Impfungen für Flüchtlinge und Helfer Lieferengpässe

Nicht nur die ankommenden Flüchtlinge sollten sich gegen Polio impfen lassen. Erwachsene sollten grundsätzlich nicht die Impfauffrischung nach zehn Jahren verpassen.

(Foto: dpa)

Ankommenden Flüchtlingen und auch Flüchtlingshelfern wird geraten, sich gegen Polio (Kinderlähmung) impfen zu lassen. Doch der Wirkstoff ist knapp.

Von Clara Lipkowski

Obwohl der Landkreis Freising als poliofrei gilt, stellt sich aktuell die Frage, ob hierzulande wieder verstärkt gegen Kinderlähmung geimpft werden sollte. In Ländern wie Syrien, Afghanistan und Pakistan ist die Infektionskrankheit Poliomyelitis noch oder wieder verbreitet. Flächendeckende Impfungen können wegen des Krieges oder Konflikten nicht gewährleistet werden. Reisen Menschen aus diesen Ländern ein und tragen unbemerkt das Virus in sich, besteht das Risiko, dass sich auch hierzulande Menschen mit Polio anstecken.

Üblicherweise werden in Deutschland Kinder im Vorschulalter gegen Polio geimpft. Bei Erwachsenen werden bestimmte Impfungen, nicht nur Polio, nach zehn Jahren aufgefrischt. Das bestätigt Lorenz Weigl, Leiter des Gesundheitsamts Freising. "Es ist sinnvoll, dass Erwachsene Schutzimpfungen wie Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten und Polio alle zehn Jahre erneuern. Darauf sollte in der Bevölkerung und bei Ehrenamtlichen und Helfern, die mit Flüchtlingen zu tun haben, geachtet werden." Sich impfen zu lassen, war bis vor Kurzem allerdings leichter gesagt als getan.

Der Impfstoff gegen Kinderlähmung war monatelang vergriffen

Im Landkreis Freising war der Impfstoff über mehrere Monate vergriffen. Apotheken konnten ihn nicht verkaufen, weil er nicht ausreichend produziert worden war. Auch jetzt können noch nicht alle Apotheken das Mittel aushändigen. Von Lieferengpässen habe er gehört, sagt Weigl vom Freisinger Gesundheitsamt und rät dazu, unterschiedliche Apotheke zu kontaktieren, da "nicht alle vom gleichen Großhändler beliefert werden." Außerdem sollten Bürger sich nach unterschiedlichen Impfungen erkundigen, beispielsweise gebe es neben der Kombinationsimpfung mit Tetanus-, Diphtherie- und Keuchhustenimpfungen, den Impfstoff auch einzeln zu kaufen.

Johanna Kellermann aus Neufahrn hat länger als ein halbes Jahr versucht, an einen Impfstoff gegen Polio zu kommen. Auf Rat ihres Hausarztes wollte die 58-Jährige nicht nur den Diphtherie- und Tetanusschutz auffrischen, sondern sich auch erneut gegen Polio impfen lassen. Das war am 6. Oktober 2015. Mit einem Rezept vom Hausarzt sollte sie den Impfstoff kaufen, um sich anschließend in der Praxis die Injektion geben zu lassen. Seit Oktober fragte sie in zweiwöchigen Abständen in verschiedenen Neufahrner Apotheken, ob der Impfstoff verfügbar sei. "Die Apotheker schickten mich jedes Mal ohne Impfstoff wieder nach Hause", sagt die Neufahrnerin. Die Begründung sei immer die gleiche gewesen, der Impfstoff werde derzeit nicht geliefert.

In den Flüchtlingseinrichtungen wird zur Impfung aufgerufen

Den Grund für einen Lieferengpass sieht der Leiter des Gesundheitsamts Freising unter anderem darin, dass in den vergangenen Jahren eine verstärkte Nachfrage nach dem Impfstoff vorlag. Mit der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen in Deutschland und davon mehr als 2000 im Landkreis Freising, seien die Hersteller wohl von der großen Nachfrage an Impfstoff überrascht worden. Denn den ankommenden Flüchtlingen wird geraten, sich gegen Polio impfen zu lassen - wenn sie es nicht bereits sind. Dafür ergreife das Gesundheitsamt verschiedene Maßnahmen. In jeder Flüchtlingseinrichtung würden Aufrufe zu Impfungen gemacht, ebenso bei niedergelassenen Ärzten mit dem Hinweis, dass die Impfungen erstattet würden, sagt Weigl.

Der Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur MSD mit Sitz in Berlin produziert Einzel- und Kombinationsimpfstoffe gegen Polio unter anderem für Apotheken und Ärzte im Landkreis Freising. In einer Pressemitteilung von September 2015 mahnt der Konzern, den Polio-Impfschutz zu überprüfen. Dennoch räumt Michaela Dworatzek, zuständig für Konzernkommunikation bei Sanofi, ein, dass es "seit Herbst letzten Jahres immer wieder zu zeitweisen Lieferabrissen" gekommen sei. Das führe sie auf eine verstärkte, weltweite Nachfrage des Impfstoffs zurück.

Noch immer gibt es mehr Vorbestellungen als Ware

Da der Herstellungsprozess von sogenannten biotechnologischen Produkten wie Impfstoffen sehr komplex sei, sei es nicht möglich, kurzfristig auf Lieferengpässe zu reagieren, so Dworatzek. Insgesamt habe sich die Situation aber wieder beruhigt, sagt Klaus Schlüter, Geschäftsführer von Sanofi Pasteur MSD.

Der Freisinger Apotheker Josef Müller sieht die Situation trotzdem kritisch. Sowohl den Einzel- als auch einen Kombinationsimpfstoff gegen Polio könne er von seinen Großhändlern derzeit nicht beschaffen, sagt der Inhaber der Adler-Apotheke. "Die Lage ist mehr als angespannt". Derzeit eine Impfung gegen Polio zu erhalten, sei "äußerst unwahrscheinlich", da mehr Vorbestellungen vorliegen dürften als Ware verfügbar sein wird. Die Neufahrnerin Kellermann hat nach mehr als acht Monaten den Impfstoff erhalten.