Tassilo-Kulturpreis Preisverdächtiges Vivaldi-Orchester

Das Orchester von Monika Fuchs-Warmhold belegt, wie erfolgreiche musikalische Bildungsarbeit aussieht.

Von Adolf Karl Gottwald, Karlsfeld

Das älteste Musikinstrument, das die Musikgeschichte kennt, ist ein Zupfinstrument. Der griechische Gott Hermes, in Arkadien zur Welt gekommen, spannte über eine der dort häufig vorkommenden Schildkröten eine Saite und zupfte daran. "Schildkrötenleier" hieß die Lyra in der Antike. Deshalb war es beim Jahreskonzert des Vivaldi Orchesters Karlsfeld - eines der ersten Zupforchester Bayerns - ein guter, richtiger Gedanke, bis auf Homer zurückzugreifen und "La Legende de Ulysses" von Francesco Civitareale nach Lesungen einschlägiger Stellen aus Homer vom Zupforchester vorzutragen. Der Sturm, der Odysseus zunächst an seiner Rückkehr nach Ithaka hindert, war durch Glissando auf den Griffbrettern der Gitarren gut angedeutet, "Ritorno in Patria", also die endgültige Heimkehr ins Vaterland und zu Penelope, war in gemütlicheren Zupfklängen gestaltet und nachvollziehbar.

Ambitioniertes Orchester

Civitareale hat auch das Stück "Hijo de la Luna" von Jose Maria Cano für Zupforchester bearbeitet. "Mond" ist zumindest in allen romanischen Sprachen weiblich. Die Mondgöttin Luna erfüllt den sehnlichen Wunsch einer Frau einen Mann zu bekommen, verlangt aber dafür den Erstgeborenen. Dieser "Sohn der Luna" ist das Thema dieses Stückes. Das Zupforchester stellt mit den ihm möglichen Farbwechseln geschickt die Mondphasen dar.

Gelungene Nachwuchsarbeit: 60 von 100 Mitgliedern der drei Vivaldi-Orchester sind unter 25 Jahre alt, davon 30 sogar unter 15.

(Foto: Toni Heigl)

Zuletzt erklomm das Vivaldi Orchester Karlsfeld in einer "Sinfonia parnassus" von Hiro Fujikake sogar den Parnass, den Berg Apollos und der Musen. Vom Japaner an die Hand genommen, brauchte es nur zehn Minuten zu dieser Besteigung, musste dabei aber schwere Bergschuhe anziehen und tüchtig ausschreiten (natürlich rein musikalisch gemeint). Die schweren Bergschuhe waren der kräftige Einsatz von Pauken und zwei Kontrabässen, die den Klang des aus rund 40 Mandolinen, Mandola und Gitarren bestehenden Zupforchesters nach unten abrundeten. Die Aufführung dieses Stückes bestätigte die Ambitionen des Karlsfelder Zupforchesters, anspruchsvolle Musik zu spielen und ins Sinfonische vorzudringen.

Beim Publikum kamen die harmonisch und rhythmisch anspruchsvollen, doch in der gewohnten Tonalität verharrenden Stücke sehr gut an. Wie das Spiel des Karlsfelder Zupforchester unter seiner langjährigen Dirigentin Monika Fuchs-Warmhold auf dem Parnass empfangen würde, weiß naturgemäß niemand. Aber eines ist sicher: Dass ihnen Apollo und die Musen eventuell eine Schildkröte an den Kopf werfen würden, ist mit großer Bestimmtheit nicht zu erwarten.

Monika Fuchs-Warmhold hat 1970 das Vivaldi-Orchester gegründet.

