Odelzhausen Unten ist ganz oben

Die Riding-Higher-Organisatoren holen Bands aus ganz Europa - ihr Ziel ist eine bodenständige Kultur mit sozialem Anspruch. Nun wurden die Organisatoren des Festivals für den Tassilo-Preis nominiert.

Von Anna Schultes

Was haben ein Reggae-Festival und ein Dorffest gemeinsam? Eigentlich nicht viel. In Odelzhausen im Landkreis Dachau schon. Nach einem Festivalwochenende in der Sandgrube bei Höfa traf einer der Helfer in einer Bäckerei auf einen älteren Herren, der zur Verkäuferin meinte: "Unser Dorffest soll ein großer Erfolg gewesen sein." Die Veranstalter des "Riding Higher" organisieren seit 2001 alle zwei Jahre ein Benefizfestival mit internationalen Bands. Die Besucher kommen aus Bayern, sogar aus Hamburg oder Berlin. An den Einheimischen geht das Riding Higher aber ebenso wenig unbemerkt vorüber. Obwohl in Odelzhausen mit seinen 4300 Einwohnern bestimmt nicht ausschließlich Reggae-Fans leben. Ärger wegen zu lauter Musik oder ungestümen Festivalgästen hat es in den vergangenen elf Jahren nie gegeben.

Das Reggaefestival in  Höfa zieht Besucher aus Nah und Fern an.

(Foto: DAH)

Für die meisten Besucher ist das Riding Higher ein Musik- und Kulturfestival, das nicht zuletzt aus dem Veranstaltungsort mitten in der Natur seinen besonderen Charme zieht. Mehrere Bühnen werden in der Sandgrube, auf den Wiesen und im Wald zwischen den vielen Bäumen auf dem Gelände bei Odelzhausen aufgebaut. Aber das Riding Higher ist eben auch ein Fest, das seine Wurzeln in Odelzhausen hat und das die Anwohner als ein Ereignis empfinden, das zu ihrem Ort gehört.

Dass sie diesen Spagat schaffen, darauf sind die Organisatoren besonders stolz. 20 Ehrenamtliche im Alter von 18 bis mehr als 40 Jahren bereiten das Festival monatelang gemeinsam vor. Die meisten kommen aus Odelzhausen und Dachau, doch die Helfergemeinde erstreckt sich von München bis Augsburg. Am Festivalwochenende sind mehr als 100 Ehrenamtliche im Einsatz.

Die Veranstalter machen keinen Gewinn, darum geht es ihnen auch nicht. Einen Großteil der Einnahmen spenden sie an kleine Hilfsprojekte. Beim letzten Benefizfestival im Jahr 2010 haben die Organisatoren 6500 Euro gesammelt. Mit 5000 Euro haben sie etwa das Münchner Café 104 unterstützt, das Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung hilft. Die Einnahmen des Riding Higher 2012 sollen an obdachlose Menschen gehen.

Für ihr ehrenamtliches Engagement und ihren außergewöhnlichen Einsatz sind die Veranstalter des Riding-Higher-Festivals jetzt für den Tassilo-Kulturpreis 2012 der Süddeutschen Zeitung nominiert. Mit der Auszeichnung möchte die SZ junge Künstler und Kulturschaffende fördern, ermuntern und ihnen besondere Aufmerksamkeit verschaffen. Menschen, die wie die Veranstalter des Riding Higher seit Jahren mit besonderen Leistungen hervortreten, sollen ebenfalls unterstützt werden. Der Tassilo ist ausschließlich den Engagierten in den Landkreisen um München vorbehalten, die von SZ-Lesern vorgeschlagen werden. Wer einen der drei Hauptpreise oder der sieben Förderpreise erhält, entscheidet eine mit Fachleuten besetzte Jury.

Neben dem Benefizzweck geht es den Organisatoren vor allem um eines: die Gemeinschaft. "Keiner ist der Chef", sagt Ludwig Gasteiger. Der 34-Jährige ist von Anfang an mit dabei. Er saß mit am Esstisch in der Wohngemeinschaft in Odelzhausen, an dem die Idee zum Festival entstanden ist. "Wir sind einfach losgestolpert, haben ein Gelände gesucht und improvisiert." Beim ersten Mal im Jahr 2001 habe es geregnet, und das Wochenende sei teilweise absolut chaotisch gewesen, erinnert sich Gasteiger. Doch im Laufe der Jahre haben die Organisatoren dazugelernt, haben sich weiterentwickelt. Mittlerweile ist das Riding Higher ein professionelles Reggae-Festival. Und das funktioniert nur mit vereinter Kraft. Die Organisatoren und die vielen Helfer genießen es, bei den Treffen im Vorfeld zu planen, zu koordinieren, alles aufzubauen und auf dem Festival nicht nur zu arbeiten, sondern auch die Zeit zusammen zu verbringen. Am Ende gibt es immer eine Party für alle Beteiligten. Die familiäre Atmosphäre, die zwischen den Organisatoren und Helfern herrscht, prägt auch das Festival selbst. Rund 2000 Besucher kamen vor zwei Jahren. Diese Zahl möchten die Veranstalter auch beim Riding Higher 2012 nicht überschreiten, das am Freitag, 13., und Samstag, 14. Juli, stattfinden wird. Sie möchten das Naturgelände schonen. Entscheidend ist aber, dass das Team die private und friedliche Atmosphäre aufrechterhalten möchte. Deshalb haben sich die Veranstalter ganz bewusst dazu entschieden, das Festival klein zu halten. "Man kennt sehr viele Besucher", erzählt Mitorganisator Stephan Batteiger. Das Publikum fange beim Kleinkind an und gehe bis zum Rentner.

Das Festival zieht also nicht nur Reggae-Fans an. Und manchmal kommen die Besucher ganz spontan. Ralf Scheck, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Move-Together e.V., den die Veranstalter 2008 eigens zur Festivalorganisation gegründet haben, hat mittlerweile die eine oder andere Anekdote in petto. Eine seiner liebsten: Einmal kam eine Familie, die in ihrem Wohnmobil gerade auf der Heimreise aus dem Urlaub war. Die Eltern und ihre Kinder hatten einen Platz zum Übernachten gesucht und von der Autobahn den Stellplatz auf dem Festivalgelände gesehen. Sie durften ihr Wohnmobil abstellen. Doch das war ihnen nicht genug. Die Eltern brachten ihre Kinder ins Bett - und holten sich zwei Eintrittskarten für das Riding Higher.

Nominierungsvorschläge können bis Mittwoch, 23. Mai, per Post, Fax oder E-Mail an die Lokalredaktion geschickt werden: Süddeutsche Zeitung Dachau, Färbergasse 4, 85221 Dachau, E-Mail: lkr-dachau@sueddeutsche.de; Fax: 08131/56 85-80. Die Kandidaten werden auf den Kulturseiten vorgestellt.