30 Jahr Jugendbegegnungsstätte Das andere Dachau

Vor 30 Jahren gab es heftigen Widerstand gegen die Internationale Jugendbegegnungsstätte - heute feiert sogar die CSU mit, die die Einrichtung "bis zum letzten Blutstropfen" bekämpfen wollte.

Von Anna Schultes

Es war ein langer, ein beschwerlicher Weg, ehe das Haus stand. Bürger hatten 1984 zusammen mit Vertretern der KZ-Gedenkstätte eine Initiative für eine internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau gegründet. Das kam nicht gut an bei der CSU und in den übrigen konservativen Kreisen der Stadt, die sich schon in der Nachkriegszeit gegen die Errichtung einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers gewehrt hatten. Bürgermeister Georg Englhard ließ 1986 bei einer CSU-Kundgebung im Bierzelt darüber abstimmen, ob Dachau eine Begegnungsstätte brauche - und er bekam das gewünschte Ergebnis. Dachau wollte sich der Geschichte nicht stellen. "Bis zum letzten Blutstropfen" wollte man gegen das Haus kämpfen.

Aber unter dem Einfluss besonnener Kräfte in der Kreis- und Landes-CSU kam es zum Kompromiss eines Jugendgästehauses ohne den Zusatz "International". Der Stadtrat stimmte 1992 zu, 1998 wurde das Haus eröffnet. Jetzt feierte die Internationale Jugendbegegnung in Dachau 30-jährigen Bestehen - und das regt längst keinen mehr auf. Im Gegenteil. Auch Repräsentanten der CSU sind gekommen und applaudieren der Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan, der zweimaligen Kandidatin für das Bundespräsidialamt, als sie die Jugendbegegnung Dachau lobt: "Solche Initiativen stärken die Demokratie und sind das Wichtigste, was wir haben." Das Treffen, an dem in diesem Jahr mehr als 100 junge Menschen aus Israel, Russland, den USA oder Südkorea teilnehmen, ist ein einzigartiges Projekt: Erst kürzlich zeichnete das "Bündnis für Demokratie und Toleranz" die Organisatoren für ihr Engagement aus. Die Jugendlichen beschäftigen sich in Dachau mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Konzentrationslagers. Sie diskutieren Wege in eine Zukunft ohne Ausgrenzung und Rassismus. Heute steht auch Dachau anders zu seiner Geschichte: In der Entwicklung der Stadt zu einem "Lern- und Erinnerungsort" hat die Jugendbegegnung vieles bewirkt. Gisela Joelsen von der Evangelischen Jugend München, einem der fünf Träger des Projekts, erklärt den Wandel so: "Dachau wollte früher das Image als Künstlerstadt pflegen, der Name sollte nicht überall mit dem KZ verbunden werden. Im Verständnis der Stadt hat sich sehr viel geändert", sagt Joelsen. Das liegt auch an Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU), der im Gegensatz zu seinem Vorgänger mit der NS-Geschichte offen umgeht. "Die Jugendbegegnung ist für die Erinnerungsarbeit, der sich die Stadt heute verpflichtet fühlt, sehr wichtig", sagt er.

Dass sich die Jugendlichen gerade in Dachau treffen, wo im März 1933 das erste ständige Konzentrationslager errichtet wurde, findet Projektleiterin Agnes Becker wichtig, heute wie damals. "In der ganzen Welt verbinde man den Namen der Stadt mit schrecklichen Verbrechen. "Wir können zeigen, dass es heute ein anderes Dachau gibt." Der Holocaust-Überlebende Abba Naor aus Israel ist fasziniert: "Die Jugendlichen haben eine Sprache der Verständigung gefunden." Und das schon viele Jahre, bevor die Politik sie erlernte.