Evakuierung in Freimann "Was passiert, wenn das Zeug hochgeht?"

Zehn Tonnen Weltkriegsmunition und dann auch noch die Chemikalie Phosphor: Weil die Gefahr besteht, dass die explosiven Funde in Freimann sich selbst entzünden, müssen 100 Anwohner ihre Häuser für voraussichtlich zehn Tage verlassen

Von David Büttner und Stefan Mühleisen

Es war eine kurze Nacht für die Familie Ruff. Müde sitzen sie in dem Hotelzimmer, das nun also für zehn Tage ihr Zuhause sein soll. "So richtig glücklich sind wir nicht", umschreibt Tobias Ruff die Lage, in der er, seine Frau, die siebenjährige Maia und die fünf Monate alte Emilia stecken. Die Ruffs zählen zu den 100 Anwohnern der Siedlung Kieferngarten am nördlichen Stadtrand Münchens, die wegen eines Sprengstofffunds in der Nachbarschaft am Freitagmorgen auf Anweisung von Polizei und Feuerwehr aus ihren Häusern ausziehen mussten. "Wir haben das Nötigste eingepackt, wie für einen Kurzurlaub", sagt Ruff, der für die ÖDP im Münchner Stadtrat sitzt. Als entspannten Urlaub in der eigenen Stadt wird aber wohl keiner der Betroffenen die Situation empfinden: Die Feuerwehr hat die Dauer der Evakuierungsaktion auf zehn Tage angesetzt.

Von einer "neuen Gefahrenlage" sprach das Kreisverwaltungsreferat (KVR) am Donnerstagabend. Kurz zuvor war klar geworden: Das vor einer Woche entdeckte Munitionsdepot unterm Garten eines Familienanwesens am Zwergackerweg, einer Wohngegend unweit der Arena des FC Bayern, ist gefährlicher als gedacht. Freitagnachmittag präzisierte das KVR: "Neben diverser Weltkriegsmunition unterschiedlicher Nationen und verschiedenster Kaliber sowie Minen und panzerbrechender Munition wurde unter anderem die Chemikalie Phosphor festgestellt." Die genaue Analyse könne erst im Lauf der Bergung erfolgen. Aber es bestehe die Gefahr, dass das Material sich selbst entzünde.

Vor einer Woche hatten Sprengmeister und Behörden 40 Tage für die Beseitigung angesetzt und einen Sperrradius von 50 Metern gezogen. Die Bewohner von zehn Häusern durften unter der Woche tagsüber nicht daheim sein, während die Kampfmittelräumer arbeiteten. Am Donnerstagabend bekam die Sache eine neue Dimension, die Sperrzone wurde auf 100 Meter ausgeweitet. Nun sind etwa 100 Häuser mit 200 Anwohnern betroffen. Die Räumer arbeiten jetzt im Zweischichtbetrieb über zwölf Stunden am Tag, auch am Wochenende. Und es gilt: Rund um die Uhr kein Zutritt. Die Zugänge zur Sperrzone werden mit Bauzäunen versperrt. Zudem sichern Polizei und Feuerwehr und ein Sicherheitsdienst das Areal ab. Immerhin soll es nun viel schneller vorbei sein. Nach derzeitigem Stand. Der Sprengmeister hat wohl schon durchblicken lassen, dass die Prognose sich jederzeit ändern könnte.

Am Freitagmorgen gingen Polizisten von Haus zu Haus, geleiteten die Bewohner nach draußen. "Alle Anwohner haben sich sehr kooperativ gezeigt", erklärte die Feuerwehr. Darunter soll auch Gruppe von gut 15 Personen sein, die in einer betreuten Wohngruppe für ehemalige Drogenabhängige leben. Die meisten stiegen mit Koffern bepackt in ein Auto und fuhren zu einer provisorischen Anlaufstelle im Willi-Graf-Gymnasium. Dort bekamen sie Plätze in Hotels zugewiesen. Eines davon ist das "Harry's Home Hotel" in Moosach. Hier beziehen auch die Ruffs am Vormittag ihr Zweizimmer-Appartement. "Das Baby hat gar nichts mitbekommen", sagt der Stadtrat. Die Erwachsenen haben allerdings mitbekommen, dass die Stadt nur die Kosten der Übernachtung übernimmt, für Frühstück und Essen solle man selbst sorgen, berichtet Ruff. "Das ist jetzt nicht ganz so passend", sagt er.

