Bildungskonzept für Flüchtlinge Angekommen im Klassenzimmer

In der Berufsschule an der Balanstraße werden ausschließlich Flüchtlinge unterrichtet - ohne feste Lehrpläne und Schulbücher. Innerhalb von zwei Jahren sollen die Jugendlichen fit für den Arbeitsmarkt sein

Von Melanie Staudinger

Ramadan Hamuod blickt ratlos. "No English", sagt der 17-Jährige und schaut auf die Geräte, die sein Lehrer vor ihm aufgebaut hat. Der heißt Martin Hofer, und an Sprachschwierigkeiten ist der Schreinermeister gewöhnt. Hofer hebt eine Zwinge hoch, ihr Name steht in roten Buchstaben darunter. Rot, weil das Wort weiblich ist. "D-I-E Zwinge", sagt Hofer. "Weiblich, female." Ramadan rümpft die Nase. "D-E-R Winkel, blau geschrieben, männlich." Ramadans Gesicht erhellt sich. "Und grün ist D-A-S", sagt er. Sachlicher Artikel, Prinzip verstanden. Ramadan besucht seit dieser Woche die erste Schule für Flüchtlinge in München, die den etwas sperrigen Namen "Städtische Berufsschule zur Berufsintegration" trägt.

Dort lernt der Syrer mit knapp 420 anderen Schülern zwei Jahre lang intensiv Deutsch und bereitet sich auf eine Berufsausbildung vor. Die Jugendlichen stammen aus Syrien, Irak, Iran, Eritrea, aus Afghanistan, Nigeria, Somalia, Sierra Leone, dem Senegal oder aus den Balkan-Staaten. Sie eint ein Schicksal: Die jungen Menschen sind aus ihrer Heimat geflohen - vor Krieg, Armut, Hunger, Diskriminierung. Und sie alle haben ein Ziel: Sie wollen ankommen in Deutschland, eine Existenz für sich und ihre Familie aufbauen. Dazu brauchen sie Arbeit, und die wiederum findet nur, wer Deutsch spricht und einen Abschluss vorweisen kann.

Die Schule an der Balanstraße hat sich in den fünf Jahren ihres Bestehens zum Vorzeigeprojekt entwickelt. Und so verwundert es nicht, dass die Bildungseinrichtung eine zentrale Rolle in der neuen Strategie "Bildung und Sport für Flüchtlinge/Neuzugewanderte" spielt, über die Bildungsausschuss, Sportausschuss, Kinder- und Jugendhilfeausschuss sowie Sozialausschuss in ihrer gemeinsamen Sitzung an diesem Donnerstag beraten.

Schulleiter Klaus Seiler und sein Stellvertreter Eric Fincks sind von Anfang an dabei. Zuerst war ihre Schule als Teil der Berufsschule zur Berufsvorbereitung am Bogenhausener Kirchplatz konzipiert. Dort werden Jugendliche beschult, die nach der Schule keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Doch schnell wurde der Platz zu klein. Die anfangs vier Flüchtlingsklassen zogen an die Balanstraße. Und es kamen immer mehr Schüler hinzu. 21 Klassen zählt die Schule mittlerweile, 42 Lehrer - Gymnasiallehrer ebenso wie Berufsschullehrer, Magister-Absolventen und Praktiker - arbeiten hier. Seit August ist die Einrichtung selbstständig

Die Berufsschule unterscheidet sich von herkömmlichen Schulen. Es gibt nur Doppelstunden, dafür keinen Gong. Eine große Rolle spielt der Sprachunterricht. Zehn Stunden Deutsch pro Woche sind Pflicht, zusätzlich ist die Sprachvermittlung in allen anderen Fächern eingebaut. Im praktischen Unterricht in den Bereichen Holz, Metall, Fahrrad, Einzelhandel, Gartenbau, Textiltechnik, Pflege, Gastronomie und Haustechnik etwa sind in den Klassenzimmern alle Gegenstände beschriftet und nach ihrem grammatikalischem Geschlecht farblich geordnet.

