Bundestagswahlkampf in München Die letzte rote Bastion

Axel Berg will das einzige SPD-Direktmandat in Bayern verteidigen. Sein Kontrahent Johannes Singhammer (CSU) stemmt sich gegen die vierte Niederlage und gibt sich betont liberal.

Von J. Bielicki

Der Kandidat hat Topfblumen dabei. Hellblau sind sie - aber nicht ganz das, als was sie Johannes Singhammer an die Wählerinnen bringen will: "Möchten Sie ein Vergissmeinnicht?", fragt Singhammer die Passantinnen, die vor dem Nordbad Richtung Karstadt streben. "Das sind Hornveilchen", korrigiert ihn eine Wahlkampfhelferin.

"Ich meine es ja nur bildlich", antwortet der CSU-Bundestagsabgeordnete, der sich für seinen Wahlprospekt eigens als Gartler fotografieren hat lassen. Tausend der Ministiefmütterchen will er an einem Tag unter die Leute im Münchner Norden bringen, damit sie den Wahltag nicht vergessen - und vor allem nicht, dass es für ihn dann auf jede Erststimme ankommen wird.

Axel Berg hat keine Blumen dabei und auch keine Wahlhelfer. Er hat einfach seinen Großraum-VW an der gleichen Stelle auf den Gehsteig geparkt, an der sein CSU-Konkurrent vor ein paar Tagen noch Veilchen verteilte. Auf dem Dach seines Autos sind Plakate montiert, der SPD-Abgeordnete selbst streunt, allerlei Wahlkampfpapier in der Hand, allein über den Platz.

Spannendster Wahlkreis Bayerns So macht er das, seit er 1998 das Direktmandat im Münchner Norden gewann, zwei Mal die Woche, ob Wahlkampf ist oder nicht: "Einfach den Bergbus hinstellen und für die Leute da sein", erklärt er, "die kommen dann schon." Allerdings: Viele sind es nicht vor dem Nordbad, und nach einer Stunde wird er, so grummelt er selbst, "gerade einmal fünf Flyer" verteilt haben.

"Wer ist Was macht Was will Axel", steht auf diesen Flugblättern. Und natürlich: "Mit Ihrer Erststimme Axel wählen." Auch für Berg wird es am Wahlabend eben auf diese Erststimmen ankommen, womöglich sogar auf die fünf vom Nordbad. Denn während in den anderen drei Himmelsrichtungen der Stadt kaum ein Beobachter daran zweifelt, dass die Direktmandatsträger von der CSU auch diesmal wieder vorne liegen werden, gilt der Münchner Norden als spannendster Wahlkreis Bayerns.

Drei Mal hat Axel Berg hier gewonnen, zuletzt war er der einzige Sozialdemokrat Bayerns, dem es gelang, sich seinen Bundestagssitz direkt zu holen. Drei Mal hat Singhammer hier verloren, zuletzt als einziger Christsozialer bayernweit, der einen Sozialdemokraten vorbeiziehen lassen musste. Knapp ist es dabei immer zugegangen. 2002 etwa lag Berg gerade einmal 348 Stimmen vor Singhammer, und dass er seinen Vorsprung 2005 auf mehr als 4000 Stimmen ausbauen konnte, kann ihn kaum beruhigen, wenn er die immer noch miserablen Umfragewerte für seine Partei liest: "Da muss ich wohl jetzt mit meinen Erststimmen noch mal viel besser sein als meine SPD."

Kein Hoffen auf den Listenplatz Es steigt also ein echtes Duell im Münchner Norden - und es wird noch einmal verschärft durch die Tatsache, dass es bei beiden Kandidaten um nicht weniger geht als die politische Karriere. Beide müssen sie dieses Mandat direkt gewinnen, denn beide können sich nicht darauf verlassen, dass die Parteiliste den Verlierer auffangen wird. Zwar hat die CSU den familienpolitischen Sprecher ihrer Bundestagsfraktion sicherstmöglich auf Platz acht gesetzt.

Aber nach derzeitigen Umfrageergebnissen erscheint es durchaus möglich, dass landesweit nur direkt gewählte CSU-Bewerber in den Bundestag dürfen und der Umweg über die Liste versperrt bleibt. Bereits 2005 rutschte Singhammer nur deshalb noch ins Parlament, weil die vor ihm gelisteten Spitzenleute Edmund Stoiber und Günther Beckstein dann doch nicht nach Berlin wollten und ihre Mandate nicht antraten.

Auf die Liste darf auch der SPD-Mann Berg kaum hoffen. Dabei hatten die Landessozis endlich, nachdem er drei Mal seinen Wahlkreis direkt gewonnen hatte, ihren "Siegertypen" (Berg über Berg) auf einen vermeintlich sicheren Platz gestellt. So jedenfalls dachte auch der Abgeordnete, als er bei der Aufstellung Listenrang 17 belegte. Nur: Das war vor der Europawahl und vor vielen Umfragen, die nun auch Berg befürchten lassen, dass die ohnehin nicht erfolgsverwöhnte Bayern-SPD am Wahltag womöglich weniger als 17 Abgeordnete nach Berlin schicken darf.

