Bad Aibling Slam der Könige

Die Lokalmatadorin Eva Niedermeier wird vom Publikum zur Siegerin gekürt. Mic Mehler (links) und Christoph Hebenstreit vom Duo Reimrausch gratulieren.

(Foto: Christian Endt)

Ein Abend in schwarz-weiß: Im Bad Aiblinger B&O Parkhotel treten neun Wortkünstler mit Texten rund um das Thema Schach gegeneinander an

Von Jan Schwenkenbecher, Bad Aibling

Drei, zwei, eins. Mit dem Ende des bedrohlich klingenden langsam eingespielten Countdowns ertönt eine epochale Einlaufmelodie vom Band. Der Schach-Poetry Slam kann beginnen. Das Duo Reimrausch, Mic Mehler, ganz in Weiß, und Christoph Hebenstreit, natürlich schwarz, läuft in den Saal. Mehler zuerst, Weiß beginnt. "Wer war schon mal bei einem Poetry Slam?", fragt er die etwa 50 Gäste, die mit weißem Wein und schwarzem Kaffee gespannt zuhören, als die beiden Moderatoren den Abend in der Campus Bar des B&O Parkhotels in Bad Aibling eröffnen. Nur ein paar Hände heben sich, da fassen die Reimrauscher die Regeln nochmal kurz zusammen: neun Künstler, sechs Minuten pro Auftritt, keine Plagiate, keine Hilfsmittel. Sonst ist alles erlaubt, der Auftritt kann Lyrik, kann eine Geschichte, kann Rap, kann alles sein - muss aber mit Schach zu tun haben.

Sechs Zuschauer, die Hebenstreit zufällig auserwählt hat, bilden die Jury und vergeben zwischen null und zehn Punkten je Auftritt. Drei Gruppen je drei Künstler gibt es, der beste aus jeder Gruppe zieht ins Finale ein. "Ich wusste vorher nicht so genau, wer so kommt, was so kommt", wird Mic Mehler später den Abend aus seiner Sicht zusammenfassen. "Aber die Stimmung war super." Auch das Thema Schach hätten die Künstler sehr gut umgesetzt.

Zum Auftakt kommt Gastredner Bo Wimmer, Urgestein der Szene und selbst passionierter Schachspieler, auf die Bühne. Er slammt die Unsterbliche Remispartie nach, ein Match zwischen Carl Hamppe und Philipp Meitner aus den 1870ern. Jeden Zug der Partie vergleicht er mit einem Äquivalent aus einem - sicherlich fiktiven - nächtlichen Einbruch ins örtliche Freibad mit der Freundin in spe.

Nach und nach ziehen alle Künstler nach vorn und slammen. Die einen witzig, so wie Markus Berg aus Ismaning, dessen Text den wunderschönen Titel "Ein bisschen Frieden. Oder: Wie zum Teufel kommt der weiße Läufer in den Hintern?" trägt und in dem ein kleiner Streit beim Schachspielen im Park so eskaliert, dass am Ende "Donald Trump alleine im Oval Office steht, die Hose auszieht, eine Zigarette ansteckt und den roten Knopf drückt". Das Publikum ist begeistert, lacht laut.

Doch um gut zu sein, muss es nicht immer witzig sein. Veronika Riegers Slam etwa ist berührt geführt. Die Münchnerin erzählt ruhig vom allsonntäglichen Schachspiel gegen den Großvater. Mit sanfter Stimme und vielen Sprechpausen erinnert sie sich, wie ihr Opa immer ihr König war. Die Pausen werden länger, die Stimme zittriger, gegen Ende des Vortrags stirbt dann der Opa. "Ohne König kein Spiel", resümiert Rieger da. Stille im Publikum, alle sind gerührt, schwelgen vielleicht in eigenen Erinnerungen.

Für einen Künstler ist es ein ganz besonderer Abend: Roderich Hutter aus Markt Schwaben ist einerseits der älteste Starter, gleichzeitig aber auch der Newcomer im Slammer-Feld. Hutter ist ein guter Freund von Georg Schweiger, dem Gründer der Schach- und Kulturstiftung G.H.S., die den Poetry Slam veranstaltet. Beide arbeiteten zusammen am Markt Schwabener Gymnasium. "Der Roderich hat schon bei unseren Veranstaltungen früher immer so tolle Reden gehalten", erklärt Schweiger die Teilnahme des pensionierten Lehrers, "da habe ich ihn gefragt, ob er hier nicht mitmachen wolle." Fürs Finale reicht es letztlich aber nicht.

Dort ziehen Bert Uschner aus München, Flo Langbein aus Bamberg und die Bad Ablingerin Eva Niedermeier ein. Noch einmal performen die drei Finalisten je sechs Minuten, nun allerdings ohne Schachbezug. Uschner eröffnet und setzt mit einem teils gerappten, aber dennoch lyrischen Text über das Leben der Alpendohlen und seine daraus resultierten Reflexionen über das eigene Leben die Konkurrenten unter Zugzwang: "Ich sah der Dohle zu. Und dachte, die ist nicht wie du. In meiner Freizeit komm' ich nicht zur Ruh'. Und such' ich in der Natur Ruhe, dann brauch' ich dazu Outdoor-Schuhe." Danach kommt Eva Niedermeier, trägt einen Text über das Leben und vor allem über den Tod vor. Sie spielt nicht nur mit der Sprache - immer wieder reimen sich einzelne Worte, nicht aber zwangsläufig am Satzende - sondern auch mit ihrer Stimme, der Lautstärke, dem Tempo. Mal spricht sie langsam, macht lange Pausen, dann wieder so schnell, dass die Hörer kaum folgen können. Ihr Vortrag ist ein Kunstwerk, er enthält Sätze wie diesen: "Tauche ein in andere Lebenszeiten, denn es gibt keine Fundgrube für verpasste Gelegenheiten." Zuletzt bringt auch Flo Langbein eine solide Leistung aufs Brett, respektive den Parkettboden, indem er die Studierzimmerszene aus Goethes Faust etwas modernisiert nachspielt.

Die finale Entscheidung treffen alle Zuschauer gemeinsam, via Klatschen, Pfeifen und Stampfen. Der Künstler mit dem lautesten Zuspruch gewinnt. Zunächst hört es sich stark nach Remis an, Mic Mehler bekannt schulterzuckend: "Ich bin ja völlig im Unklaren." Wiederholung. Spannung. Nach einer kurzen Beratung steht schließlich doch der Sieger fest: die Lokalmatadorin Eva Niedermeier.