Für ihn und seine Familie wird das aber die nächsten Tage keine Rolle mehr spielen: Die Ruffs bekommen noch am Freitagvormittag die Nachricht eines befreundeten Paares, dass sie kurzfristig nach Garching umsiedeln und den Ruffs ihre Wohnung zur Verfügung stellen können, die wiederum 100 Meter außerhalb der Sperrzone liegt. "Ein großer Glücksfall", freut sich Tobias Ruff - und macht sich wieder ans Einpacken. Auch die meisten anderen von der Evakuierung Betroffenen finden eine andere Unterkunft. 52 Personen habe man im Hotel untergebracht, meldet das KVR am Nachmittag. "Außerdem werden fünf Katzen im Tierheim versorgt."

Maria Schäfer ist eine von den 52 Personen. Sie sitzt am Mittag in der Lobby des Hotels in Moosach. Bei ihr hätten um zehn vor neun am Donnerstagabend drei Polizisten geklingelt und von der bevorstehenden Evakuierung berichtet, erzählt die 63-jährige Rentnerin. "Ich war sehr überrascht und dann dieser Zeitpunkt. Da beginnen sich die Rädchen im Kopf zu drehen." Sie habe erst einmal ihren Sohn angerufen, der ihr geraten hätte, erst am Morgen zu packen. "Weil ich so aufgeregt war. Ich konnte gar nicht richtig einschlafen", berichtet Schäfer. "Ich habe überlegt, wie ich meine Pläne für die nächsten zwei Wochen einhalten kann, und außerdem hatte ich Angst. Was passiert, wenn das Zeug hochgeht?" Auch die Kostenfrage beschäftigt Schäfer. "Ich finde das schon happig. Ich bin Witwe und kann das nicht einfach so bezahlen. Die Stadt müsste sagen, dass sie alles übernimmt. Was habe ich denn damit zu tun?" Schäfer hatte gehofft, im Willi-Graf-Gymnasium Verantwortliche der Stadt zu treffen. "Aber es waren nur Malteser da. Wir hängen total in der Luft." Das KVR verweist auf ein Bürgertelefon, das rund um die Uhr erreichbar sei (089-2353-55555). Für die Anwohner sollten überdies "Zeitfenster eingerichtet werden, damit sie ihre Häuser betreten können, um das Nötigste zu erledigen".

Walter Hilger ist der Vorsitzende der Siedlerschaft Kieferngarten, einer Vereinigung von Anwohnern. Wenn Eigentümer in den vergangenen Jahrzehnten Anbauten errichten ließen, erzählt er, sei immer wieder Munition gefunden worden. "Ein paar Patronenhülsen, aber nie so eine große Menge." Er ist nicht betroffen von der Evakuierung. Aber er hat mit vielen Nachbarn gesprochen. "Es ist der Wahnsinn. Aber die meisten tragen es mit Fassung."

Die Frage nach den Kosten der Aktion wird die Stadt noch eine Weile beschäftigen. Für Melitta Meinberger, die Eigentümerin des Grundstücks mit dem Munitionsdepot, hat die Münchner SPD eine Spendenaktion gestartet. Auf sie kamen schon vor der neuen Gefahrensituation grob geschätzt Kosten von 200 000 Euro zu. Eine neue Schätzung gibt es nicht. Bisher hatten KVR und Innenministerium erklärt, sie könnten nicht helfen. Die Bayernpartei will von Oberbürgermeister Dieter Reiter wissen, ob Stadt und Freistaat nicht doch mehr für die Betroffenen tun könnten.

Inzwischen gibt das KVR sich nicht mehr so kategorisch: "Derzeit steht die Beseitigung der Sprengmittel und damit der Gefährdung im Vordergrund", so die Behörde am Freitag. In einem zweiten Schritt müsse man sich damit befassen, wer die Kosten trägt. Es liefen die "erforderlichen rechtlichen Prüfungen". Dass finanzielle Hilfe am Ende doch durch politischen Willen in Gang kommen könnte, deutet Kreisverwaltungsreferent Thomas Böhle in einem persönlichen Statement an: "Es ist Sache des Stadtrats, nach Ermittlung der Kostenhöhe im Sinne aller Beteiligten eine interessengerechte Lösung zu finden."