Bogenhausen Zwischen zwei Kröten

Ein Gymnasium im Klimapark empört Naturschützer, die Politiker nehmen den Standort in Kauf - für eine weitere Schule

Von Ulrike Steinbacher, Bogenhausen

Anwohner des Fidelioparks und des Bundes Naturschutz (BN) üben heftige Kritik am neuen Standort für das Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium. Der Stadtrat hatte sich Ende Juni gegen eine Generalsanierung der Schule an der Elektrastraße und für einen Neubau am Salzsenderweg im Wohngebiet Fideliopark entschieden. Damit sei "das Grundstück mit dem geringsten Aufwand und der größten Naturzerstörung ausgewählt" worden, kritisiert der Münchner BN-Vorsitzende Christian Hierneis in einer Stellungnahme. Anwohnerinnen beantragten am Dienstagabend im Bezirksausschuss (BA) Bogenhausen, die Entscheidung zurückzunehmen. Doch da tut sich der BA schwer.

Dessen Vorsitzende Angelika Pilz-Strasser (Grüne) sprach von einer "Abwägung zwischen zwei Kröten", CSU-Sprecher Xaver Finkenzeller von der "Wahl zwischen Pest und Cholera". Da ist einerseits das Hausenstein-Gymnasium, Bogenhausens einziges für Mädchen und Jungen. Seit einem Jahrzehnt ist es mit mehr als 1200 Schülern chronisch überbelegt. Daran wird sich nichts ändern, weil Bogenhausen Zuzugsgebiet ist. Die überfällige Sanierung des maroden Siebzigerjahre-Baus wurde inzwischen dreimal verschoben. Und da ist andererseits die 14 Hektar große Grünfläche zwischen Wohngebieten an der Johanneskirchner und der Fideliostraße. Viele Anwohner arbeiten seit 2011 daran mit, das Areal in einen Klimapark mit vielen Nutzungsmöglichkeiten zu verwandeln. Jetzt soll dort eine 20 000 Quadratmeter große Fläche für den Neubau abgezwackt werden. Das beeinträchtigt die Kaltluftschneise und bedeutet etwa für den Radsportverein Tretlager, dass er sich einen neuen Dirt-Park bauen muss.

Die Anwohner sind entsetzt über die Entwicklung. Ursula Eickert-Feierabend und Sandra Skor beklagten, dass vom Klimapark nicht viel übrig bleiben werde. Auch der Zubringerverkehr und das daraus resultierende Rangierchaos im Einbahnstraßensystem würden ihn beeinträchtigen. Dabei sei die Kaltluftschneise angesichts immer weiter zunehmender Versiegelung rundherum "wichtiger denn je". Ein Gymnasium, das Umweltschutz lehren solle, dürfe nicht in einem Klimapark entstehen.

Der Bezirksausschuss war mehrheitlich anderer Meinung, auch wenn Andreas Nagel (David contra Goliath) von einer "ganz riesigen Fehlentscheidung" sprach, zu der sich der BA habe "erpressen lassen". Gemeint war das Junktim, das die Stadtverwaltung dem Bezirksausschuss in Aussicht gestellt hatte: Wenn das Hausenstein-Gymnasium an einen neuen Standort verlegt wird, kann das alte Schulgebäude an der Elektrastraße saniert und anschließend für ein zusätzliches Gymnasium im Stadtbezirk verwendet werden. Diese zusätzliche Schule führten Vertreter von CSU, SPD und Grünen als Hauptargument für ihre Zustimmung zum Standort im Klimapark an. Pilz-Strasser versprach, der BA werde eine Blockade des Verkehrs zur Schule und eine sensible Gestaltung des Neubaus ebenso durchsetzen wie das zusätzliche Gymnasium. Sonst "legen wir uns quer vors Rathaus". Der Antrag der Anwohner wird im August behandelt.

Aus Sicht des Bundes Naturschutz widerspricht der Schulstandort einer nachhaltigen Stadtentwicklung. "Die Beschlüsse der Klimakonferenz von Paris scheinen die Politiker in München nicht zu interessieren", konstatiert BN-Chef Hierneis. Kriterien wie Naherholung, Klima- und Naturschutz hätten keine Rolle gespielt, ausgewählt worden sei außerdem ausgerechnet der Standort mit der schlechtesten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

Zur Auswahl gestanden hatten abgesehen von der Fläche im Klimapark ein Grundstück neben der Rudolf-Steiner-Schule an der Brodersenstraße, das aber zum Teil bis 2029 verpachtet ist, und der alte Standort an der Elektrastraße. Dort würde es allerdings ziemlich eng werden, und der Sportplatz Extra-Lärmschutz benötigen. Außerdem müssten die 1200 Gymnasiasten jahrelang in Containern unterrichtet werden, und das würde Millionen kosten.

Der Bund Naturschutz fordert dennoch, die Standorte erneut zu prüfen und dabei Nachhaltigkeitskriterien anzulegen. Zudem bringt er eine Fläche an der Knappertsbuschstraße ins Gespräch, die die Stadt verkauft hat. Dort ist eine russisch-orthodoxe Kirche geplant. Als fünfte Möglichkeit schlägt der Bund Naturschutz vor, das Gymnasium an die kleine Grundschule im Neubaugebiet Prinz-Eugen-Park anzugliedern.