KZ-Gedenkstätte Das Salz der Erde

Die evangelische Versöhnungskirche an der KZ-Gedenkstätte Dachau feiert 50-jähriges Bestehen. Von ihren Pfarrern und Diakonen gingen bis heute wegweisende Initiativen zur Geschichtspolitik aus. Zum Festgottesdienst werden Gäste aus ganz Europa erwartet

Von Helmut Zeller, Dachau

Aus Polen, Tschechien, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Deutschland kommen die Gäste der 50-Jahr-Feier der evangelischen Versöhnungskirche in Dachau am 29. April. KZ-Überlebende oder deren Kinder und Enkelkinder nehmen an dem Festakt teil, Vertreter von Kirchen, Politik und Kultur - darunter Herzog Max in Bayern, der als Kind in sogenannter Sippenhaft wegen der NS-kritischen Haltung seines Großvaters, des bayerischen Kronprinzen Rupprecht, war. Ein Ort der Besinnung und des Friedens soll die Kirche an der KZ-Gedenkstätte sein. Das ist er; doch die Versöhnungskirche war immer auch ein Ort des Aufbruchs und Aufruhrs. Von ihr gingen wegweisende gesellschaftspolitische Initiativen aus: gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen in den Nachkriegsjahren, gegen den heute wieder erstarkenden Nationalismus, Antisemitismus und die Fremdenfeindlichkeit.

Das entspricht dem Auftrag der ehemaligen Dachau-Häftlinge, allen voran der Widerstandskämpfer Dirk de Loos aus den Niederlanden. Er gab den Anstoß zum Bau im Jahr 1967, der bis heute einzigen evangelischen Kirche auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers. So blieb es nicht aus, dass die Pfarrer der Versöhnungskirche immer wieder aneckten. "Seit 50 Jahren ist die Versöhnungskirche ein 'Störfaktor' - biblisch gesprochen: Salz der Erde - in Kirche, Gesellschaft und Gedenkstätte", erklärt Kirchenrat Björn Mensing, der vor zwölf Jahren nach Dachau kam. Lange davor schon hatte sich der Historiker - in seiner Doktorarbeit - mit der Rolle der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus kritisch auseinandergesetzt; das gefiel nicht jedem und brachte ihm damals Schmähbriefe und juristische Attacken ein.

Die Versöhnungskirche im Norden des ehemaligen KZ-Geländes. Das Bauwerk ist wie in eine bergende und schützende Furche des weiten Areals hineingebaut.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Pfarrer Mensing, Beauftragter der bayerischen Landeskirche für Gedenkstättenarbeit, hat in der Versöhnungskirche seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Entgegen der Gepflogenheit evangelischer Pfarrer, nach zehn Jahren den Wirkungsort zu wechseln, bleibt der 54-Jährige in Dachau. In dem Diakon Klaus Schultz hat er einen starken Partner, der schon 20 Jahre hier ist. Das streitbare Team, verstärkt durch eine Halbtags-Assistentin und zwei Freiwillige der Aktion Sühnezeichen, legt jedes Jahr ein schier unglaubliches Programm hin: Neben den wöchentlichen Angeboten an Andachten und Gottesdiensten waren es 2016 insgesamt 266 Gedenkstättenführungen mit 6418 Teilnehmern; dazu kommt - oft in Kooperation mit anderen Akteuren der Gedenkstättenarbeit - ein breites Bildungsprogramm. 2016 nahmen an den 47 Veranstaltungen 4034 Besucher teil. Darunter sind Veranstaltungen, die weit über Dachau hinaus wahrgenommen werden, etwa die Auftritte der Autorin Ruth Klüger aus den USA oder der Philosophin Ágnes Heller aus Budapest. Das Projekt Gedächtnisbuch "Namen statt Nummern" umfasst mittlerweile 200 Häftlingsbiografien.

Einer Umfrage der KZ-Gedenkstätte zufolge informierte sich fast die Hälfte der individuellen Gedenkstättenbesucher über die religiösen Gedenkorte auf dem Gelände. Mensing und Schultz arbeiten mit der Katholischen Seelsorge an der Gedenkstätte zusammen, mit dem Karmel-Kloster sowie dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern als Träger der Jüdischen Gedenkstätte und der russisch-orthodoxen Kapelle zusammen. Pfarrer Mensing bedauert, wie er sagt, dass die beiden nicht durch eigenes Personal in der KZ-Gedenkstätte vertreten sind.

