SZ-Adventskalender Nicht mehr Kind und doch nicht erwachsen

Wer mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu tun hat, ist begeistert. Viele sind sehr lernbegierig, ehrgeizig und motiviert. Sie wollen die einmalige Chance nutzen, die sich ihnen hier bietet. Der Adventskalender will einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass das gelingt

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

Eines ist erstaunlich. Wie sehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge für sich einnehmen können. Sie sind offensichtlich so motiviert, so interessiert und so lernbegierig, dass man sie gelegentlich in ihrem Ehrgeiz bremsen muss. Mit ihrer positiven Lebenseinstellung verstehen sie es, ganz unterschiedliche Menschen für sich zu begeistern. Beispielsweise Landrat Thomas Karmasin (CSU), den eine Begegnung mit den jungen Flüchtlingen den ganzen Ärger und die Probleme vergessen lässt, die er sonst täglich mit der Unterbringung von Asylbewerbern hat. Schließlich ist es selten geworden, dass der Landrat beim Thema Flüchtlinge noch ins Schwärmen gerät. Oder den Inhaber einer Schreierei, bei dem ein Jugendlicher nach seinem Praktikum im Sommer weiterhin regelmäßig vorbeischauen und mitarbeiten darf, bis er dort nach dem End des Schulbesuchs eine Lehre beginnen kann.

Begeistert sind aber auch der Brucker Jugendamtsleiter Dietmar König, der mit seinen Mitarbeitern für inzwischen insgesamt 170 unbegleitete Minderjährige zuständig ist. Oder so jemand wie der Sozialpädagoge und Brucker Stadtrat Tommy Beer, der bis zu seiner Elternauszeit Anfang Dezember das "Alveni Jugendhaus" der Caritas in einer ehemaligen Pension in Fürstenfeldbruck leitete, in dem 30 Heranwachsende aus dem Nahen Osten und Afrika leben.

Beer bezeichnet seine "Jungs" fast ebenso schwärmerisch wie der Landrat als "relativ pflegeleicht". Pflegeleicht sind sie laut dem Sozialpädagogen vor allem deshalb, weil sie begriffen haben, welch "einmalige Chance" sie im Vergleich zu vielen anderen haben. Sie haben es in einer oft Monate dauernden Flucht geschafft, nach Deutschland zu kommen. Und sie haben hier verstanden, oder sich davon überzeugen lassen, dass sie eine vernünftige Ausbildung mit einem Schulabschluss und einer Lehre brauchen, wenn sie Geld verdienen wollen. Und das wollen alle, auch wenn es nicht so schnell geht, wie sie dachten.

Obwohl es Ausbildungsbetriebe im Landkreis gibt, die infolge des Lehrlingsmangels sofort einen jungen Flüchtlinge ohne einen Schulabschluss einstellen würden, bestehen Jugendamt und Betreuer darauf, dass diese zuerst eine Schule besuchen, erst dann dürfen sie eine Ausbildung beginnen. Schließlich sollen sie keine Hilfsarbeiter werden, sondern ihre Möglichkeiten ausschöpfen und vor allem integriert werden. Wer nicht wusste, wie wichtig es ist, am Arbeitsplatz gut Deutsch zu sprechen, weiß es spätestens seit dem obligatorischen Besuch eines Praktikums besser. Mit der Förderung eines Musikprojekts und mit einer Zuwendung für Freizeitaktivitäten und Ausflügen will der Adventskalender einen Beitrag zum Gelingen der Integration unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Landkreis leisten.

Die dreißig Jugendlichen aus dem Alvenihaus der Caritas in Fürstenfeldbruck besuchen eine Schule. Sie treffen sich zum gemeinsamen Mittagessen.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Um das Phänomen der Begeisterung für die jungen Zuwanderer zu verstehen, bedarf es eines Vergleichs, der unter Pädagogen und Menschen, die mit Jugendlichen arbeiten, politisch nicht ganz korrekt ist. Das sind die Erfahrungen aus der Arbeit mit solchen Jugendlichen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Aus diesem Kreis wird jemand erst dann zu einem Fall fürs Jugendamt, wenn etwas nicht richtig gelaufen ist. Das große Problem der Betreuer besteht darin, diese Heranwachsenden überhaupt zu motivieren. Also darum zu kämpfen, dass sie in die Schule gehen, ihre Aufgaben erledigen, ihren Tag strukturiert und sich in eine Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und Erziehern einfügen. Man muss sie also davon überzeugen, etwas zu tun.

