Filmemacherin Doch noch Ballerina

Geschichten aus dem echten und eigenen Leben - die 31-jährige Regisseurin Helena Hufnagel war schon für den Deutschen Kurzfilm- und den Max-Ophüls-Preis nominiert. Mit zwei Freundinnen zusammen hat sie nun den Kinofilm "Einmal bitte alles" gedreht, der die Frage stellt, wie lange man große Träume haben darf

Von Franziska Schwarz

Der Putz fällt von der Decke, sie schimmelte schon länger vor sich hin. Die WG ist plötzlich sehr eng, weil die Mitbewohnerin nun einen Freund hat. Und kaum lässt man beim Nebenjob im Fahrradladen einmal den Kunden aus den Augen - schon ist das Fixie aus dem Schaufenster verschwunden. Das wird teuer. Dabei reicht das Geld schon jetzt für nichts, erst recht nicht für das Sechs-Quadratmeter-Zimmer beim Ex-Freund. Aber: Trotzdem lieber erst mal still halten. Spätestens hier wird im Film "Einmal bitte alles" klar: Das ist nicht Berlin. Nicht wegen des Kommunikations-Krampfes, sondern wegen der Miete von gut 600 Euro. Das ist also München.

Schließlich verpfändet die Hauptfigur Isi (Luise Heyer) heimlich den Verlobungsring ihrer Mitbewohnerin Lotte (Jytte-Merle Böhrnsen). Wer, bitte, denkt sich so was aus? Niemand. Die Anekdoten beruhen auf wahren Begebenheiten.

"In Berlin hätte die Geschichte so nicht funktioniert", sagt Regisseurin Helena Hufnagel, "denn in München lastet der gesellschaftliche Druck viel mehr auf Isi, es heißt eher: Krieg halt deinen Arsch hoch". Die 31-Jährige ist Absolventin der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München und gerade mit ihrem Regie-Debüt "Einmal bitte alles" auf Deutschlandtour. Ein Coming-of-Age-Film, der unter anderem für den Max-Ophüls-Preis nominiert war. Im Zentrum steht die Frage, ob man sich von einem bestimmten Alter an entscheiden muss, lieber den kleinen oder doch noch den großen Traum zu träumen. Sachbearbeiter bleiben oder doch als Trucker durch die Welt fahren. "Irgendwann ist es ja zu spät, um zum Beispiel Ballerina zu werden", sagt Hufnagel.

Dass der Film ausschließlich in München gedreht wurde, merkt man nicht sofort. Keine Maximilianstraße, keine Lederhosen, keine Münchner U-Bahnen sind zu sehen. Der Verlag "Finsterwalde", bei dem Isi ihr Praktikum verliert, ist fiktiv.

Die Geschichte von Isi, einer Frau Ende zwanzig, die es als Illustratorin schaffen will, ist aus Erlebnissen zusammengesetzt, die Hufnagel und ihre Drehbuch-Autorinnen Sina Flammang, 31, und Madeleine Fricke, 28, im Freundeskreis gesammelt haben.

Getroffen hat Helena Hufnagel (Mitte) die Kollegin, Sina Flammang (links) bei einem Studentenjob, Zuschauerbefragung bei der ARD. Und da stellte sich die Frage: War das schon alles? Nein, zusammen mit Madeleine Fricke (rechts) haben die drei nun einen veritablen Kinofilm gedreht.

(Foto: Robert Haas)

Getroffen hatte sich das Trio an der HFF, Hufnagel und Flammang saßen zufällig auch noch bei einem Studentenjob zusammen, beim Service der ARD beantworteten sie Zuschauerfragen zum Programm. Sie tauschten sich aus, sammelten Geschichten. Und als der erste Rentenbescheid kam und immer mehr Freunde Babyfotos posteten, wurde den beiden klar: Die Gesellschaft zwingt uns zum Erwachsenwerden. Dabei saßen sie lieber mit Weinschorle auf dem Balkon - und dort stand eines Tages plötzlich die Idee für den Film im Raum. Die Frage war: Haben wir das Erwachsenwerden verschlafen? Ein Blick auf das Umfeld: Die einen hatten schon Familie - die anderen probieren sich im Leben noch aus wie die beiden jungen Frauen selbst. Freundin Fricke wurde dazugeholt und die Antwort lautete klar: nein. Also war auch noch Zeit, einen großen Traum zu verwirklichen, zum Beispiel diesen Film.

