KZ-Gedenkstätte Dachau Familientrauma

Als 18-Jähriger erfuhr Watzinger, dass sein Vater Widerstandskämpfer und KZ-Häftling war.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Jörg Watzinger arbeitet das Schicksal seines Vaters auf

Von Laura Winter, Dachau

"Mein Vater kam nie wirklich ins Erzählen", sagt Jörg Watzinger an diesem Abend mehrfach. Er sitzt vor dem Mikrofon, hält seine Hände die meiste Zeit gefaltet im Schoß. Gefasst erzählt er im Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte vom Leben seines Vaters, Karl Otto Watzinger, der von Oktober 1941 bis November 1944 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war. Es ist die zweite Veranstaltung der Reihe "Erinnerungen und Familiengedächtnis", in der Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann mit Angehörigen ehemaliger Häftlinge spricht.

Wenn Jörg Watzinger biografische Details aus dem Leben seines Vaters erzählt, wirkt er sicher. Er schildert, wie Karl Otto Watzinger, als Student Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), sich gegen die konservative Diktatur stellte. Wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" wurde er verhaftet und später ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Nach drei Jahren Gefangenschaft verpflichtete er sich zwangsweise zur SS-Brigade Dirlewanger, später geriet er in russische Kriegsgefangenschaft. Nach diesem Albtraum gelang es Karl Otto Watzinger, sein Jurastudium abzuschließen und zunächst in Ulm, ab 1954 in Mannheim als Rechtsrat zu arbeiten. Später wurde er Bürgermeister in Mannheim.

Nicht nur bei den Häftlingen selbst hinterlässt die schreckliche Zeit in Gefangenschaft Narben, auch ihre Angehörigen leiden unter diesem Schicksal. Jörg Watzinger ist 18, als er von der Vergangenheit seines Vaters erfährt. Durch einen Zeitungsartikel, kurz vor der Wiederwahl Karl Otto Watzingers als Bürgermeister der Stadt Mannheim. Die Auswirkungen dieser Zeit reichen über Jahrzehnte. Jörg Watzinger erzählt, dass sein Vater sich als Überlebender stets verantwortlich fühlte. Er engagierte sich in der Wiedergutmachungsarbeit in Mannheim, bot Führungen auf dem jüdischen Friedhof an und errichtete eine Gedenktafel für die zerstörte Synagoge. "Das eigene Schicksal war nie Thema", sagt sein Sohn. "Er wollte immer gern an die guten Zeiten erinnern." Fotos erinnern an diese Zeiten. Sie zeigen einen glücklichen Mann. Am Strand liegend, auf einen Ellenbogen gestützt, wie er in die Kamera lächelt. Drei kleine Kinder, Jörg Watzinger und seine jüngeren Geschwister, auf einer Mauer sitzend; ihr Vater steht stolz neben ihnen. "Ich habe meinen Vater nie so entspannt wie auf dem Foto am Meer gesehen", sagt Jörg Watzinger. Die schlimmen Erinnerungen habe der Vater weggeschlossen, verdrängt. Doch sie ließen ihn nie ganz los. So ertrug er Nähe und Berührungen kaum, was, wie Jörg Watzinger sich erinnert, für die Kinder nicht immer leicht war. Die Zeit in Gefangenschaft hatte Auswirkungen auf banale Alltagssituationen wie das Essen. Watzinger berichtet, dass zuhause nie Gerichte mit Mais auf den Tisch kamen, da Maissuppe in der Kriegsgefangenschaft Standard gewesen sei.

Nach dem Tod seines Vaters 2006 wollte Jörg Watzinger mehr über dessen Vergangenheit erfahren. Er besuchte die Gedenkstätte, las die Akte seines Vaters und führte Gespräche mit dem Dachauer Psychotherapeuten Jürgen Müller-Hohagen, der sich auf die Nachwirkungen der NS-Zeit bis in die dritte Generation spezialisiert hat. Mit Freunden über die Vergangenheit seines Vaters zu sprechen, sei oft schwierig, sagt Watzinger. Deswegen sei die Erfahrung, die er in einer Austauschgruppe in Nürnberg machte, "ein großes Geschenk". Dort könne man erzählen, wie man sich fühlt, und sich mit anderen Angehörigen austauschen. "Das hat mir sehr viel gebracht", sagt er. Auch pflegt er Kontakt zu den Nachkommen eines Freundes seines Vaters aus dem KZ. Dass sich die Angehörigen treffen, kennenlernen, und ihre Erfahrungen teilen, sei sehr wichtig. Das bestätigt Sonja Holtz-Arendse, die mit ihrem Ehemann als Vertreter des Internationalen Dachau Komitee anwesend war. "Zwischen den Nachkommen besteht eine besondere Vertrautheit", sagt die Niederländerin. Auch mit Angehörigen von Tätern hat Watzinger schon gesprochen. "Sie haben es keinesfalls leichter", sagt er bestimmt.