Flüchtlinge im Hungerstreik Menschen zweiter Klasse

Etwa 100 Flüchtlinge campieren seit Samstag mitten in München

(Foto: Stephan Rumpf)

100 Flüchtlinge sind mitten in München im Hungerstreik. Wären sie Bürger dieses Landes, die Regierenden würden sich fürsorglich um sie kümmern, doch so fühlt sich keiner zuständig. Innen- und Sozialministerium zeigen mit dem Finger aufeinander. Das ist ignorant, das ist armselig, das ist bayerische Flüchtlingspolitik.

Ein Kommentar von Bernd Kastner

Plötzlich ist da diese Unordnung inmitten der Stadt. Dabei wirken nicht die Zelte auf dem Rindermarkt unordentlich, das ist alles sehr aufgeräumt, wenn man bedenkt, dass seit Samstag Dutzende Menschen hier campieren. Allein durch ihren entschlossenen Protest stellen die Asylsuchenden die bayerische Ordnung in Frage, die bisher lautet: Flüchtlinge sind Störenfriede. Flüchtlinge sollen gehen.

Und damit sie das möglichst schnell tun, kriegen sie Essenspakete, dürfen sie ihren Bezirk nicht verlassen, verbietet man ihnen das Arbeiten und steckt sie in schäbige Massenunterkünfte, die schon mal aus Containern zusammengeschraubt sind. Und natürlich erwartet die deutsche und bayerische Politik, dass Flüchtlinge still akzeptieren, wenn man sie ihrer Würde beraubt.

Nun kämpfen sie um diese Würde in aller Öffentlichkeit. Ihr Protest ist friedlich, wird aber zunehmend radikaler. Dass sie in Regen und Kälte ausharren und ihre Gesundheit riskieren, zeigt, wie verzweifelt diese Menschen sind. Wären sie Bürger dieses Landes, die Regierenden würden sich fürsorglich um sie kümmern, gerade jetzt, kurz vor den Wahlen. Weil sie aber "Non-Citizens" sind, legen die Verantwortlichen keine Eile an den Tag.

Offenbar will keine staatliche Behörde mit diesen Menschen zu tun haben, Innen- und Sozialministerium zeigen jeweils mit dem Finger aufs andere Haus: Der da ist zuständig. Das ist ignorant, das ist armselig, das ist bayerische Flüchtlingspolitik.

Hungerstreik in München Flüchtlinge wollen auch Trinken einstellen

Wer die Hungerstreikenden besucht, blickt in traurige, aber entschlossene Gesichter. Viele von ihnen sind traumatisiert und haben in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt, was sich kaum jemand hierzulande vorstellen kann. Sie stehen stellvertretend für Tausende. Als Bürger dieses Staates schämt man sich, dass eben dieser Staat Hilfesuchende systematisch wie Menschen zweiter Klasse behandelt.