Integrationspolitik Große Politik in der Bäckerei

Ein erfolgreicher Familienbetrieb stellt Flüchtlinge ein, um die Aufgaben bewältigen zu können. Die Gesetze aber sind gegen sie. Auch in diesem Jahr zeigt sich: zur Integration tragen vor allem Ehrenamtliche und Arbeitgeber bei

Von Viktoria Großmann, Hebertshausen

Eigentlich hätte jeder Mandatsträger im Landkreis und jeder, der es werden wollte, in diesem Jahr mindestens einmal einen Besuch in der Backstube des Familienbetriebs Polz in Ampermoching machen müssen. In aller Dramatik ließen sich hier die großen politischen Themen studieren: Integration von Flüchtlingen, Fachkräftemangel, fehlender Wohnraum, Abschiebepolitik.

Im März erfährt Thomas Polz, dass er seinen Vollzeitangestellten Promise Ali verliert. Der Nigerianer war über Bulgarien nach Deutschland gekommen. Dorthin soll er nun zurück. Obwohl er dort wegen unerlaubten Grenzübertritts unter schlimmsten Bedingungen im Gefängnis fest gehalten worden war. Ali, Mitte 20, lernte Deutsch, spielte Fußball in Odelzhausen und war für Polz zu einer wichtigen Arbeitskraft geworden. Der Bäcker hat ständig, auch jetzt, Stellen ausgeschrieben. Am Mangel an Mitarbeitern leidet die gesamte Innung, die sich fragt, was aus ihrem Handwerk werden soll. Arbeiten mitten in der Nacht, mäßige Bezahlung - die Mieten können sich Bäckereiangestellte kaum leisten. Der Familienbetrieb in Ampermoching hilft sich daher selbst: Lässt sich vom Helferkreis Lehrlinge aus den Flüchtlingsunterkünften vermitteln, baut Wohnungen für die Angestellten.

Thomas Polz (2.v.l.) mit seinem internationalen Team: Lolade aus Nigeria, Geberzgabiger aus Eritrea, Gábor aus Ungarn und Samba aus Mali.

(Foto: Niels Jørgensen)

Dass Gesetze sie daran hindern, dringend benötigte Arbeitskräfte zu behalten, in deren Ausbildung, sie Geduld und Geld investiert haben, verstehen die Bäcker nicht. Sie bitten Gerda Hasselfeldt, im Sommer noch CSU-Landesgruppenchefin in Berlin, den Fall Ali zu prüfen. Diese erklärt der SZ, Menschen Bleiberecht einzuräumen, weil sie einen Job haben, würde noch mehr Zuwanderung auslösen.

Ali ist immer noch in Deutschland, lebt in Hebertshausen. Die Frist, jene sechs Monate, in denen er jeden Tag Angst haben musste, von Polizisten abgeholt zu werden, ist verstrichen. Er hat das Recht, nun in Deutschland seinen Asylantrag zu stellen. Seine Ersparnisse hat er aufgebraucht. Sein Pass ist ungültig. Er kann nirgendwohin gehen und er weiß nicht, ob er bleiben kann. Arbeiten darf er nicht. "Mehrmals war der Zoll bei uns und hat geprüft, dass hier niemand ohne Erlaubnis arbeitet", sagt Bäckerin Sabine Polz.

Im März protestieren afghanische Flüchtlinge in Petershausen gegen angekündigte Abschiebungen. In ihrem Heimatland seien sie nicht sicher, befürchten sie.

(Foto: Niels P. Joergensen)

1241 Flüchtlinge leben derzeit in den Unterkünften im Landkreis. Darüber hinaus einige, die Bleiberecht bekommen haben und ausziehen könnten. Dass Landratsamt duldet, dass sie weiter in den Container- und anderen Unterkünften leben. Wohnungen sind kaum zu finden. In Dachau leben nun einige Familien mit Kindern, die nachgeholt werden durften, in Obdachlosenunterkünften. Ein ungeklärtes Problem, sagt Florian Hartmann (SPD). Kommunen seien eigentlich für ihre Bürger verantwortlich. Die Flüchtlinge aber hätten sich diesen Wohnort nie selbst ausgesucht, seien rechtlich nicht automatisch wie andere Bürger zu betrachten, die vorher im Ort ihren festen Wohnsitz hatten. Die Stadt Dachau gewährt zwar eine Bleibe - aber damit, dass die Kommunen alle Kosten allein tragen sollen, ist Hartmann nicht einverstanden. Neue Flüchtlinge kommen kaum noch an. Ob eine neue Gemeinschaftsunterkunft an der Kufsteiner Straße gebaut werde, dazu habe die zuständige Regierung von Oberbayern noch keine Aussage gemacht, sagt Hartmann. An der Stadt soll es nicht liegen. Sie hat in diesem Jahr den Flächennutzungsplan fertig vorbereitet.

Bäckerfamilie Polz hat unterdessen weitere Lehrlinge eingestellt - insgesamt sind es nun fünf, alles Flüchtlinge. Dazu kommt ein weiterer Vollzeitangestellter. Nicht mit allen Lehrlingen ist Sabine Polz gleichermaßen zufrieden. Drei seien sehr zuverlässig und fleißig, ein weiterer tut sich in der Berufsschule schwer, ein fünfter überlegt, alles hinzuwerfen. Probleme im Unterricht sind vielen Helfern bekannt. Sie sind es im Wesentlichen, die sich unermüdlich kümmern, um Jobs, Lehrstellen und Wohnungen zu finden. Fast alle Flüchtlinge im Landkreis haben nun eine Beschäftigung. Oft aber reichen die Deutschkenntnisse - im Wesentlichen von Ehrenamtlichen vermittelt - doch noch nicht für die Ausbildung aus. Die Lernbedingungen in den beengten Unterkünften sind schlecht, beklagen die Helfer. Unruhe löste in diesem Jahr besonders die Ankündigung von Abschiebungen der Afghanen aus. Betroffen war ein Mitarbeiter der Bäckerei Polz. Im Sommer griff er in seiner Unterkunft in Haimhausen einen Mitbewohner an. Die Helfer und Polz reagierten entsetzt, führten das Verhalten aber auf die extreme psychische Belastung des jungen Mannes zurück. Er sitzt noch immer in Untersuchungshaft.