Landgericht München Sicherungsverwahrung nach Raubüberfall

Der brutale Überfall 2016 in der Hermann-Stockmann-Straße verunsicherte die ganze Nachbarschaft.

(Foto: Toni Heigl)

Der Mann, der im Juli 2016 bei einem Rentner in Dachau einbrach und diesen brutal misshandelte, muss für elf Jahre in Haft.

Von Benjamin Emonts, München/Dachau

Es war selbst für erfahrene Polizisten ein schockierender Raubüberfall, der sich im Juli 2016 in Dachau ereignete. Ein 36-jähriger Mann aus Bulgarien hatte nachts mit einem Stein die Terrassentür eines Einfamilienhauses in der Hermann-Stockmann-Straße eingeschlagen und sich Zugang zu dem Gebäude verschafft. Den dort lebenden Rentner, der gerade schlief, zog er an den Haaren aus seinem Bett, bedrohte ihn mit einem Messer und prügelte mit dem Griff immer wieder auf ihn ein. Das Horrorszenario dauerte fast eine Stunde an und der 76-Jährige erlitt am ganzen Körper Schürf- und Risswunden. Die Tortur nahm erst ein Ende, als der Einbrecher sich mit 600 Euro und einigen Bierflaschen auf die Flucht begab.

Der Vorfall versetzte eine ganze Nachbarschaft in Dachau-Süd in ein Gefühl der Unsicherheit und Angst. Entsprechend groß war die Erleichterung, als die Kriminalpolizei im Oktober 2016 die Mitteilung machte, den Tatverdächtigen ermittelt zu haben. Dem inzwischen 38-Jährigen und seinem 16-jährigen Neffen, der ihn auf vielen seiner Raubzüge begleitete, wurde vor der 1. Jugendstrafkammer am Landgericht München II der Prozess gemacht. Eine Gefahr dürfte zumindest von dem älteren der zwei Täter vorerst nicht mehr ausgehen. Das Gericht verurteilte den Mann unter anderem wegen besonders schweren Raubes, Bedrohung und Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und sechs Monaten mit Sicherungsverwahrung. Sein Neffe, der noch zur Schule geht und sehr kindlich aussieht, kam mit einer Jugendeinheitsstrafe von drei Jahren davon. Er sitzt bereits seit einem Jahr und drei Monaten in Untersuchungshaft.

Ursprünglich war der Onkel im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen, um seine Schwester bei der Erziehung ihres Sohnes zu unterstützen. Bereits als 14-Jähriger kiffte der Neffe und beging immer wieder Straftaten. Seine Freundin schlug er mehrmals, wofür er sich nun auch verantworten musste. Der Onkel war ihm keine Hilfe, ganz im Gegenteil. Er zog seinen Neffen in seine kriminellen Machenschaften hinein und stiftete ihn zu mehr als einem Dutzend Raubüberfällen und Einbrüchen an, bei denen der Jüngere meist Schmiere stand. Mehrmals überfielen sie Apotheken oder raubten Lotto-Annahmestellen oder Schreibwarengeschäfte aus. In Dachau versuchten sie, in ein Modegeschäft und Supermärkte einzubrechen. Der Sachschaden, den sie anrichteten, beläuft sich auf etwa 17 000 Euro. Bei den meisten Raubüberfällen erbeuteten sie mehrere Hundert Euro, in selten Fällen einen niedrigen vierstelligen Betrag. "Sie konnten das Geld gar nicht so schnell ausgeben wie sie klauten", sagte Richterin Regina Holstein. "Er ist nach München gekommen, um hier Straftaten zu begehen und Geld zu verdienen", sagt sie über den Onkel.

Das Gefängnis rettete ihm womöglich das Leben

Dessen kriminelle Energie habe immer mehr zugenommen. Bei seinen jüngsten Taten hatte er ein Messer eingesetzt, mit dem er einer Apothekerin drei Stichwunden versetzte. Seine Einbruchsziele suchte er sich wahllos aus, ohne darauf zu achten, ob er auf Menschen treffen könnte. Die Vorsitzende Richterin zeichnet das Bild eines dissozialen Menschen ohne Interessen. In seiner Heimat, das gab er selbst an, soll er bereits 20 Jahre im Gefängnis gesessen haben wegen Vermögensdelikten. Er habe nichts anderes gelernt, als zu stehlen, und sich nicht ansatzweise bemüht, den Sumpf zu verlassen und sein Leben in Ordnung zu bringen. Stattdessen, so betonte die Vorsitzende Richterin, habe er seinen minderjährigen Neffen zu einem Straftäter erzogen. "Das erschüttert das Gericht."

Die dreisten Raubzüge hatten erst ein Ende genommen, als die beiden bei einem Überfall auf eine Apotheke in Karlsfeld von Passanten überwältigt und von der Polizei verhaftet worden waren. Einen Mann hatte er auf seiner Flucht mit einem Messer bedroht. Als drei couragierte Bürger ihn einkreisten, gab der Mann auf. Ein DNA-Abgleich mit einer Spur im Haus des überfallenen Rentners in Dachau entlarvte ihn als verantwortlich für die Tat.

Seine Inhaftierung war für den Angeklagten offenbar großes Glück. Ausgerechnet im Gefängnis wurde ihm das Leben gerettet. Der Häftling hatte Hepatitis und Tuberkulose und wurde geheilt. Ohne Behandlung, so sagten ihm seine Ärzte später, hätte er noch ein halbes, höchstens ein Jahr zu leben gehabt. "Ich bin dankbar, ins Gefängnis gekommen zu sein", sagte der 38-Jährige am ersten Verhandlungstag. Doch die Freude ist inzwischen gewichen. Ob der jahrelangen Haftstrafe, die er bekommen hat, wirkte der Mann während der Urteilsverkündung sehr niedergeschlagen und saß mit gesenktem Haupt auf der Anklagebank. Sein Neffe zeigte sich reuig vor Gericht und entschuldigte sich. Er bat, zu seiner Mutter zurück zu dürfen, die im Sitzungssaal hinter ihm saß. Eine Bewährungsstrafe aber kam für das Gericht überhaupt nicht infrage. "Zurück zur Mutter zu gehen, wäre für ihn am fatalsten. Er bedarf der Erziehung in der JVA", sagte Richterin Holstein. Den Jugendlichen bezeichnet sie als "dummen Mitläufer seines kriminellen Onkels". Doch habe er noch alle Möglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Bei guter Führung könnte er womöglich noch im Herbst diesen Jahres in Freiheit gelangen.