieren, die funktional und dekorativ zugleich war, ob als "Arts and Crafts"-Bewegung in England, als Secessionsstil in Wien oder Art Nouveau in Frankreich.

München mit früher Beziehung zum Jugendstil

Auch Münchens besondere und frühe Beziehung zum Jugendstil lässt sich nicht an einem Ereignis festmachen, Bernd Mollenhauer nennt mehrere Faktoren. Da ist die seinerzeit wenig beachtete Nische einiger Avantgardisten auf der Kunstausstellung im Münchner Glaspalast von 1897, die ansonsten ganz im Zeichen der verehrten Malerfürsten wie Stuck oder Böcklin steht. Da ist die richtungsweisende Zeitschrift Jugend, die von 1896 an "frischen Wind in die Münchner Künstlerszene" bringt. Und da ist der kühne Wandbehang eines Schweizer Künstlers, nur einer von vielen originellen, teilweise auch wunderlichen Münchner Protagonisten der neuen Stilrichtung.

Hermann Obrist hatte das Medizinstudium aufgegeben nach "Visionen" über ein ihm vorbestimmtes Künstlerdasein, und 1896 konnte er sein textiles Stickbild "Der Peitschenhieb" ausgerechnet in einer recht konservativen Galerie ausstellen, bei Littauer am Odeonsplatz. Der Zyklus aus 35 Wandbehängen zeigt züngelnd gekurvte Linien mit stilisierten Pflanzenknospen, jäh wie "rasende Bewegung", schrieb ein Kritiker beeindruckt. Man empfand die Stickerei als unerhört, revolutionär, was auch einiges über die Verkrustungen in den Akademien und Salons von damals aussagt.