(Foto: Toni Heigl)

Musikalisch anspruchsvoll waren auch alle übrigen Stücke des Programms. So hatte der Marsch "Auf geht's" überhaupt nichts Bayerisch-Gemütliches an sich, und beim ersten Satz eines Lautenkonzerts von Vivaldi in der Bearbeitung von Siegfried Behrend gab es keinen Solisten, sondern alle Lautenisten mussten den technisch anspruchsvollen Solopart bewältigen. Das klang ziemlich gut. Wenn man aber den sehr schönen ersten Satz de Suite "Palladio" von Karl Jenkins mit seinen minimalistischen Strukturen im Originalklang eines Streichorchesters im Ohr hat, kann man sich mit der Zupfversion nur schwer anfreunden.

Anna Barbara Speckner ist bekannt als "Die Specknerin". Sie hat als erste Cembalistin die Literatur altenglischer Cembalomusik bekannt gemacht. Da das Cembalo letztlich ein Zupfinstrument ist - die Töne werden nicht wie beim Klavier angeschlagen, sondern angerissen oder angezupft - war es naheliegend, die von der Specknerin gespielten altenglischen Kontratänze für Zupforchester zu bearbeiten. Auch als Begleitorchester betätigte sich das Vivaldi Orchester Karlsfeld, indem es die türkische Sopranistin Dilay Girgin bei der bekannten Habanera aus der Oper "Carmen" von Bizet und dem ebenfalls sehr bekannten Wiegenlied "Summertime" aus "Porgy and Bess" von Gerhswin begleitete. Die Habanera machte sich im Zupfkleid eindrucksvoller als Gershwins Lied.

Mittlerweile hat Monika Fuchs-Wamhold in den Vivaldi-Mäusen und den Vivaldi-Tigern den Nachwuchs bekommen, damit die künstlerische Kontinuität gewahrt bleibt.

(Foto: Toni Heigl)

Vorbildliche Jugendarbeit

Im Karlsfelder Bürgerhaus wurde besonders deutlich, dass die Zukunft dieses Karlsfelder Orchesterverbunds, der seit 46 Jahren besteht, in seiner vorbildlichen Jugendarbeit liegt. 60 von 100 Mitgliedern sind unter 25 Jahre alt, davon 30 sogar unter 15. Sein Jugendorchester Vivaldi-Tiger machte vor allem mit französischen Tänzen bereits einen sehr guten Eindruck. Die Wiener Musterkarriere ist bekannt: Sängerknabe - Lipizzaner - Hofrat. Die Karlsfelder Zupfkarriere beginnt mit den Vivaldi-Mäusen, darauf folgen die Vivaldi-Tiger und zuletzt gelingt anscheinend die Integration in das mehrfach preisgekrönte Vivaldi Orchesters Karlsfeld. Insofern ist die musikalische Bildungsarbeit des gesamten Orchesterverbund unter der Leitung von Monika Fuchs-Warmhold ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Kultur aus dem Landkreis für die Menschen im Landkreis gelingen kann.

Das Jahreskonzert war eine schöne Bewerbung für einen der SZ-Tassilo-Kulturpreise. Obendrein hat es ein Vivaldi-Nachwuchsensemble in den Wettbewerb Jugend musiziert auf Bundesebene gebracht. Die kulturelle Leistung des Vivaldi-Orchesters muss auch vor dem Hintergrund gewürdigt werden, dass im Landkreis Dachau eine kommunale Musikschule, die auch die klassische Musik berücksichtigt, politisch nicht gewollt ist. Die Vorstöße der Grünen im Kreistag sind vermutlich endgültig gescheitert.

Den Kulturbetrieb im Münchner Umland fördern und Kulturschaffende motivieren - das sind die Ziele des Tassilo-Kulturpreises, den die Süddeutsche Zeitung heuer zum neunten Mal ausschreibt. Die Preise sollen zum einen junge Künstler fördern. Zum anderen werden Kulturschaffende ausgezeichnet. Vorschläge per E-Mail an tassilo@sueddeutsche.de oder per Post an die Lokalredaktion: Süddeutsche Zeitung, Färbergasse 4, 85221 Dachau, Fax 08131/56 85 80. Einsendeschluss ist der Samstag, 21. Mai.