Solche Probleme kennt Beer aus seiner früheren Arbeit mit Jugendlichen zur Genüge, aber nicht aus der mit minderjährigen Flüchtlingen, obwohl auch nicht alles im Alvenihaus ein Zuckerschlecken sein dürfte. Dass nicht alles wie am Schnürchen läuft, ist bereits auf dem Flur dem Aushang der Hausordnung zu entnehmen. Dort steht unter anderem unter dem Stichwort Hausregeln: "kein Alkohol, keine Gewalt, keine Schimpfworte". Auch der Tagesablauf ist präzise vorgegeben: 6.50 Uhr aufstehen, 7.50 Uhr zur Schule gehen ist da zu lesen. Von 15 Uhr an werden Hausaufgaben gemacht, erst danach kommt die Freizeit. Und auch in der Freizeit geht es oft noch darum, weiter zu büffeln. Beispielsweise mit Asylhelfern, die zusätzlichen Deutschunterricht geben oder bei den Hausaufgaben helfen. Da minderjährige Flüchtlinge genau wissen, was sie erreichen wollen, nehmen sie solche Zusatzbelastungen in Kauf.

Auf solche Erfahrungen beruft sich Beer, wenn er meint, seine "Jungs werden ihren Weg gehen und es schaffen". Und von noch etwas ist der Betreuer überzeugt: Obwohl Unterbringung und Ausbildung viel Geld und Energie kosten, werde sich das nach einigen Jahren für die Gesellschaft auszahlen. Auch finanziell, wie Beer ausdrücklich betont. Doch dazu muss, auch darauf wird immer wieder hingewiesen, die Integration in ein völlig fremdes Lebensumfeld gelingen.

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Der Jugendamtschef warnt davor, das Augenmerk zu sehr auf die Eigenmotivation zu legen und darüber zu vergessen, dass man es nicht mit jungen Erwachsenen zu tun hat, sondern mit Jugendlichen mit all ihren alterstypischen Verhaltensweisen. "Es macht die Arbeit für die Beteiligten interessant, wenn man es mit jemandem zu tun hat, der etwas will", räumt Dietmar König ein. Das sei das Schöne. Etwas später kämen dann doch noch all die jugendtypischen Verhaltensweisen hinzu, wie sie Eltern nur zu gut kennen: das Austesten der Bezugspersonen, Alkohol, die Grenzen abendlicher Ausgehzeiten sowie Konflikte untereinander wegen Alltagsgeschichten oder Kleinigkeiten.

Es gibt also viele Gründe, weshalb die Flüchtlinge bis zu einem Alter von mindestens 18 Jahren rund um die Uhr betreut werden. Im Alvenihaus teilen sich diese Aufgabe 18 Mitarbeiter, von denen aber nicht alle in Vollzeit arbeiten. Vor allem in den Abendstunden und nachts holt die Jugendlichen ihre Vergangenheit ein, wenn sie Heimweh bekommen, an ihre Familie denken oder an traumatische Erlebnisse während ihrer Flucht. Das sind die Phasen, in denen sie Unterstützung brauchen, in denen man sie "auffangen muss", wie König feststellt, besonders im emotionalen Bereich.

Über Whatsapp oder Facebook wissen die Minderjährigen beispielsweise oft schon zehn Minuten nach einer Bombardierung ihres Heimatdorfes in Syrien, wie es ihren Angehörigen dort geht. Sie erleben den Krieg und dessen Folgen über die sozialen Medien mit. Das schlägt auf die Stimmung im Haus durch. Die meisten werden in solchen Situationen depressiv, ziehen sich zurück, einige können dann auch aggressiv werden. Kommt ein naher Angehöriger um, ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Jugendlicher die Nacht mit einem Betreuer in einem Gemeinschaftsraum verbringt und redet.

Neben Traumata und Gewalterfahrungen wirkt noch ein anderer Druck aus der Heimat nach: Viele stehen laut König unter dem Erfolgsdruck, unbedingt etwas erreichen zu müssen, um später ihrer Familien zu helfen. Auch mit diesem Hintergedanken schicken Eltern und Verwandte die Minderjährigen auf den Weg nach Deutschland. Und während der Flucht mussten sie wie Erwachsene "funktionieren", worauf Beer hinweist. Sie sind teilweise noch Kinder mit Nachholbedarf in ihrer Entwicklung. Es gibt also durchaus gravierende Probleme. Umso erstaunlicher ist, dass im Alvenihaus das Zusammenleben von Jugendlichen aus neun Ländern gut funktioniert.