Amnesty International "In zehn WM-Ländern gibt es die Todesstrafe"

Zur Fußball-WM startet Amnesty International eine Aktion gegen die Todesstrafe. Bezirkssprecherin Bausch-Gall über Hinrichtungen, Menschenrechte und was das mit Fußball zu tun hat.

Interview: B. Wild

"Platzverweis für die Todesstrafe" heißt die bayernweite Aktion, mit der sich Amnesty International (AI) am Samstag, den 19. Juni 2010, für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt. Die Münchner Bezirkssprecherin Ingrid Bausch-Gall spricht über Hinrichtungen, Menschenrechte und was das mit Fußball zu tun hat.

Kopf durch die Fotowand stecken und sich als Schiedsrichter gegen die Todesstrafe fotografieren lassen: Mit dieser Aktion protestiert Amnesty International gegen die Hinrichtungen in WM-Ländern.

(Foto: online.sdemuenchen)

sueddeutsche.de: Anlässlich der Fußball-WM in Südafrika veranstalten Sie eine bayernweite Aktion gegen die Todessstrafe. Was hat die WM mit der Todesstrafe zu tun?

Ingrid Bausch-Gall: In zehn Ländern, die bei der WM mitspielen, gibt es noch die Todesstrafe. Für uns ist das ein guter Anlass, ja eine Notwendigkeit, mit einer Aktion auf diese Missstände hinzuweisen.

sueddeutsche.de: Um welche Länder handelt es sich?

Bausch-Gall: Man muss diese Länder grundsätzlich erst einmal in drei Kategorien einteilen. Da gibt es die Länder, in denen die Todesstrafe nur noch in Kriegszeiten existiert. Dazu gehören Brasilien und Chile. In der zweiten Kategorie sind Länder, in denen es die Todesstrafe per Gesetz noch gibt, wo sie aber nicht vollstreckt wird. Algerien, Ghana, Kamerun und Südkorea gehören hierzu. Und dann gibt es die Ländern, in denen nach wie vor hingerichtet wird. Die USA, Nordkorea, Japan und Nigeria fallen in diese Sparte.

sueddeutsche.de: Wie viele Menschen wurden im vergangenen Jahr hingerichtet?

Bausch-Gall: Weltweit waren es offiziellen Angaben zufolge 714 Hinrichtungen in 18 Staaten, wobei die Dunkelziffer in China wahrscheinlich in die Tausende geht. Von den Ländern, die bei der WM mitspielen, waren es alleine in den USA 52 Personen, die getötet wurden; zudem wurden dort im vergangenen Jahr 105 Personen neu zum Tode verurteilt. In Japan sind sieben Menschen getötet worden, in Nigeria im vergangenen Jahr glücklicherweise niemand und in Nordkorea gibt es keine offiziellen Zahlen. Wir vermuten aber, dass die Zahl sehr hoch ist.

sueddeutsche.de: Wie sieht die Aktion am Samstag aus?

Bausch-Gall: Es wird in allen größeren bayerischen Städten einen Infostand in der Innenstadt geben. In München stehen wir von elf bis 15 Uhr in der Fußgängerzone in der Neuhauser Straße.

sueddeutsche.de: Sie haben eine Fotowand dabei - und wollen Menschen, die gegen die Todesstrafe protestieren möchten, fotografieren.

Bausch-Gall: Ja, durch die Fotowand kann man seinen Kopf stecken. Auf der Wand ist ein Schiedsrichter auf einem Spielfeld abgebildet, der eine rote Karte hochhält. Die Fotos werden wir dann auf unsere Homepage hochladen.

sueddeutsche.de: Was gibt es noch für Aktivitäten?

Bausch-Gall: Unter anderem lassen wir die Leute eine Petitionskarte an den japanischen Justizminister unterschreiben, damit er endlich Okunishi Masaru begnadigt, der mittlerweile 82 Jahre alt ist und seit 1972 in der Todeszelle sitzt. Masuru behauptet von sich, dass er unschuldig ist. Wir wollen, dass sein Verfahren wieder aufgenommen wird.

sueddeutsche.de: Kann Amnesty International denn etwas bewirken mit solchen Aktionen?

Bausch-Gall: Selbstverständlich. Sehen Sie, 1948 gab es weltweit lediglich acht Staaten, die keine Todesstrafe im Gesetz hatten. 1976 hat Amnesty International mit dieser Kampagne begonnen, bereits zwei Jahre später war die Todesstrafe dann schon in 19 Staaten abgeschafft. 2010 haben 139 Länder keine Todesstrafe mehr. In 101 Staaten wird leider immer noch hingerichtet. Aber wir kämpfen weiter.

sueddeutsche.de: Was können Menschen tun, die sich gegen die Todesstrafe engagieren wollen, aber am Samstag nicht vorbeikommen können?

Bausch-Gall: Auf unserer Internetseite www.amnesty-muenchen.de kann jeder eine Petition zum Unterschreiben herunterladen. Außerdem kann man jederzeit aktives Mitglied bei Amnesty International werden. Wer gegen die Todesstrafe ist, sollte sich engagieren.