Behinderte filmen sich selbst Ein Leben voller Hürden - und Spaß

Drei Münchner mit geistiger Behinderung haben sich drei Jahre lang gegenseitig gefilmt. Sie zeigen: Auch wenn die Leute gaffen und blöde Bemerkungen machen - sie haben Spaß am Leben. Mit Video.

Von Manuela Antosch

Silvia Mayerhofer sitzt auf einem Stuhl und strahlt. Vor ihr steht ihre Geburtstagstorte, der Raum ist mit Girlanden und Luftballons geschmückt und sie packt ihre Geschenke aus. Viele Freunde sind gekommen, sie singen ihr ein Ständchen. Silvia feiert ihren 50. Geburtstag.

Für die Dokumentation "Ich komm gut klar - mit mir!" haben sich (von links) Silvia Mayerhofer, Moritz Lück und Judith Pollmächer drei Jahre lang selbst gefilmt. Alle drei sind geistig behindert.

(Foto: Catherina Conrad)

Eine Szene aus dem Film Ich komm gut klar - mit mir!, der an diesem Samstag im Maxim-Kino Premiere feiert. Silvia ist behindert, die ganze rechte Körperhälfte spastisch gelähmt. Sie kann nicht richtig gehen, nicht richtig sprechen. Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, dann gaffen die Leute, gucken mitleidig oder machen blöde Bemerkungen.

"Früher hat mir das weh getan. Aber jetzt macht es mir nichts mehr aus", sagt die Frau selbstbewusst, die Arme verschränkt, aber immer lächelnd. Sie sagt, wenn sie etwas nicht versteht und sie sagt, wenn ihr etwas nicht passt. "Denen kann ja auch was passieren. Die brauchen nur einen Unfall haben. Ich kann ja nichts dafür, dass ich behindert bin."

Silvia Mayerhofer lebt allein in einer Wohnung. Sie geht alleine einkaufen, kocht, geht zur Bank. Hilfe braucht sie nur, wenn sie Formulare fürs Amt ausfüllen muss oder wenn es um größere Anschaffungen, zum Beispiel Möbel, geht. Sie arbeitet in einer Firma und ist seit fünf Jahren verheiratet. Kinder mag sie aber nicht - "da hab ich keine Zeit dazu".

Denn ihre Freizeit verbringt sie im Löhe Haus der Offenen Behindertenarbeit in der Blutenburgstraße in Neuhausen. Dort tanzt sie, singt, bedient an der Bar. Und hier hat sie auch Catherina Conrad kennengelernt, eine Filmemacherin aus München. Conrad hat eine Dokumentation über Silvias Leben gedreht - zusammen mit zwei weiteren Münchner Behinderten. "Ich finde es schade, nur etwas über jemanden zu erzählen", sagt Conrad. In ihrem Film bestimmen die Hauptpersonen mit.

Mal bedrückend, mal zum Schmunzeln

Silvia Mayerhofer, Moritz Lück und Judith Pöllmacher sind geistig behindert und stellen in dem Film Ich komm gut klar - mit mir! ihr Leben dar. Was und wo sie drehen, das entscheiden sie zusammen mit Catherina Conrad. Die Kamera bedienen hauptsächlich die drei Hauptpersonen selbst, die Technik hatten sie schnell im Griff. Catherina Conrad dokumentiert mit einer zweiten Kamera die Arbeit.

So entstehen über drei Jahre hinweg authentische Bilder, bedrückende Szenen und Situationen zum Schmunzeln. Pausen dürfen sein, Mikrofone und Stative im Bild stören nicht. Einfühlsam erzählt der Film so vom Leben mit Behinderung. Wenn Judith sagt, dass sie nicht ausziehen will, weil sonst die Eltern traurig sind. Wenn Moritz die Stimme stockt, weil ihn seine Freundin verlassen hat. Wenn Silvia meint, dass sie natürlich lieber gesund wäre.

Ihren Spasmus hat Silvia Mayerhofer seit der Geburt. Mehr weiß sie nicht über ihre ersten Lebensjahre. Irgendwann geben die Eltern sie in ein Kinderheim. Warum, weiß sie nicht. Das Heim besucht Silvia Mayerhofer jetzt mit dem Filmteam nach vielen Jahren wieder und zeigt stolz das Schlösschen und den Garten. "Die waren total streng, die Nonnen, aber wohlgefühlt hab ich mich schon", erzählt sie im Blumengarten. "Hauptsache, ich bin untergekommen. Und nicht so wie früher die kleinen Kinder, die oft umgebracht wurden von den Eltern."