Jugendgästehaus Dachau Gelungener Auftakt

Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer empfängt bei der Jubiläumsfeier des Internationalen Jugendgästehauses den neuen Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann und nimmt ihm ein wichtiges Versprechen ab.

Von Julian Erbersdobler

Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer signiert nach einer Lesung am Tag der offenen Tür zum 16-jährigen Bestehen der Einrichtung sein Buch für den neuen Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD), mit dem er noch viel zu tun haben wird.

(Foto: joergensen.com)

Auch mit 94 Jahren hat Max Mannheimer noch immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ein schelmisches Grinsen im Gesicht dazu. "Heißen Sie immer noch Florian?", fragt der Holocaustüberlebende einen 27-Jährigen, der sein Buch signiert haben will. Florian Hartmann nickt und bestätigt, dass sich an seinem Vornamen auch nach der Wahlsensation in Dachau, als er OB Peter Bürgel (CSU) in der Stichwahl bezwang, nichts geändert habe. Wie der Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath (CSU) ist Hartmann am Samstag zum 16-jährigen Jubiläum des Internationalen Jugendgästehauses und Max Mannheimer Studienzentrums gekommen. Diesmal nicht nur als interessierter Besucher, Florian Hartmann (SPD) kommt auch als jüngster Oberbürgermeister Deutschlands.

Vor der Lesung beginnt Nina Ritz, die Leiterin der Einrichtung, mit warmen Worten: Sie und ihre Mannschaft seien immer überglücklich, wenn es wieder einmal heiße: "Heute kommt Max." Die Leiterin dankt dem Namensgeber für sein Engagement und unermüdlichen Einsatz für das Studienzentrum. "Ich komme nur deshalb immer wieder vorbei, weil ich noch lebe", erwidert der trocken. Nina Ritz berichtet, dass 2013 rund 142 pädagogische Veranstaltungen stattgefunden haben. "Mit mehr als 5500 Teilnehmern aus aller Welt." Über einen Gast, den neu gewählten OB, freue sie sich besonders, sagt sie. Es ist das erste offizielle Zusammentreffen Max Mannheimers, Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, mit dem neuen Dachauer OB. Der 27-Jährige sitzt etwas schüchtern in der ersten Reihe, bis Max Mannheimer ihn mit einem "Zeigen Sie sich doch mal den Leuten" aus dem Stuhl lockt.

Die Lesung übernimmt der Schauspieler Paul Kaiser, der mit den Jugenderinnerungen Mannheimers einsteigt. In kurzen prägnanten Sätzen marschiert Kaiser mit seiner markanten Stimme durch die bewegende Geschichte des Holocaust-Überlebenden. Vom ersten Wort "Auto" geht es über die erste Liebe Viola zum Einmarsch der Deutschen in seine geliebte Heimatstadt Neutitschein. Mannheimer, der direkt neben dem Schauspieler sitzt, liest Zeile für Zeile mit. Nur selten wandert sein Blick ins Publikum, das fast hypnotisiert wirkt. Nach dem letzten Satz "Wir sind wieder Menschen, können wieder in ein normales Krankenhaus gehen - wir sind frei" hagelt es Applaus - für Kaisers herausragende Interpretation und für Mannheimer, den unermüdlichen Zeitzeugen, der seit Jahrzehnten über die Naziverbrechen aufklärt. Nina Ritz freut sich: "Genauso sollte es sein. Max ist der Star."

Anschließend werden die Bücher Mannheimers signiert ("Drei Leben" und "Spätes Tagebuch"), und die Besucher wollen ihm unbedingt persönlich danken. Er nimmt sich für jeden Zeit, auch für Florian Hartmann. Für einen Schnappschuss setzt sich der 27-Jährige direkt neben Mannheimer auf die Bühne. "Ich bin sicher, dass ihre Jugend etwas sehr Positives ist und Sie dadurch auch die anderen animieren können", sagt der Dachauer Ehrenbürger Hartmann. Viele alte Politiker würden sich nur ungern von ihren Posten trennen, da brauche es die Jugend. "Das ist der Lauf der Zeit", so Mannheimer. Für Hartmann ist es ein besonderes Gespräch. "Er ist als Person, auch mit seiner Arbeit als Zeitzeuge, ein extrem wichtiger Teil Dachaus", sagt der neue OB. "Jetzt haben wir eine Sache gemeinsam: Wir haben die Verantwortung, dass so etwas nie wieder passiert." Auch deshalb werde die Vergangenheitspolitik von ihm weiter vorangetrieben, sagt Hartmann.

Die Vergangenheit steht beim Workshop "Bilder im Kopf" im Seminarraum 3 im Mittelpunkt. Acht Teilnehmer sitzen hier im Stuhlkreis. In der Mitte verteilt Christian Kraft etwa 25 Fotos aus der Zeit zwischen 1933 und 1945. Leichenberge, Lagerhäftlinge, Leid. Dann fordert er die Teilnehmer auf, sich für ein Bild zu entscheiden, das symbolisch für das ehemalige Konzentrationslager in Dachau steht. Eine junge Frau greift sich die Aufnahme eines Wachturms, an dessen Fuß Tote liegen. Was? Wer? Wann? Warum? Auf diese Fragen soll sie jetzt Antworten geben. Nach einigen Minuten löst Christian Kraft die Entstehung des Bildes auf. Das Foto wurde am 29. April 1945 aufgenommen. Es zeigt die erschossener SS-Wachen, die am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers von amerikanischen Soldaten getötet wurden. Die jungen Befreier waren von dem Anblick der toten und fast verhungerten Häftlinge so schockiert, dass sie SS-Männer kurzerhand erschossen.

Am Abend trifft ein Bus mit Jugendlichen aus Belgien ein. Die Party zum 16-jährigen Bestehen der Einrichtung besuchen aber, was nicht immer so war, auch etliche Dachauer Jugendliche, Schüler des Effner-Gymnasiums. Da ist Max Mannheimer schon nicht mehr da. Aber die Begegnung mit ihm war für die Besucher besonders eindrucksvoll. Der Namensgeber der Einrichtung hatte zuvor über die große Resonanz in seiner witzigen Art erklärt: "Es freut mich, dass das Interesse so groß ist. Eigentlich ist das Wetter für solche Sachen doch viel zu gut."