Die Hauptfigur kriegt wenig auf die Reihe. Kann eine einzige Person wie Isi wirklich so viel Pech haben? Kann sie. Und es stimmt auch, dass Freundschaften beim Eintritt ins Berufsleben zerfasern. Als Isis Eltern ihr die Topfpalme aus dem ausgeräumten Kinderzimmer in die Hand drücken, weil sie es ja inzwischen selbst schaffe, wird klar: Die Eltern haben keine Ahnung, wie eine selbständige Beschäftigung in den Medien aussehen kann. Isi verschweigt ihnen, dass sie bei Finsterwalde wegen eines mäßigen Auftritts vor der Chefin rausgeflogen ist. Die Szene erinnert an die HBO-Serie "Girls".

"Das ist ja eine coole Referenz", sagt Fricke. Sie sitzt auf der Wiese hinter der HFF und raucht. Flammang neben ihr im Schneidersitz lächelt. Hufnagel kommt dazu. "Ich mag ,Girls', weil die Frauen da nicht perfekt sind", sagt sie. Ebensowenig wie Isi, die sei aber keine Verliererin, sondern zeige, dass man Tiefschläge meistern kann. Nicht jene, die in Hollywood noch im Jahr 2017 gezeigt werden. "Wenn da eine weitere Frau in High Heels in ein Supermarktregal stolpert, schrei' ich."

Wie genau Hufnagels Vorstellungen von Regie sind, merkt man, wenn sie erzählt, warum ihr Film teilweise wie ein Berlin-Film wirkt. "Ich habe mit vielen Farbverschiebungen gearbeitet, weil so viele Menschen auf Instagram dort einen Filter auf jedes Bild legen. Das wollte ich spiegeln."

Zum Film kam Hufnagel über Umwege. Während ihres Studiums war sie einige Monate in den ARD-Studios in Singapur und Wien. Die Arbeit mit bewegten Bildern gefiel ihr, und sie hörte da auch zum ersten Mal, dass es Filmhochschulen gibt. Hufnagel schrieb sich zunächst für das Fach Produktion ein, verfiel aber durch ihr 2012 für den Deutschen Kurzfilmpreis nominiertes Werk "Erntefaktor Null", einer Doku über den Alltag in einem stillgelegten österreichischen Atomkraftwerk, auf die Regie. "Ich dachte, ich will diesen Job für immer haben."

Mit München hatten alle drei Frauen, die auf der HFF-Wiese sitzen, zunächst so ihre Schwierigkeiten. Zu schick, zu humorlos, zu anonym war der erste Befund. Aber "et kütt wie et kütt", sagt Hufnagel. Sie ist Rheinländerin, Flammang kommt aus Ulm und Fricke aus Mannheim. "Wir wollen das München zeigen, das wir kennengelernt haben", sagt Fricke - also nicht das Postkarten-München, sondern das ohne Hochglanz. Die Frauen waren dafür zwei Jahre lang sieben Tage die Woche mit "Einmal bitte alles" beschäftigt, doch das Projekt wäre nicht ohne die Mithilfe zahlreicher Freunde entstanden. "Eine Party-Szene haben wir im Backstage auf der Geburtstagsfeier einer Bekannten gedreht", sagt Hufnagel. Eine ihrer zwei jüngeren Schwestern studiert inzwischen auch an der HFF.

Inzwischen ist der Job also in Hufnagels Familie eingedrungen und bestimmt ihr Leben. "Man ist irgendwann damit verheiratet", sagt sie. Nach einem Konzert von Wolf Alice im Ampere ging sie auf die Bandmitglieder zu, und fragte sie, ob sie ihr den Track "Moaning Lisa Smile" für ihren Film geben. Und der Schauspielerin Jessica Schwarz hat sie vier Monate hinterher telefoniert, um sie als Sprecherin für Isis inneren Monolog zu gewinnen. Mit Erfolg. So sieht das dann aus, wenn jemand den Arsch so richtig hochkriegt.

Zusammen mit einer Freundin hat Hufnagel die Produktionsfirma "Cocofilms" gegründet, die sich um die Finanzierung der Filme kümmert. Ansonsten sitzt sie gerne an der Isar und trinkt ein Wegbier. "Im Film sieht man die Stelle, an der ich wirklich immer bin", sagt sie. Man sieht auch: die Paul-Heyse-Unterführung, das Café Kosmos und eine Aussicht vom Dach auf die Türme der Frauenkirche. Nicht wie bei Pumuckl vom Lehel aus gefilmt, sondern von einem Häuserblock aus dem Westend.