Ein Blick in die Klasse von Deutsch-Lehrerin Tanja Erban zeigt das anspruchsvolle Pensum der Jugendlichen. Der Beamer projiziert ein Video von Xavier Naidoo an die Wand, "Dieser Weg" schallt aus den Lautsprechern, das Lied, das die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 zu ihrem Teamsong gemacht hat. Die Schüler in der Balanstraße sollen nun aus einer Liste passende Adjektive zum Text herausfinden und erklären, warum sie diese gewählt haben. Hoffnungsvoll, weil das Leben so viel bietet, aber auch pessimistisch, weil der Weg zum Ziel oft steinig ist.

Mit den Inhalten identifizieren sich die Jugendlichen, die Art des Unterrichts erfordert aber auch eine Abstraktionsgabe. "Unsere Lehrer können individuell auf jede Klasse eingehen", erklärt Fincks. Kein Lehrplan schreibt ihnen vor, was sie zu vermitteln haben. Kein Schulbuch beschränkt den Unterricht auf langweiligen oder veralteten Stoff. Jeder Lehrer gestaltet seinen Unterricht selbst. "Mittlerweile gibt es sogar ein paar Schulbücher, aber wir haben bisher keines gefunden, dass uns zu 100 Prozent überzeugt hat", sagt der stellvertretende Direktor. Die Lehrer nutzen lieber ihr eigenes Material.

Improvisation ist an der Balanstraße immer wieder gefragt, schon allein, weil die Schüler unterschiedlicher nicht sein können. Aufgenommen werden alle Flüchtlinge zwischen 16 und 25 Jahren, die noch keinen Schulabschluss in Deutschland gemacht haben und mindestens ein Sprachniveau von A1 vorweisen, was bedeutet, dass sie sich vorstellen und einfache Sätze bilden können. Abiturienten sitzen neben Schülern, die gerade einmal einen Alphabetisierungskurs absolviert haben, Christen neben Muslimen, Sunniten neben Schiiten und Aleviten. Frauen und Männer werden gemeinsam unterrichtet, was nicht in allen Kulturkreisen selbstverständlich ist.

Die einen sind gerade 16 oder 17 Jahre alt geworden, die anderen haben schon eigene Kinder und kümmern sich nach dem Unterricht um ihre kleine Familie. Viele sind traumatisiert und brauchen eine spezielle Betreuung. Krieg, Vergewaltigungen und Furcht vor dem Tod haben ihnen in ihrer Heimat zugesetzt. Und die Angst hört in München nicht auf. Denn viele Schüler befinden sich in einer unsicheren Situation, ihr Aufenthaltsstatus ist ungeklärt. Sie wissen nicht, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben dürfen. Vielleicht haben bundespolitische Entscheidungen und Debatten nirgendwo sonst in der Stadt eine so direkte Auswirkung. Wenn die Bundesregierung die Asylverfahren beschleunigen will, verstärkt das an der Balanstraße die Unruhe. Immer wieder fehlen Schüler, weil sie in ihren Anhörungen vorsprechen müssen. Gerade sind besonders die Afghanen nervös. Ihnen drohen Sammelabschiebungen. "Das merken wir im Unterricht stark", sagt Frincks. Wer könne sich konzentrieren, wenn er fürchten muss, dass er bald nach Afghanistan zurückgebracht wird?

Die Lehrer stellt diese Gemengelage vor große Herausforderungen. Zur Unterstützung haben sie fünf Schulsozialarbeiterinnen. Zusammen bieten sie Projekte an, Selbstbehauptungskurse für die Frauen etwa, Schwimmkurse oder Sexualaufklärung. Dabei steht eines immer im Vordergrund: Die Schüler sollen sich in Deutschland einfinden, die Kultur kennenlernen, eigene Vorbehalte abbauen. "Nur so können sie sich integrieren", sagt Seiler.

Integration ist ein großes Wort. Die Berufsschule an der Balanstraße aber zeigt jeden Tag, wie Eingliederung funktionieren kann. Und die Zahlen geben dem Konzept recht: Mehr als die Hälfte aller Absolventen schaffen direkt nach den zwei Jahren den Sprung in eine Ausbildung, andere steigen gleich in einen Beruf ein - sofern sie in Deutschland bleiben dürfen.