Werben mit allen Mitteln Die beiden Volljuristen Berg und Singhammer liefern sich also ein nur von arg löcherigen Fangnetzen gesichertes Rennen. Das erklärt den Aufwand, den beide Kandidaten betreiben, um an die entscheidenden Erststimmen zu kommen. Vor allem Singhammer scheint alles in Bewegung zu setzen, um den letzten roten Fleck auf Bayerns sonst tiefschwarzer Politlandkarte zu löschen.

Gleich mehrere Postwurfsendungen erreichten die Haushalte des Münchner Nordens, und in den darin enthaltenen Prospekten zeigt sich der CSU-Mann in der Tat als äußerst beweglich. Nicht nur, dass er auf seinen Plakaten im Schneidersitz locker auf grüner Wiese sitzt - auch sonst gibt sich der 56-Jährige in Wort und Bild als Vertreter einer liberalen, ziemlich grün angehauchten Großstadtgesellschaft.

"Offen" sei er, künden seine Plakate in knalligem FDP-Gelb, "nachhaltig" auch, so steht es daneben in tiefem Grün. Er hält selbstgezogene Radieschen in die Kamera, pumpt fotogen sein Radl auf, der grüne Bürgermeister Hep Monatzeder lächelt ebenso aus Singhammers Prospekt wie das die Kandidatinnen von Grünen und FDP tun. Die grüne Bewerberin Judith Greif reagierte jedoch säuerlich, als sie ihr Bild in Singhammers Wahlkampfmaterial fand: Sie wolle "von ganzem Herzen, dass der Münchner Norden weiterhin von dem uns inhaltlich sehr nahe stehenden Axel Berg vertreten wird", erklärte die 25-jährige Grüne.

Überraschender Wandel Dabei war Singhammer eigens mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust als Wahlhelfer über den Elisabethmarkt flaniert. Der CDU-Mann Beust führt eine schwarz-grüne Rathauskoalition, und auch Singhammer betont eifrig, dass es auch zwischen CSU und Grünen "einige Schnittmengen gibt". Singhammers Aussagen überraschen deshalb, weil der Katholik und Vater von sechs Kindern innerhalb der Union lange als strammer Konservativer galt.

Er focht für das Betreuungsgeld, mit dem der Staat Mütter belohnen will, die ihre Kinder nicht in Krippen geben, er lehnt die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe ab. Auch in der Ausländerpolitik folgte er lange dem strikten Kurs Peter Gauweilers, dessen Ministerbüro er einst leitete und dessen Nachfolger an der Spitze der München-CSU er ein paar Jahre war.

Image des Außenseiters So fest verankert in der eigenen Partei war Axel Berg dagegen nie. Der 50-jährige Schwabe wirbt gerne damit, kein typischer Sozialdemokrat zu sein: "Der Stallgeruch fehlt mir." In den Bundestag kam er, nachdem er die damalige SPD-Stadtchefin Ingrid Anker aus dem Rennen um die Kandidatur schlug. Seither pflegt der ehemalige Skirennläufer sein Außenseiter-Image.

"Dr. Axel Berg verschont sie mit einem Politiker-Foto", ließ er etwa ein Smiley-Strichgesicht für sich werben, bevor er "auf vielfachen Wunsch jetzt doch mit Foto" seine eigenen Züge auf die Plakatständer kleben ließ. "Er ist kein langweiliger Parteimensch, sonst würde ich das auch nicht für ihn machen", sagt sein ehemaliger Schulfreund Stephan Triller, der die Kampagnen für ihn entwirft.

Politik fernab der Parteilinie Tatsächlich wirkt der einzige Bundestagsvertreter der München-SPD bisweilen immer noch wie ein irrlichternder Fremdkörper in der eigenen Partei, was auch daran liegt, dass das große Thema, das den Energiepolitiker Berg seit Jahren umtreibt, sehr grün geprägt ist. Über den Atomausstieg und die Förderung erneuerbarer Energien kann sich Berg auf der Straße mit einem einzelnen Passanten fast eine Stunde lang festreden, egal, wie viele potentielle Wähler unterdessen vorübergehen. Gerne entschwebt er dann in Visionen wie jener von einer "Solarstadt München", und wenn er anhebt, kann es schon mal passieren, dass er erst wieder sehr weit neben den programmatischen Vorgaben der eigenen Partei zum Landen kommt.

Neulich etwa diskutierten Berg, Singhammer und Vertreter anderer Parteien auf dem Corso Leopold erst über die Idee, jedem Bürger ein Grundeinkommen zu zahlen. Berg fand das gut, als einziger der Diskutanten: "Wir müssen uns vom Ziel der Vollbeschäftigung verabschieden", erklärte er locker - und dass, obwohl sein eigener Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier doch verspricht, Vollbeschäftigung wieder herstellen zu wollen. "Ich persönlich", räumt er öffentlich ein, "bin nicht so ganz auf Parteilinie." Doch drei Mal hat ihn die eigene Linie in den Bundestag gebracht.