Tassilo Groß, frei, mutig

Der Olchinger Daniel Huss erschafft extravagante Figuren aus bodenständigem Material

Von Ekaterina Kel, Olching

Der Finger von Daniel Huss zeichnet unsichtbare Linien auf dem dicken Blatt Papier seines Portfolios. Als wollte der Künstler den Konturen seiner darauf abgebildeten Skulptur noch einmal nachspüren. "Hier, zum Beispiel, sind die zwei Teile der Figur unabhängig voneinander entstanden", sagt Huss auf eine ihm eigene, ruhige Art und Weise, und deutet auf das satte ockergelbe Objekt aus Stuckmarmor, das den oberen Teil der Skulptur ausmacht, auf einer Art babyblauem Fuß sitzt und stark an ein angetoastetes Weißbrot erinnert. Ein Bekannter aus den USA hat das bemerkt, seitdem trägt die 2016 erschaffene Figur von Daniel Huss den Titel "Cornbread". Der 32-Jährige hebt leicht seinen rechten Mundwinkel an. Dann setzt er sich in eine bequeme Position auf das gestreiften Sofa in seinem Wohnzimmer, das übrigens früher sein eigenes Kinderzimmer war. Er lebt als Künstler in Olching, im Haus seiner Kindheit. Seine Werkstatt hat er sich direkt nebenan eingerichtet, ein Atelier soll auch noch kommen. Weil Huss als begabter junger Künstler die Kunstszene im Landkreis um seine extravaganten Skulpturen bereichert, ist er für den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung nominiert.

Manchmal ist das Ergebnis nicht von Anfang an so erdacht gewesen, wie im Fall von seiner Arbeit "Cornbread".

(Foto: Daniel Huss)

Noch befinden sich fast alle seine Arbeiten in der Kunstakademie in München - da steht er kurz vorm Abschluss. Der hochgewachsene, schlanke Huss lässt großformatige Figuren, die mal eindeutige, mal abstrakte Assoziationen hervorrufen, entstehen. Gips, Holz, Glas - seine flexiblen und bodenständigen Materialien bieten ihm immer wieder neue Möglichkeiten.

Es sei die Freiheit in der Kunst, sagt Huss, die ihn dazu bewegte, nach einer abgeschlossenen Ausbildung zum Schnitzer in Berchtesgaden und München Bildhauerei zu studieren. In seinem gelernten Beruf, bei dem er hauptsächlich Kirchenfiguren und Ornamente herstellte, hat er die große Freiheit des künstlerischen Arbeitens nicht haben können. Schon während der Ausbildung hat er angefangen, mit Wachs und durchgefärbtem Gips zu experimentieren. "Es war total befreiend, sich frei zu bewegen", sagt er. Während er sein Gesellenstück fertigte, hat er sich parallel an der Akademie beworben. Mittlerweile weiß Huss auch die Einschränkungen formaler Prinzipien zu schätzen, die einen festen Rahmen schaffen.

Die wichtigste Lektion aber, die er über Kunst gelernt habe, sei es, Abstand zur eigenen Arbeit zu entwickeln. Eine Distanz aufzubauen, "damit man den Überblick behält" - ganz pragmatisch, aus handwerklicher Sicht, aber auch abstrakt, als Künstler zu seiner Schöpfung. So ließe sich auch notfalls Kritik besser ertragen, die jemand an einem Objekt äußert, das man mit eigenen Händen geschaffen hat. "Weil man viel von sich selbst hineingibt."

Mit ruhiger Hand formt Daniel Huss fantasievolle Objekte.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Im Brucker Stadtpark stehen Daniel Huss' "Lovepillar": Zwei abgesägte massive Eichenstämme, an denen mit Spanngurten jeweils eine weiße, knollenförmige Betonfigur befestigt ist. Das Zweiergespann, einander zugewandt und niemals vereint, ist Teil des Skulpturenpfads der Stadt. "Ich werde sie wieder überarbeiten", kündigt der Künstler an. "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie noch nicht ganz fertig sind." Das ist alles, was Huss von seinen Gedanken dazu preisgibt. Überhaupt wählt Huss seine Worte mit Bedacht, überlegt lieber noch einmal, wägt ab, was wichtig ist und was sein Gegenüber hören will.

Früher habe er versucht, mit seinen Arbeiten anderen zu gefallen. Als er gelernt hatte, vor allem auf sich selbst zu hören, habe er auch zu so etwas wie einem eigenen "Style" gefunden. "Ich habe angefangen, Sachen zu machen, die mir wirklich Spaß machen - das war der Schlüssel", sagt Huss. Große Maße, viel Material, mit mutiger, entschiedener Hand angelegte Flächen und aus groben Materialien geschöpfte Massen. Er mache auch kleine und fragile Glasfiguren, fügt Huss an.

Ein zielloser Freigeist ist Huss jedenfalls nicht: Spätestens seit der Geburt seiner erster Tochter Lina, die mittlerweile acht Jahre alt ist, der später die heute dreijährige Emma folgte, denkt der Künstler immer auch an die realistische Dimension seiner Kunst: Auf jeden fall wolle er seine Werke verkaufen, sagt er, ein paar Mal sei es ihm während des Studiums gelungen. Einen Markt, zumal in München, gibt es dafür allemal.