Internet-Plattform Das neue Facebook für die Nachbarschaft

Im Dreimühlenviertel leben viele Bewohner in enger Nachbarschaft.

(Foto: lok)
  • nebenan.de ist ein soziales Netzwerk, in dem man nur Beiträge aus der eigenen Nachbarschaft sieht.
  • Anders als in anderen Netzwerken gibt es keine Werbung. Die Plattform will vor allem mit dem Datenschutz punkten.
Von Elisa Britzelmeier

Christian Vollmann hatte schon ein ganzes Jahr in seiner Wohnung gelebt, als er beschloss, einfach mal bei den Nachbarn zu klingeln. Bis dahin wusste er nicht, wer da mit in dem Haus wohnte, in das er mit seiner Familie gezogen war. Also stellte er sich bei den Nachbarn nebenan vor und bei denen weiter die Straße runter. Die meisten reagierten zunächst mit Misstrauen - aber dann luden sie ihn ein, doch mal reinzukommen auf einen Kaffee.

Aus dieser Erfahrung heraus gründete Vollmann mit mehreren Bekannten das Online-Netzwerk nebenan.de. Es funktioniert ein bisschen wie Facebook und doch anders. Nutzer registrieren sich mit Profilbild und können Posts verfassen. Aber entscheidend ist, wo sie wohnen - man sieht nur Beiträge aus der eigenen Nachbarschaft.

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Es geht nicht nur ums Kennenlernen: Die Mitglieder geben sich Empfehlungen, fragen nach guten Ärzten, Handwerkern oder Cafés in der Nähe. Sie vermitteln Babysitter und Putzhilfen oder verschenken gebrauchte Kleidung. Wer kein Raclette-Set hat, leiht es sich einfach über die Plattform bei den Nachbarn aus.

Älteste Nutzerin ist 86 Jahre alt

Ein soziales Netzwerk also, das vom digitalen ins analoge Leben wirken will. "Bei uns sind vor allem zwei Gruppen aktiv: junge Familien und Menschen über 50", sagt Mitgründerin Ina Brunk. Man spreche gezielt nicht nur die Digital Natives, also Leute die ohnehin mit Computern und Smartphones aufgewachsen sind, an. "Unsere älteste Nutzerin in Berlin ist 86 Jahre alt." Sicher kann man das aber nicht sagen: Die Altersangabe ist freiwillig.

Seit Mitte Dezember ist nebenan.de online. In München steht das Netzwerk noch am Anfang, mittlerweile gibt es 350 Mitglieder. Gewachsen ist es hier vor allem seit Anfang Februar, besonders im Lehel, im Westend und rund um den Gärtnerplatz. Für eine Nachbarschaft braucht es nicht viele Anmeldungen: Der kleinsten gehören zehn Mitglieder an.

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Die größte Gruppe ist das Winsviertel im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg mit 600 Nutzern. "Neben der praktischen Ebene - Empfehlungen, Verleih und so weiter - ist uns die soziale Ebene wichtig", sagt Brunk. In manchen Nachbarschaften hätten sich Literaturkreise gebildet, in anderen treffe man sich zum Doppelkopfspielen.

nebenan.de könnte bald die Flyer im Briefkasten ersetzen

Mitglieder müssen sich mit ihrem echten Namen und natürlich mit ihrer Adresse anmelden. Accounts werden verifiziert, zur Bestätigung kann man sich eine Postkarte senden lassen oder das Foto eines Briefkopfes hochladen. Man gebe die Daten nicht heraus, versichern die Macher. Anders als in anderen Netzwerken gibt es keine Werbung, jedenfalls noch nicht.

Wie sich das Projekt finanziert? Derzeit noch von Investoren. Langfristig sollen sich auch Läden und Unternehmen in der Umgebung anmelden können und so gezielt die eigene Zielgruppe erreichen. "Der Gedanke ist, dass zu jedem Viertel auch das lokale Gewerbe gehört", sagt Brunk. Über kurz oder lang könnten so die Flyer im Briefkasten ersetzt werden. Bislang haben nur Privatpersonen Zugang. In Zukunft soll es außerdem möglich sein, neben Beiträgen aus der eigenen auch die der angrenzenden Nachbarschaften zu sehen.

15 Mitarbeiter koordinieren nebenan.de von Berlin aus. Einer der Gründer zog die Spenden-Vermittlungsplattform betterplace.org mit auf, andere Kollegen arbeiteten bei der Plattform Social Impact. Das Konzept von nebenan.de ähnelt Tausch-, Verschenk- und Verkaufsgruppen, die es bereits auf Facebook gibt. Ob die Nutzer sich von dort fortbewegen, ist fraglich. nebenan.de will mit dem besseren Datenschutz punkten. "Viele unserer Mitglieder sind aufgeklärte Nutzer", sagt Mitgründerin Brunk. Bei Facebook seien die gar nicht angemeldet.

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Aktualisierung: Nebenan.de wird mittlerweile von mehreren Investoren finanziert, so sind der Burda Verlag und der Website-Investor Lakestar daran beteiligt.