Konzert Großer Klang, geringes Tempo

Überragende Musikalität, perfekte Technik: Solist Matthias Well wirkte beim Violinkonzert e-Moll op. 64 von Mendelssohn absolut souverän.

(Foto: Toni Heigl)

Die Sinfonietta Dachau unter Dirigent Victor Bolarinwa führt im Schloss Beethovens achte Sinfonie in F-Dur auf. Der junge Geiger Matthias Well beeindruckt das Publikum als perfekter Solist

Von Adolf Karl Gottwald

Jeder Musikfreund weiß es: Ein f im Notentext bedeutet soviel wie "stark, kräftig, laut", ein ff erfordert ein Fortissimo, also "sehr stark". Manchmal genügt den Komponisten (von Beethoven an) das immer noch nicht,und sie schreiben fff vor, zu übersetzen etwa mit "ungemein stark". Wenn die Sinfonietta Dachau eine Beethoven-Sinfonie spielt, kann man meinen, in der Partitur wimmle es von lauter fff. Dem ist aber nicht so. Nur im ersten Satz der 8. Sinfonie ist zweimal ein fff zu finden, sonst so gut wie nie, nicht einmal in der 9. Sinfonie, wo bei bestimmten Stellen höchste Kraftentfaltung allerdings selbstverständlich ist.

Als Hauptwerk ihres diesjährigen Herbstkonzerts führte die Sinfonietta Dachau unter ihrem ständigen Dirigenten Victor Bolarinwa die Sinfonie Nr. 8 F-Dur von Beethoven auf. Und siehe da - es wurde zwar überwiegend laut und kräftig gespielt, aber hier hatte die Klangstärke meistens ihren Platz. Die Sinfonietta Dachau ist ein ziemlich großes Laienorchester mit Profis an den führenden Positionen, und Masse erzeugt halt ein großes Klangvolumen, vor allem im akustisch hervorragenden Saal des Dachauer Schlosses. Außerdem ist leise spielen viel schwieriger als kräftig zulangen, was den Laien beim Musizieren ein erhöhtes Maß an Sicherheit gibt.

Victor Bolarinwa ist der Klassiker unter den Dirigenten im Landkreis Dachau, unter seiner Leitung gibt es kaum einmal ein Konzert ohne Mozart und/oder Beethoven, und Joseph Haydn hat bei ihm sogar einen besonders hohen Stellenwert. Also hörten die Besucher von ihm und seiner Sinfonietta schon fast alle neun Beethoven-Sinfonien im Schloss, doch die jetzige Aufführung der Achten hatte Besonderheiten.

Von der diesmal überzeugenden Klangentfaltung war schon die Rede, besonders auffallend war diesmal die Tempowahl. Bolarinwa hütet sich vor Übertreibungen und meidet vor allem den Tempowahnsinn des heute gängigen Musizierens. Aber die Achte von Beethoven kam nun doch arg gemütlich daher. "Allegro vivace e con brio" schrieb Beethoven über den ersten Satz, da ist also Lebhaftigkeit und Feuer verlangt, auch der letzte Satz ist ein "Allegro vivace" und an der Stelle des langsamen Satzes steht bei dieser Sinfonie ein "Allegretto scherzando". Im sehr gemäßigten Tempo wurde alles sehr sauber und gewissenhaft exakt ausgespielt, aber es entstand der Eindruck einer Hauptprobe für Laien, nach der der Dirigent sagt: "Sehr gut - und jetzt spielen wir die ganze Sinfonie im Originaltempo!"

Vor der Sinfonie spielte Matthias Well mit der Sinfonietta das bekannte Violinkonzert e-Moll op.64 von Mendelssohn. Und das war großartig. So absolut souverän wie Matthias Well hat man bei der Sinfonietta noch keinen jungen Solisten erlebt, Bogenführung perfekt, Fingertechnik hoch virtuos, Tongebung herrlich und alles überstrahlt von einer nicht zu überbietenden, vielleicht sogar uneinholbaren Musikalität. Matthias Well steht mit seinen 24 Jahren am Beginn seiner Karriere, zu ihm wird man wohl immer weiter hinaufschauen müssen. Das Orchester begleitete oft zu dick und zu laut, aber die Holzbläser zeichneten sich vor allem bei Mendelssohn aus.

Mit einer Ouvertüre begann das Konzert,und mit einer Ouvertüre endete es.

Zu Beginn spielte die Sinfonietta Dachau die wenig beeindruckende Ouvertüre aus "Ouvertüre, Scherzo und Finale" op. 52 von Robert Schumann, als Zugabe eine Ouvertüre im italienischen Stil von Franz Schubert. Das war von Orchester und vom Dirigenten die Meisterleistung des Abends; denn hier war alles ideal, das Klangvolumen und die Klangfarben, die Tempowahl und die der Musik Franz Schuberts entsprechende Musikalität des Musizierens.