Deichkind in München Wie Pornostars auf Drogen

Wenn die durchgeknallten Hamburger auf der Bühne stehen, ist Ekstase angesagt: Das Konzert von Deichkind im Münchner Zenith war - man kann es nicht anders sagen - leider geil.

Von Beate Wild

Büstenhalter, Metzgerschürze, Zebrakostüm, Blondinenperücke und natürlich die blinkenden LED-Dreieckshüte. Dazu ein infernalischer Party-Elektro-Sound mit Hip-Hop-Beats und rotzfrechen Texten, garniert mit einer ausgeflippten Performance und dem Willen zu unbedingtem Spaß. Das alles zusammengenommen ergibt Deichkind. Am Samstagabend waren die sechs Hamburger in München. Und es war - man kann es nicht besser sagen als mit dem Titel ihres neuesten Songs: "Leider geil."

"Befehl von ganz unten": Ferris MC von "Deichkind" beim Tourstart in Rostock.

(Foto: dapd)

Mehr als zweieinhalb Stunden konnten sich die Münchner im ausverkauften Zenith davon überzeugen, was eine gute Party ist. Denn das haben die Jungs aus dem hohen Norden immer noch drauf. Aber was heißt hier immer noch: Mit den Jahren werden die Deichkinder ständig besser. Ihr neues Album "Befehl von ganz unten", das im Februar erschienen ist, hat bei ihren Anhängern wieder einmal voll eingeschlagen und der Song "Illegale Fans" hat wegen der offenen Kritik an der Musikindustrie und an der Gema, die auf YouTube Videoclips sperren lässt, für Furore und jede Menge Diskussionsstoff gesorgt.

Damit wäre auch gleich bewiesen, dass Deichkind nicht nur eine harmlose Feier-Combo, sondern durchaus zu gesellschaftskritischen Texten fähig ist. Aber dass Deichkind-Songs eine Metaebene haben, wissen wahre Fans sowieso.

Und noch ein Phänomen ist beeindruckend: Wie bei den alten Liedern "Krawall und Remmidemmi" oder "Arbeit nervt" ist auch der neue Titel "Leider geil" bei den Fans schon zum geflügelten Wort geworden. Auf Twitter existiert sogar der Hashtag #leidergeil, unter dem die Leute alles, was sie cool finden, twittern. In Deutschland gibt es sonst wohl keine Popband, die die Jugend- und Alltagssprache derart nachhaltig prägt. Ein Zeichen, dass die Jungs aus dem Norden Zeitgeist sind und leben.

Beim Konzert in München rocken sich die Hamburger durch alle ihre alten Platten und präsentieren natürlich auch die neuen Songs. "Arbeit nervt", "Bon Voyage", "Hört ihr die Signale", "Bück dich hoch" und das mittlerweile schon obligatorische Cover der Frankie-Goes-To-Hollywood-Schnulze "The Power Of Love" - es ist alles dabei, was Fans glücklich macht.

"Land of Beer, was geht ab?"

Dazu springen die nicht mehr ganz so jungen Jungs auf der Bühne herum wie Pornostars auf Drogen. Die Performance ist gut einstudiert und sitzt perfekt. Sie haben keine Angst ihre nackten Plautzen zu zeigen, die bei den Tanzschritten so schön im Takt schwabbeln. Es kommen Regenschirme zum Einsatz, Wasserpistolen, ein bunt blinkendes Solarium und Work-Out-Geräte aus dem Fitnessstudio. Und spätestens als sich die Sechs mit einem überdimensionalen Bierfass durch das Publikum schieben lassen und dazu "Hol das Fass rein!" singen, haben sie die Herzen der Münchner endgültig gewonnen. "Land of Beer, was geht ab?" rufen sie ins Publikum. Die Antwort ist ekstatisches Gegröle.

Doch es gibt auch Momente, die man fast schon als romantisch bezeichnen könnte. Bevor die Hamburger ihren Hit "Luftbahn" anstimmen, verkünden sie, er sei einem Liebespaar gewidmet, dass sich bei ihrem letzten Konzert in München (also im Dezember 2009) zum ersten Mal geküsst hätte und bis heute zusammen ist.

Als allerletzte Zugabe spielen Deichkind "Remmidemmi" und surfen mit einem Gummiboot über das Publikum. Die Fans kennen kein Halten mehr - und als sie kurze Zeit später aus der Halle stolpern, gibt es wohl keinen, der nicht völlig durchgeschwitzt, aber restlos glücklich ist.