Verschwörungstheorien Strategien gegen alle Übel dieser Welt

Autor und Journalist Bernd Harder widerlegt seit vielen Jahren paranormale Theorien mit Fakten.

(Foto: Privat)

Die Erde ist eine Scheibe, die CIA hat Pokémon Go erfunden, Angela Merkel ist ein Reptil: Verschwörungstheoretiker verbreiten die abstrusesten Thesen. Der Autor, Journalist und Blogger Bernd Harder will mit Fakten dagegen halten

Von Clara Lipkowski, Au

Wie geht man mit Menschen um, die sich Fakten verwehren? Dieses Thema sei, im "postfaktischen Zeitalter" aktuell wie nie, meint Andreas Mehltretter, SPD-Bundestagskandidat aus Freising, als er am Dienstagabend in Au vor seine Genossen tritt. Aus diesem Anlass hatte die Orts-SPD zum Vortrag geladen: "Alle Übel dieser Welt - Verschwörungstheorien in der Postfaktokalypse". Schließlich sei der Austritt der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen der vorerst letzte Höhepunkt in der Debatte, sagt Mehltretter. Die Ablehnung von Fakten sei eine "Gefahr für die Demokratie". Als Redner übernimmt darauf der Autor, Journalist und Blogger Bernd Harder und führt durch eine Präsentation aus Screenshots, Youtube-Videos und Textauszügen. Er ist Mitarbeiter der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) mit Sitz in Roßdorf bei Darmstadt und widerlegt seit vielen Jahren paranormale Theorien mit Fakten.

Wie kommen Menschen dazu Verschwörungstheorien zu glauben?, fragt er, läuft in der Gaststube herum und schaut die etwa 20 Lokalpolitiker an. Unter die Zuhörer hat sich zudem ein Mann gemischt, der sich später als Verschwörungstheoretiker zu erkennen gibt, weshalb es kurz zu einer teils hitzigen Debatte kommt.

Aber erst einmal holt Harder aus. Die Erde ist eine Scheibe. Das Handyspiel Pokémon Go hat die CIA erfunden, um Menschen zu orten und auszuspionieren, oder: Islamisten locken damit Menschen an einen Ort, um dort einen Sprengsatz zu zünden. Manch Theorie, die Harder vorstellt, ist so absurd - Angela Merkel ist in Wahrheit ein Reptil - dass sie schon witzig ist und für irritierte Lacher sorgt. Witzig ist die Arbeit für Harder aber nicht. Die Theoretiker zu überzeugen sei mühsam, macht er klar. Mal klappt es, oft nicht.

"Verschwörungstheoretiker sind an Fakten nicht interessiert", sagt er. Eine Studie widerlegt eine abstruse Annahme? Darauf entgegne man ihm: Wer sich auf Quellen beruft, könne nicht selbst denken. Oder: Zu viel lesen mache dumm. Oder: Was an Unis gelehrt wird, sei gleichgeschaltet. "Was", fragt Harder, "soll man diesen Menschen sagen?" Er stellt klar: Bisher ist die Forschung zu Verschwörungstheorien noch gering, eine eindeutige Antwort könne er nicht geben; legt aber erste Erkenntnisse vor. Etwa, dass die Neigung zu diesen Theorien nichts mit Intelligenz zu tun hat. Aber sehr wohl damit, dass sich deren Anhänger von der gesellschaftlichen oder politischen Teilhabe ausgeschlossen fühlen. Irgendwie isoliert. Machtlos. Unzufrieden.

Hinzukomme, dass man Antworten suche auf komplexe Fragen. "Ehrlich, ich kann auch nicht erklären, wer genau in Syrien kämpft", sagt Harder. Oder die Bankenkrise von 2008, ESM und all das. Hier böten Verschwörungstheorien einfache Erklärungen und liefern einen Schuldigen oft gleich mit. Die Mächtigen "da oben" hinter den Kulissen, die USA, die Rothschilds, Politiker, sie wollen uns schaden - da kennt die Fantasie keine Grenzen.

Kritisch werde es, wenn die gefundenen Feindbilder "entmenschlicht" werden, sagt Harder. Werde Merkel zum Reptil erklärt, sei alles erlaubt. Teils werde zu Gewalt aufgerufen. "Kann man die nicht anzeigen?" fragt später eine Frau. "Schwierig", sagt Harder. "Facebook greift ja nur ein, wenn nackte Brüste gezeigt werden." Nicht aber wenn Anhänger der Theorie, dass Chemtrails am Himmel die Bevölkerung vergiften, im Netz darüber sinnieren, Flieger "vom Himmel zu holen". Und hier begibt sich Harder selbst in unstetes Gewässer: Es könne sein, dass Verschwörungstheoretiker dahinter stecken, wenn Piloten von grellen Laserstrahlen geblendet werden. Denn: Im Netz sei dies nachweislich diskutiert worden - wo man die Laser herbekäme, welche geeignet seien. Wer es wirklich war, sei aber nicht klar, räumt er ein, warnt aber: "So werden Gräben vertieft."

Wer Verschwörungstheorien anhänge, werte nicht nur sich selbst auf, weil er sich als "erwacht" empfinde, erklärt Harder, sondern entlaste sich selbst: "Steuern fremde Mächte alles, ist ja klar, warum ich meinen Job verloren habe." Krank sei man nicht, weil man sich schlecht ernähre, schuld seien die Chemtrails. Die eigene Lebensweise hinterfragen? Fehlanzeige.

Da fragen sich die Sozialdemokraten im Saal: Was können wir tun? "Jede einzelne Theorie mit Fakten widerlegen, rät Harder. "Und bei Online-Diskussionen immer die anonymen Mitleser bedenken - die, die noch nicht restlos überzeugt seien. "Sie wägen ab, wer die besseren Argumente hat." Auch solle man das persönliche Gespräch suchen statt sich online und auf öffentlichen Veranstaltungen zu streiten. Als sich ein blonder Mann zu Wort meldet, ist es aber kurz vorbei mit der sozialdemokratischen Heimeligkeit, der Mann ist einigen bekannt, weil er in Nandlstadt den "Freidenker-Stammtisch" organisiert, der für sich reklamiert, offen für "abweichende Meinungen" zu sein. "Bei 9/11 scheint es vielen eben nicht um Fakten zu gehen", sagt Anton Gebhard, was denn mit den 3000 Architekten sei, die die offizielle Version der Turmeinstürze anzweifeln? Da entgegnet Bernd Harder: "Was ist denn mit den 200 000, die das Gegenteil behaupten?"