Kirchenrat Björn Mensing (li.) und Diakon Klaus Schultz.

(Foto: Niels P. Jørgensen/Toni Heigl)

Zur Einweihung der Kirche nach zweijähriger Bauzeit, am 30. April 1967, erklärte der damalige Ratsvorsitzende der EKD, Kurt Scharf, mit dem Bau wolle man "Verbundenheit mit allen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bezeugen". Das gilt noch heute. Auch in der evangelischen Kirche gab es 1967 Widerstände gegen eine Form von Gedenkstättenarbeit, die Opfer und Täter der NS-Verbrechen beim Namen nennt, ebenso das weitgehende Versagen der Kirche in der Nazizeit. Noch heute sei, sagt Mensing, die kritische Reflexion ihrer Rolle damals nicht in der Breite der kirchlichen Bevölkerung angekommen. In der Kirchenleitung dagegen schon. Die Kosten für Personal, Bauunterhalt und anderen Sachaufwand teilen sich die EKD und die bayerische Landeskirche. Sie nehmen, wie Mensing sagt, keinerlei Einfluss auf die Arbeit der Versöhnungskirche. Kirchenrat Mensing und Diakon Schultz sehen ihre Aufgabe nicht allein im Gedenken und Erinnern: Sie nehmen auch Stellung zu gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen. Es gehe auch um die Frage, was heute die richtigen Lehren aus der NS-Vergangenheit sind. In Gottesdiensten gedenken Mensing und Schultz auch der Opfer der Rechtsextremen heute, etwa des "NSU". Sie wirken auch am Runden Tisch gegen Rassismus der Stadt Dachau mit. Man müsse Neonaziumtriebe öffentlich machen und damit Sensibilität wecken, sagt Klaus Schultz, der Initiator des "Erinnerungstags im deutschen Fußball". Von Dachau ging diese bemerkenswerte Initiative aus: Seit dem Holocaustgedenktag 2005 veröffentlichen die Deutsche Fußball-Liga und der Deutsche Fußballbund (DFB) die von der Versöhnungskirche, TSV Maccabie München und Löwenfans gegen Rechts vorgeschlagenen Texte als offizielle Erklärung zu den Spieltagen. Viele Bundesligavereine kommen dieser Bitte nach.

Wichtige Impulse gingen schon früher aus der Versöhnungskirche hervor. 1980 unterstützte sie den Hungerstreik einer Gruppe Sinti unter der Leitung von Romani Rose, dem heutigen Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma, auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte. Sie demonstrierten für die Anerkennung ihrer Volksgruppe als Opfer der Nationalsozialisten und gegen ihre fortlaufende Diskriminierung auch in der Bundesrepublik. Bevor die Polizei sie vertreiben konnte, gewährte ihnen die Versöhnungskirche Obdach - die "Andeutung einer Zuflucht", wie Christian Reger, Dachau-Überlebender und erster Pfarrer an der Versöhnungskirche, es einmal formuliert hatte. "Das war der Durchbruch der Bürgerrechtsbewegung der Sinti", sagt Mensing. Von 1988 bis 1995 behütete die Kirche den Rosa-Winkel-Gedenkstein, der an die homosexuellen KZ-Häftlinge erinnert, aber vom Internationalen Dachau-Komitee abgelehnt wurde. Heute steht er im Gedenkraum im Gedenkstättenmuseum.

Der EKD-Ratsvorsitzende Hermann Dietzfelbinger (re.) mit dem Leiter der Hilfsstelle der "Bekennenden Kirche" für "nichtarische" Christen.

(Foto: oh)

Nicht minder stark engagieren sich Mensing und Schultz schon seit vielen Jahren in der Flüchtlingshilfe. Der Kirchenrat sagt: Zu den stärksten Eindrücken am Beginn seiner Arbeit in Dachau zählten neben der Begegnung mit Überlebenden der Kontakt mit Asylsuchenden - das sieht auch Schultz so, und dafür nehmen sie es gerne in Kauf, auch mal anzuecken.